Annegret Wulff, Geschäftsführerin des Berliner Vereins MitOst e.V., der kulturellen Austausch und aktive Bürger:innenschaft in Europa und seinen Nachbarregionen fördert.

 

Frau Wulff, Sie sind seit über 20 Jahren für MitOst tätig. Inwiefern hat der russische An-griffskrieg auf die Ukraine Ihre Zusammenarbeit mit mittel- und osteuropäischen Partner:innen verändert?

Seit dem 24. Februar, dem Tag des Angriffs Russlands auf die Ukraine, sind wir in engem Kontakt mit unseren langjährigen Partner:innen in der Ukraine und unterstützen, wo wir können und wo es gebraucht wird. Wir haben die Kraft unseres großen MitOst Netzwerks gespürt, als wir sofort eine Spendenaktion gestartet haben und in kürzester Zeit mehr als 1,2 Millionen Euro zusammengekommen sind. Damit haben wir hauptsächlich im humanitären Bereich geholfen: bei der Evakuierung, mit medizinischer Ausrüstung, auch mit Schutzausrüstung. Unsere Partner:innen vor Ort haben sich auch für die Evakuierung und den Schutz von Kunstwerken eingesetzt – wir sind froh, dass wir das finanziell unterstützen konnten. In der Grenzregion in Polen und Moldova und in Deutschland sind Menschen aus unserem Netzwerk aktiv und haben zur Flucht gezwungene Menschen aufgenommen.

 

Mit dem Vidnova-Fellowship ermöglichen Sie seit einem halben Jahr Stipendien für Akteur:innen der ukrainischen Zivilgesellschaft. Wie ist Ihre Zwischenbilanz?

Wir haben gesehen, dass Angebote entstanden sind für Künstler:innen, Journalist:innn und Wissenschaftler:innen – was großartig ist. Mit dem Vidnova Stipendium wollten wir eine Lücke füllen: ein Stipendium für geflüchtete zivilgesellschaftliche Akteur:innen. Wir verstehen das bewusst sehr breit, weil wir überzeugt sind, dass die Zivilgesellschaft für den Wiederaufbau der Ukraine eine zentrale Rolle spielen wird. Dies gilt für alle unterschiedliche Felder, in denen sich Menschen engagieren: im Schutz von Minderheiten, in der Bildung oder Gesundheit, in lokalen Communities. Die Stipendiat:innen sind angedockt an zivilgesellschaftliche Organisationen in ganz Europa und auf den Netzwerktreffen wollen wir die zukünftige Zusammenarbeit stärken. Wir sehen, wie sehr dieser Rahmen gebraucht wird – Menschen werden aus ihrem Kontext gerissen, oft sind es Frauen mit Kindern, die sich allein in einer neuen Umgebung orientieren müssen. Wir sehen, wie ein Austausch und die gegenseitige Unterstützung hier stärken.

 

Die Fellows bearbeiten bei Partnerorganisationen eigene Projekte. Welche Beispiele können Sie nennen?

Es gibt da ganz unterschiedliche Richtungen. Uns war es wichtig, eine Möglichkeit für die Stipendiat:innen zu schaffen, aktiv zu bleiben, etwas für die Ukraine zu tun – auch Dinge weiter zu führen, die sie schon in der Ukraine begonnen haben. Eine Stipendiatin plant, eine Landkarte der ukrainischen Diaspora Organisationen in Deutschland zu erstellen, um mit diesem Überblick deren Vernetzung zu unterstützen. In Warschau gibt es Aktivitäten für Kinder mit Autismus und deren Familien mit dem Ziel, ihr Ankommen in der neuen Umgebung zu erleichtern.