Erinnerungskultur

Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus und Diskriminierung – auch mehr als 76 Jahre nach dem Ende der Terrorherrschaft des Nationalsozialismus (NS) gehören sie zum Alltag in Deutschland und prägen die gesellschaftlichen Debatten. Mit einer in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt betriebenen Aufarbeitungs- und Erinnerungsarbeit wird bis heute versucht, die Ursachen für das Entstehen des NS-Regimes zu ergründen und so dazu beizutragen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.

Erinnerung verändert sich permanent. Altes wird gelöscht, Neues hinzugefügt und Bestehendes modifiziert. Das trifft nicht nur auf die Gedächtnisleistung des Menschen zu. Ganzen Gemeinschaften, gar Nationen, wird ein kollektives Gedächtnis oder die Fähigkeit zugeschrieben, sich an identitätsstiftende Ereignisse zu „erinnern“ – und sie in Form von Erzählungen, Traditionen oder Gedenkveranstaltungen abzurufen und weiterzugeben. An was sich eine Gemeinschaft wie erinnert ist dabei Teil ihrer Erinnerungskultur.

Kollektives Gedächtnis 

Laut Lexikon des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa ist „Erinnerungskultur“ eine relativ junge Wortneuschöpfung, die aus der intensivierten Erinnerungsforschung der 1990er hervorging. Astrid Erll, Professorin für Anglophone Literaturen und Kulturen, definiert Erinnerungskulturen als die „historisch und kulturell variablen Ausprägungen von kollektivem Gedächtnis." Demnach hätten „wir es niemals, auch nicht in den homogensten Kulturen, mit nur einer einzigen Erinnerungsgemeinschaft zu tun." Anders ausgedrückt: Erinnerungskultur ist „der spezifische Umgang Gemeinschaft mit der Vergangenheit" (Hahn u. a.).

Zahl

  • 82,1 Prozent

    der Befragten erinnert sich, dass Juden:Jüdinnen zu den Opfern der Nationalsozialisten gehörten, weniger als die Hälfte (44,5 %) hingegen an Sinti:ze und Rom:nja. (Quelle: MEMO IV, Fokusbericht 2021)

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Verschwiegen, verdrängt, verharmlost

Dabei ließ sich die deutsche Erinnerungskultur lange Zeit eher als Verdrängungskultur bezeichnen. Während man in der Bonner Republik der Nachkriegszeit nichts von den eigenen Verbrechen wissen wollte, lehnte die DDR als antifaschistischer Staat par excellence jede Verantwortung für die Verbrechen des NS ab.

Das eiserne Schweigen der deutschen Nachkriegsgesellschaft wurde mit der Student:innen-Bewegung der 1960er Jahre erstmals gebrochen. Sie forderten ihre Väter, Mütter und die deutsche Gesellschaft insgesamt heraus und dazu auf, sich endlich ihrer Vergangenheit und Verbrechen zu stellen. 

Die Erinnerungskultur in Deutschland hat sich seither fortlaufend verändert und weiterentwickelt. Heute gehören die Erinnerung an die deutsche Geschichte und die daraus abgeleitete Verantwortung zur deutschen Staatsräson – ein Meilenstein, der sich auch im Stiftungsnamen der EVZ (Erinnerung, Verantwortung und Zukunft) ausdrückt.

Vielfältige Ansätze, um die Erinnerung wachzuhalten

Heute sind besonders Schulen zu einem wichtigen Ort der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und Vermittlung von Erinnerungskultur geworden. Auch Dokumentar-, Kino- und Fernsehfilme, Gedenkstätten und Mahnmale oder die Begegnungen mit Menschen, die die Verfolgung durch die Nationalsozialisten überlebt haben, halten die Erinnerung an die NS-Zeit und deren Opfer im kollektiven Bewusstsein wach und nehmen eine wichtige Rolle für die Aufarbeitung ein. So fördert die Stiftung EVZ, insbesondere im Rahmen ihres Handlungsfeldes Bilden, Projekte, die zur Reflexion der Geschichte des Nationalsozialismus, insbesondere der NS-Zwangsarbeit in den europäischen Erinnerungen anregen, Erfahrungen der NS-Opfer nachhaltig für die historisch-politische Bildung dokumentieren, weitergeben und verfügbar machen und die zur Weiterentwicklung der Erinnerungskulturen in der Migrationsgesellschaft Deutschland beitragen.

Annette Schavan

Die MEMO-Studie macht deutlich, dass Erinnerung ein Prozess ist, nie ein fertiges Produkt. Es sind Generationen-, Herkunfts- und Bildungsfragen, die unsere Erinnerung determinieren – und die auch deutlich machen, dass die Beschäftigung mit NS-Unrecht zum lebenslangen Lernen gehört.
Annette Schavan
Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung EVZ und Bundesbildungsministerin a. D.

Auf der Suche nach neuen Formen und Perspektiven

Doch sind die bisherigen Formen der vorherrschenden deutschen Erinnerungskultur ausreichend und noch zeitgemäß? Wie haltbar ist der erinnerungskulturelle Konsens der deutschen Gesellschaft? Werden dort die Perspektiven marginalisierter Gruppen (Juden:Jüdinnen, Rom:nja und Sinti:ze, Schwarzen Menschen, People of Color, migrantischen, diasporischen Communities) berücksichtigt oder dominieren von der Mehrheitsgesellschaft geprägte Erzählformen über den Nationalsozialismus, seine Völkermorde und seine Nachwirkungen? Was passiert, wenn verschiedene Erinnerungsgemeinschaften aufeinandertreffen – welche Konflikte und Widersprüche müssten gelöst werden? Und wie beeinflussen die Neuen Medien die Auseinandersetzung mit der Zeit des NS?

Derzeit steht die Frage, ob neue Ansätze des Erinnerns notwendig sind, auf der Agenda der Stiftung EVZ und der von ihr geförderten Einrichtungen weit oben. So sollen etwa im EVZ-Förderprogramm „digital // memory“ neue digitale Formate für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus entwickelt und erprobt werden.

 

#EVZgefördert

  • Serious Games

    Die Lern- und Kommunikationswelten ändern sich: Serious Games bieten als Format innerhalb der Games Community eine Möglichkeit, neue Impulse in der historisch-politischen Bildung zu setzen. Das Projekt „Behind the Scenes: Nuremberg ’34“ wird vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg umgesetzt und verbindet den Tech-Bereich mit der Gedenkstättenarbeit, in der das Spiel eingesetzt wird.

  • Multimediale Ausstellung

    Modedesignerin, Künstlerin, Grafikerin und Kuratorin Helena Bohle-Szacki war Überlebende der Lager in Ravensbrück und Flossenbürg. Das Projekt im Förderprogramm local.history international spürt der Lebensgeschichte einer der berühmtesten polnischen Modedesignerinnen nach – und soll gleichzeitig im Textilmuseum der Stadt Łódź neue Zielgruppen für die Auseinandersetzung mit Verfolgung und NS-Zwangsarbeit ansprechen.

  • Mediale Zugänge

    Es gibt viele Orte unfassbarer Verbrechen, die keinen Platz in unserer Erinnerungskultur haben. Dazu gehört z.B. Babyn Jar bei Minsk – 30.000 Menschen wurden im Herbst 1941 dort von den Nazis ermordet. Im Projekt Cultures of Remembrance vom Verein Educat werden digital-mediale Formate zu vergessenen Orten und unterschiedlichen Erinnerungskulturen in Deutschland, Belarus, Russland und Ukraine erprobt. Das Projekt ist Teil des Förderprogramms Jugend erinnert.

Publikationen