Dr. Dina von Sponeck vom Heidelberger Bündnis „Gemeinsam Zeitzeugenschaft im Generationswechsel begegnen“

 

Mit Ihrem Bündnis ist Ihnen etwas ziemlich Einzigartiges gelungen. Sie haben Überlebende der NS-Verfolgung zweier Verfolgtengruppen, nämlich der jüdischen und der der Sinti:zze und Rom:nja, und ihre Familien miteinander ins Gespräch gebracht.  Wie konnte das gelingen?

Es ging darum, bedarfsgerechte Angebote für die Überlebenden, ihre Familienangehörigen und Nachkommen in der 2. und 3. Generation anzubieten. Damit sollte ein Austausch über die Verfolgungserfahrungen, die eigenen oder die der Eltern bzw. Großeltern ermöglicht werden. Wir wollten eine Gesprächskultur zwischen den verfolgten Gruppen und den verschiedenen Generationen anregen. Und auch zeigen, wie sich das Leiden in den nachfolgenden Generationen bemerkbar macht. Also haben wir einen Safe Space geschaffen, wo sich die Familien erstmal treffen und den sie dann selber gestalten konnten. Wichtig waren Vertrauenspersonen der verschiedenen Gemeinden, die immer da, immer ansprechbar waren. Und natürlich eine seniorengerechte Infrastruktur.

Über Theater- und Biografie-Workshops oder gemeinsame Ausflüge konnten sich die Familien annähern und auch lernen, über sich selber zu sprechen. Durch den vertrauten Rahmen der regelmäßigen Treffen im selben Personenkreis und dem Zuhören anderer Geschichten, haben sich viele Teilnehmende erstmals geöffnet und über ihre Erfahrung mit Antiziganismus / Antisemitismus gesprochen. Wir haben ja ein ähnliches Schicksal. Wir wollen miteinander und voneinander lernen. Es war ein langer Weg, Vertrauen aufzubauen, aber aus diesem Weg ist eine Freundschaft geworden, die auch auf dem gegenseitigen Interesse an den verschiedenen Kulturen fußt.

Wo gibt es Besonderheiten in der kollektiven Verarbeitung von Traumata zwischen beiden Teilnehmergruppen?

Die Verarbeitung von Traumata ist immer individuell und hängt von den gesellschaftlichen Kontexten der Überlebenden und ihrer Familien ab. Die späte Anerkennung des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma - erst 1982 durch die Bundesregierung unter dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt - führte auch zu Lücken in der Erinnerungskultur in der gesamten deutschen Gesellschaft, aber auch in den betroffenen Familien.  Eine Aufarbeitung der Familiengeschichte war lange unmöglich und ist es oftmals bis heute. Die Sinti und Roma der 1. und 2. Generation wurden erst spät in die öffentliche Auseinandersetzung einbezogen, während die Mitglieder der jüdischen Gemeinden schon sprechen, sich mit den Traumata des Holocausts auseinandersetzen konnten. Es besteht also eine zeitversetzte Verarbeitung von familiären Traumata und anderen Folgen der NS-Verfolgung wie etwa Benachteiligungen im Bildungssystem. Ein Unterschied ist nämlich auch, dass viele Sinti:zze und Romn:ja nach 1945 nach Deutschland, in ihre Heimatstädte wie Heidelberg zurückgekehrt sind und hier eine zweite Verfolgung erlebt haben – den Antiziganismus. Die jüdischen Bewohner Heidelbergs haben meist einen migrantischen Hintergrund, sind etwa aus den Arbeitslagern in der Ukraine und anderen Teilen der ehemaligen UDSSR geflohen. Für sie ist der aktuelle Krieg in der Ukraine und der fortwährende Antisemitismus in Deutschland natürlich besonders schlimm.

Was konnte das Bündnis darüber hinaus als zukunftsweisendes Modell für eine lebendige Erinnerungskultur erreichen?

Wir konnten beispielsweise das Amt für Chancengleichheit der Stadt Heidelberg als Bündnispartner gewinnen. Dadurch bekommen die beiden Gruppen und auch die Auseinandersetzung mit gruppenspezifischer Diskriminierung eine höhere Sichtbarkeit in der Stadtgesellschaft und in der Verwaltung. Natürlich ist der Dialograum auch ein geschützter Raum, um über Möglichkeiten zur Weitergabe der Geschichte durch die 2., 3. und 4. Generation nachzudenken. Wir konnten bisher schon 13 Videos von Überlebenden aufnehmen und noch weitere Überlebende, zum Teil über Hundertjährige, wollen ihre Erlebnisse in Form von Videos festhalten. Nun bleibt zu überlegen, wie wir und die Familien mit diesen wichtigen Dokumenten arbeiten wollen. Zudem konnten wir mit unserem Bündnispartner „Heidelberger Lupe“ und der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg auch im wissenschaftlichen Kontext andocken und etwa die biographische Aufarbeitung der Familiengeschichten unterstützen und Begegnung zwischen Studierenden und Zeitzeug:innen ermöglichen. Gerade letzteres war den Überlebenden besonders wichtig.

 

Tipp: Hier finden Sie einen Bericht zur Podiumsdiskussion „Erinnerungen im Dialog – Lebendige Erinnerungskultur durch Bündnisse schaffen“.