Im ko-kreativen Workshop des strukturierten Dialogs der Bildungsagenda NS-Unrecht haben Nachkommen von NS-Verfolgten sowie Mitarbeitende von Bildungsträgern und Gedenkstätten über ihre Bedarfe und ihr Engagement gesprochen. Was sie eint: Der Ruf nach mehr Partizipation.

Es gibt Menschen, die eint Unvorstellbares; in deren Familienbiografien finden sich erst Verfolgung und Mord, dann Abwehr und Schweigen von Seiten der Täter:innen und Mitläufer:innen. Was viele dieser Menschen darüber hinaus verbindet, ist die Erfahrung, dass sie und ihre Geschichten nur selten gehört werden (wollen). Beginnen wir diesen Beitrag also mit ihren Worten.

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Nachkommen – das sind die Kinder, Enkel:innen, ja Urenkel:innen von NS-Verfolgten, deren Familienbiografien geprägt sind von Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung. Mit dem Tod der Angehörigen, die den Terror des NS-Regimes noch selbst erleiden mussten, enden die Erfahrungen der Extreme nicht. Familiäre Traumata werden über Generationen hinweg weitergegeben und prägen bis heute das Leben vieler Nachkommen. Der Begriff „Gefühlserbschaft“ fällt in diesem Zusammenhang oft.

In krassem Kontrast dazu steht die Tatsache, dass ihre Erfahrungen und ihr Engagement in der historisch-politischen Bildungsarbeit nur wenig wahrgenommen und sie von der Mehrheitsgesellschaft pathologisiert werden: So berichten mehrere Nachkommen von NS-Verfolgten, in der politischen und gesellschaftlichen Debatte nicht ernst genommen zu werden, weil sie angeblich zu betroffen und persönlich involviert seien – wohingegen es den Nachkommen der Täter:innnen zugestanden werde, neutral mit dem Thema NS-Verfolgung umgehen zu können. Fachlich Expertise, die sich durch jahrelange Arbeit und Engagement angeeignet wurde, wird negiert.
 

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Um das zu ändern und jenen zuzuhören, über die sonst nur gesprochen wird, hat die Stiftung EVZ jüngst einen ko-kreativen Workshop des strukturierten Dialogs der Bildungsagenda NS-Unrecht initiiert. Nachkommen von NS-Verfolgten sowie Bildungsträger:innen und Gedenkstätten, die mit Nachkommen zusammenarbeiten, sollten selbst zu Wort kommen und erzählen, was sie bewegt und welche Ressource sie benötigen, um einen Beitrag zur historisch-politischen Bildungsarbeit zu leisten.

Denn trotz der hohen gesellschaftlichen Hürden und Abwehrreflexe sind die Menschen, die an diesem Tag zusammenkommen, engagiert und motiviert, arbeiten seit Jahren mit Expertise und Energie in Gedenkstätten, Organisationen und Verbänden, beraten, schreiben Bücher, nehmen Podcasts auf. Sie sind nicht zuerst Nachkommen von NS-Verfolgten, sondern Expert:innen auf ihrem Gebiet. Viele kennen sich bereits, sind untereinander vernetzt. Und jene, die sich an diesem Tag das erste Mal begegnen, finden schnell Anknüpfungspunkte: Das Schweigen innerhalb der Familie, die späte Kenntnis der eigenen Familienbiografie, die emotionale Belastung, das soziale Engagement, die Wut. Der Redebedarf ist enorm.
 

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Die Teilnehmenden sind aus allen Teilen Deutschlands angereist; in ihren Familienbiografien finden sich KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter:innen, jüdische Überlebende aus Ungarn, Rumänien, Russland, Sinti:ze-Überlebende aus Polen und Deutschland, NS-„Euthanasie“-Opfer, Widerstandskämpfer. Sie sind in der einen oder anderen Weise in der Bildungsarbeit engagiert und stoßen auf ähnliche Probleme – im beruflichen und privaten Kontext.

Wissenslücken, Marginalisierung, ungenügende Ressourcen, strukturelle Probleme, fehlender Austausch, Dominanz der Mehrheitsgesellschaft, überhörte Stimmen - manchmal übersteigt die Vielfältigkeit und Komplexität eines Problems die Darstellungsmöglichkeiten eines Textes. Daher schließen wir hier mit einer anderen Erzählweise ab: Das Graphic Recording von Ellen Backes hat die Ergebnisse des Workshops visualisiert. 
 

Dieser kurze Bericht der Stiftung EVZ war eine Momentaufnahme aus den Beobachtungen des Workshops.

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