Interview: Dr. Michael Jansen

Interview mit dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Stiftung EVZ

Dr. Michael Jansen war bereits von September 2000 bis Juni 2004 sowie von Juli 2006 bis Juli 2007 Vorsitzender des Vorstands der Stiftung EVZ. Im Jahr 2008 berief Bundeskanzlerin Angela Merkel ihn zum Vorsitzenden des Kuratoriums der Stiftung EVZ. Im März 2015 wählte das Kuratorium der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) den Staatssekretär a.D. Dr. Michael Jansen erneut zum Interims-Vorstandsvorsitzenden. Jansen folgte auf Dr. Martin Salm, der aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig seine Amtszeit beendigte und im November 2015 verstarb. Am 31.3.2016 übergab Jansen sein Amt an Dr. Andreas Eberhardt.

Dr. Jansen, als Sie im Jahr 2007 den Vorstandsvorsitz niederlegten, hatte die Stiftung EVZ erfolgreich die Zahlungen an mehr als 1,6 Millionen NS-Zwangsarbeiter abgeschlossen. Was war Ihnen bei dieser Arbeit besonders wichtig?

Angesichts des hohen Alters der Antragsteller war es uns zunächst wichtig, dass so schnell wie möglich Zahlungen an Menschen geleistet werden konnten, die als Sklaven- und Zwangsarbeiter im NS-Unrechtssystem auf menschenverachtende Weise ausgebeutet wurden. Um schnell beginnen zu können, wurde die erste Rate an die Überlebenden ausgezahlt, bevor wir überhaupt wussten, wie viele Personen weltweit berechtigte Ansprüche an die Stiftung haben. Viel bedeutet hat mir auch, dass es durch die Öffnung der Grenzen erstmals möglich wurde, Entschädigungsleistungen an NS-Zwangsarbeiter aus Mittel- und Osteuropa auszuzahlen. Die überwiegende Zahl der Antragsteller, die bis zum Jahr 2007 eine Leistung der Stiftung EVZ erhielt, lebte ja in Polen, der Ukraine, Russland und Belarus.

 

Wie hatte sich die Stiftung verändert, als Sie im April 2015 Ihr Amt wieder aufnahmen?

Mit der Förderung von zivilgesellschaftlichen Projekten hatte die Stiftung EVZ schon 2001 begonnen, aber seit dem Jahr 2007 war dies ihre Hauptaufgabe geworden. Jährlich bewilligt die Stiftung über 500 Projekte, die in verschiedenen Programmen beantragt werden können. Im Jahr 2015 wurden mehr als 40 % der Fördermittel in Höhe von 8 Millionen Euro für humanitäre Projekte eingesetzt. Von diesen Mitteln gingen mehr als 60 %, d.h. über 2,2 Millionen Euro, an Organisationen, die Projekte zu Gunsten von NS-Opfern in Russland, Belarus und der Ukraine organisieren.

 

 

Was hat Sie – im Hinblick auf die humanitären Programme und die soziale Situation der NS-Zwangsarbeiter – im vergangenen Jahr besonders beschäftigt?

Mit großer Sorge beobachte ich den Krieg im Osten der Ukraine. Viele hoch betagte NS-Opfer wurden dort erneut zu unschuldigen Opfern von Gewalt und Krieg. Viele mussten um ihr Leben und das ihrer Angehörigen fürchten, ihre Wohnungen werden zerstört, sie leben ohne ausreichende medizinische und humanitäre Versorgung.  Im Interesse aller Opfer hoffe ich sehr, dass die in Minsk ausgehandelten Waffenstillstandsvereinbaren von den Konfliktparteien ernsthaft befolgt werden.

 

Die Stiftung fördert im Programm „Treffpunkt Dialog“ seit acht Jahren Projekte, die NS-Opfer mit Angehörigen anderer Generationen zusammenbringen und informellen Austausch ermöglichen. Welche Botschaften können die hoch betagten Überlebenden den nachfolgenden Generationen heute übermitteln?

Sehr tief beeindruckt hat mich zum Beispiel der Aufruf von russischen und ukrainischen Veteranen der Sowjetarmee, die im 2. Weltkrieg gegen die Nazis kämpften und in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten. Ihr gemeinsamer Appell an die Soldaten, „auf die Stimme des Verstandes zu hören, sich vor Hass zu hüten und miteinander zu sprechen statt aufeinander zu schießen“, zeugt von großer Weisheit und Menschenfreundlichkeit. Auch die ehemaligen NS-Zwangsarbeiter haben in ihrer Jugend am eigenen Leibe erlebt, dass im Krieg auf beiden Seiten unschuldige Menschen zu Opfern werden. Aufgrund dieser Lebenserfahrung können sie besonders glaubwürdig ihre Botschaft „Nie wieder Krieg“ vermitteln und an die Konfliktparteien appellieren, sich nicht von chauvinistischen nationalistischen Parolen vereinnahmen zu lassen.

 

Was macht die Stiftung, um die vom Krieg betroffenen NS-Opfer zu unterstützen?

Die Stiftung hat im Jahr 2015 Euro zusätzliche Fördermittel für NS-Verfolgte aus der Konfliktregion bereitgestellt. Unter anderem wurden sechs Projekte für vom Krieg betroffene NS-Opfer im Osten der Ukraine bewilligt. In der letzten Woche waren die Vertreter von zwei dieser Projekte in der Stiftung zu Gast, um über ihre Arbeit für die hoch betagten Opfer des Krieges berichteten. Dabei beeindruckte mich insbesondere, dass in den Projekten junge Freiwillige und ältere, noch mobile Mitglieder der NS-Opferverbände sich gemeinsam für die Kriegsopfer engagieren. Diesen Menschen gilt mein tiefer Respekt.

 

Nochmals zurück zur Stiftung EVZ. Am 1. April 2016 übernimmt Dr. Andreas Eberhard das Amt des Vorstandsvorsitzenden der Stiftung. Was können Sie uns über ihn verraten?

Ich kenne Herrn Eberhardt schon seit Ende der 90er Jahre, als er sich gemeinsam mit anderen Vertretern der deutschen Zivilgesellschaft für Entschädigungen an die ehemaligen NS-Zwangsarbeiter einsetzte. Er ist seitdem mit den Zielen und der Arbeit der Stiftung bestens vertraut. Ich bin sicher, dass Andreas Eberhardt das beeindruckende Werk meines Vorgängers, Dr. Martin Salm, in gutem Geist fortführen und wichtige neue Impulse setzen wird.

 

Herr Dr. Jansen, wir danken Ihnen herzlich für das Interview.

 

 

Zur Person

Dr. Michael Jansen ist der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Stiftung EVZ.