Wir trauern um den Menschen, Historiker und guten Geist der Stiftung EVZ, Professor Dr. Lutz Niethammer, der am 29. Juli 2025 verstorben ist.
Als Intellektueller scheute er in einem historischen Moment die Zusammenarbeit mit Politik und Wirtschaft nicht: 1998 wurde er von Bundeskanzler Gerhard Schröder als Berater der Bundesregierung berufen, um an der Beantwortung der akut gewordenen Entschädigungsfrage für ehemalige Zwangsarbeiter:innen mitzuwirken. Dabei leistete er vor allem zweierlei:
Zum einen mobilisierte er aus seinem breiten wissenschaftlichen Netzwerk die notwendigen historischen Sachkenntnisse: Wie wurden NS-Zwangsarbeiter:innen rassistisch markiert und entsprechend behandelt? Wer wurde wie entlohnt? Welche Rolle spielten die Unternehmen, welche der NS-Staat? Und nicht zuletzt: Von wie vielen Überlebenden konnte man 1999 noch ausgehen? Diese von ihm eingebrachte Expertise erwies sich als tragfähig und hilfreich für die Erfüllung des Stiftungsauftrags.
Zum anderen aber – und vielleicht noch bedeutsamer – leistete Lutz Niethammer „unsichtbare“ Vertrauensarbeit, ohne die die Stiftung EVZ wohl nicht entstanden wäre. Alle beteiligten Seiten mussten teilweise von ihren lange vertretenen Positionen abrücken, um einer präzedenzlosen Stiftungslösung den Weg zu bereiten. Lutz Niethammer war es, der mit allen Beteiligten sprach – in Berlin, Warschau, Tel Aviv, Moskau und Washington – und die Einsicht förderte, dass dieser große Schritt zu wagen sei.
Lutz Niethammer machte sich keine Illusionen darüber, dass damit umfassende Gerechtigkeit erreicht werden könnte. Doch aus den offensichtlichen Defiziten entwickelte er die Vision einer bleibenden Aufgabe der Stiftung EVZ: erinnerungskulturelle Arbeit im Dreieck Deutschland – Osteuropa – Israel zu fördern, um trotz der vielschichtigen deutschen Verbrechensgeschichte gemeinsam im Heute handlungsfähig zu bleiben.
Diese Vision leitet unsere Arbeit bis heute.
