Maya Roisman verantwortet den TikTok-Kanal des Jüdischen Museums Frankfurt und engagiert sich im Jüdischen Studierendenverband. Im Rahmen des Schulkinoprogramms beim Augen auf-Kinotag in Frankfurt am Main kam sie mit Kindern und Jugendlichen über ihre Eindrücke, Gedanken und Fragen zu den Filmen ins Gespräch.

Worin liegt aus deiner Sicht die Chance, Geschichte über das Medium Film zu vermitteln?

Maya Roisman: Es gibt ganz unterschiedliche Wege, sich dem Nationalsozialismus und dem Holocaust zu nähern. Menschen lernen auf verschiedene Weise: Während manche Fakten, Zahlen und Texte benötigen, fällt es anderen leichter, sich über eine emotionale, unmittelbare Ebene – etwa in Form einer Geschichte – mit dem Thema auseinanderzusetzen. Auf diese Weise können viele Menschen erreicht werden.
Im Film A REAL PAIN begegnen wir Figuren, die sehr unterschiedlich mit ihren Gefühlen umgehen und am Ort der Verbrechen innerlich ringen. Viele kennen das vielleicht: Oft wird von uns erwartet, klare, eindeutige Gefühle zu zeigen, wenn wir über diese Themen sprechen. Ich halte es jedoch für besonders wichtig, auch die Widersprüchlichkeiten der eigenen Auseinandersetzung sichtbar zu machen. Kunst als Ausdrucksform kann solche Ambivalenzen und die Komplexität von Erinnerung besonders eindrücklich vermitteln.

A REAL PAIN erzählt die Geschichte zweier Cousins, deren Großmutter – eine Holocaust-Überlebende aus Polen – verstorben ist. Der Film verhandelt damit eine reale historische Zäsur: Viele Zeitzeug:innen leben inzwischen nicht mehr oder sind sehr alt. Das hat großen Einfluss darauf, wie Erinnerung – gerade in Familien – weitergegeben wird.

Wie wird sich Geschichtsvermittlung deiner Meinung nach in Zukunft verändern?

Maya Roisman: Ich habe große Angst davor, dass wir in zukünftigen Generationen in einer Gesellschaft leben, in der niemand mehr persönlich Menschen kennt oder kannte, die diesen Krieg und diese Verbrechen erlebt haben. Ich fürchte, dass die Geschichte dadurch abstrakt wird – beinahe zu einer Fiktion. Zu einem Kapitel im Geschichtsbuch, das man vielleicht auswendig lernt, zu dem aber keine persönliche Beziehung und kein Verantwortungsgefühl mehr besteht. Ich glaube, dass das großen Einfluss darauf hat, wie wir die Gegenwart und politische Entwicklungen wahrnehmen – und auch darauf, wie handlungsfähig wir uns als Gesellschaft fühlen.

Filme arbeiten immer auch mit Fiktionalisierung. Für das Publikum ist dabei oft schwer zu erkennen, was auf historischen Fakten beruht und was aus dramaturgischen Gründen hinzugefügt wurde. Beim Augen auf-Kinotag schaffen wir deshalb einen pädagogischen Rahmen, um die Fragen von Kindern und Jugendlichen nach dem Film aufzugreifen, über ihre Eindrücke zu sprechen und die Darstellung von Vergangenheit gemeinsam zu reflektieren. In den sozialen Medien fehlt diese Möglichkeit der Einordnung häufig. Als Jüdisches Museum Frankfurt seid ihr inzwischen auch auf TikTok präsent. Welche Strategie verfolgt ihr dort, und was war der Anlass, diesen Schritt zu gehen?

Maya Roisman: Viele Menschen nutzen soziale Medien wie TikTok zunehmend als Suchmaschine und eignen sich dort Wissen an. Das Medium ist fest im Alltag verankert – und kann auch als Diskussions- und Erinnerungsraum funktionieren.
Dem Jüdischen Museum ist es wichtig, komplexe und schwierige historische Themen so aufzubereiten, dass sie verständlich und erfahrbar werden – insbesondere für junge Menschen. Ziel des neu gelaunchten TikTok-Kanals ist, Antisemitismus, Fake News im Hinblick auf Inhalte rund um jüdische Kultur und Geschichte sowie Holocaustrelativierung entgegenzutreten. Ziel ist, die Schicksale von Frankfurter Jüdinnen und Juden sichtbar zu machen und Fakten für sich sprechen zu lassen.
 

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