Natalie Baruch ist Stipendiatin des Netzwerks Israel und für die feministische Organisation ACHOTI aktiv. Sie hat Workshops zu den Perspektiven misrachischer Jüdinnen in Israel und muslimischer Frauen in Deutschland entwickelt.

1. Natalie Baruch, Sie sind Teil der feministischen israelischen Organisation ACHOTI, gegründet von misrachischen Jüdinnen, die sich für soziale Gerechtigkeit stark machen. Wie sind Sie aktiv geworden? Und welchen Themen widmen Sie sich?

Ich bin bei ACHOTI aktiv geworden, weil ich mich sehr stark mit ihrer Vision identifiziere, nämlich Frauen aus marginalisierten Gruppen, insbesondere misrachischen Frauen, eine Stimme zu geben sowie soziale und ökonomische Gerechtigkeit zu fördern. Für mich als soziale Aktivistin war diese Organisation genau der richtige Ort, mich einzubringen: ein Kollektiv misrachischer Frauen, die sich für Frauen aus allen Communitys in Israel einsetzen, darunter auch Beduininnen und Äthiopierinnen. Ich engagiere mich für die Schaffung von Räumen, in denen Frauen für sich selbst sprechen, Erfahrungen austauschen und die öffentliche Debatte und Politik beeinflussen können. Feminismus ist für mich keine abstrakte Idee, sondern schlägt ausgehend von den Grundsätzen Gleichheit und Solidarität praktische Brücken zwischen verschiedenen Gemeinschaften.

2. Die israelische Zivilgesellschaft steht seit Jahren unter großem Druck aus verschiedenen Richtungen. Vor welchen Herausforderungen stehen Sie nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober und dem laufenden Krieg in Gaza und wie kann die deutsche Zivilgesellschaft dabei helfen?

Die Zivilgesellschaft in Israel steht seit vielen Jahren unter Druck, aber seit dem 7. Oktober ist die Situation noch komplexer geworden. Einerseits haben wir mit einem tiefen Trauma, Trauer und Hilflosigkeit zu kämpfen. Andererseits wird von der Zivilgesellschaft erwartet, die Lücken zu füllen, die der Staat hinterlassen hat: Sie soll Vertriebene unterstützen, sich für Menschenrechte stark machen und den Dialog auch in Zeiten der Polarisierung aufrechterhalten, ohne den Glauben an den Frieden und ein Zusammenleben zu verlieren. Die deutsche Zivilgesellschaft kann helfen, indem sie sich solidarisch mit Aktivist:innen in Israel zeigt, die weiterhin für Demokratie, Gleichheit und Frieden eintreten – auch unter schwierigen Umständen. Unterstützung ist möglich durch Partnerschaften, Erfahrungsaustausch oder indem man denen eine Stimme gibt, die oft aus dem Diskurs ausgegrenzt werden.

3. In diesem Frühjahr haben Sie ein Kurzzeit-Stipendium der Stiftung EVZ für eine Zusammenarbeit mit dem Maimonides-Bildungswerk in Ingelheim erhalten. Gemeinsam haben Sie Workshops zu den Perspektiven misrachischer Jüdinnen in Israel und muslimischer Frauen in Deutschland entwickelt. Welchen Eindruck haben Sie dabei von der Verständigung und Zusammenarbeit zwischen jüdischen und muslimischen Communitys gewonnen?

Die Workshops, die wir gemeinsam mit dem Maimonides-Bildungswerk ausgearbeitet haben, haben mir vor Augen geführt, wie viel Potenzial in Begegnungen jüdischer und muslimischer Frauen steckt, wenn sie in einer ehrlichen, kreativen und solidarischen Atmosphäre stattfinden. Trotz aller Unterschiede in Geschichte und Identität haben wir in Bezug auf unsere Erfahrungen als Frauen viele Gemeinsamkeiten festgestellt: Diskriminierungserlebnisse, der schwierige Spagat zwischen Tradition und Moderne und der Kampf um Anerkennung. Der Dialog war nicht immer einfach, aber echt. Mein Eindruck ist, dass Zusammenarbeit nicht nur möglich, sondern notwendig ist. Dafür braucht es Geduld, Vertrauen und die Bereitschaft, sich gegenseitig zuzuhören.

Nach den Workshops hatte ich das Gefühl, dass solche Begegnungen das Fundament für eine inklusivere Zivilgesellschaft legen können. Neben der Gelegenheit zum kulturellen Austausch geben sie uns etwas an die Hand, um Solidarität über Grenzen hinweg neu zu denken – zwischen Juden:Jüdinnen und Muslim:a, aber auch zwischen Frauen mit verschiedenen Hintergründen, denen bewusst ist, dass ihre Kämpfe miteinander verbunden sind.

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