Das neue Bildungsagenda-Projekt von dekoder heißt „Stalino – der Donbas unter deutscher Besatzung“: Woher kommt der Name „Stalino“?

Stalino – so hieß seit den 1920er Jahren die Stadt, die wir heute als Donezk kennen, Donekz im Donbas. 1869 als Arbeitersiedlung gegründet, trug sie ursprünglich den Namen Jusiwka (russ. Jusowka), benannt nach dem walisischen Unternehmer John James Hughes, der hier ein Metallwerk und mehrere Bergwerke aufbaute.
Wie auch andere Orte in der Region entwickelte sich das künftige Donezk sehr schnell – die Entwicklung war jedoch selbst für den Donbas außergewöhnlich: Innerhalb von nur 70 Jahren wuchs die Stadt von 200 auf knapp 500.000 Einwohner:innen. In dieser Zeit erhielt die Stadt auch den Namen des sowjetischen Diktators Josef Stalin. Erst 1961 wurde Stalino in Donezk umbenannt.

Das Projekt besteht aus zwei eng verzahnten Teilen: einem fünfteiligen Podcast und einer Scroll-Doku. Welche Geschichten werden im Podcast erzählt?

Im Stalino-Podcast erzählen wir die Geschichten von fünf Menschen, die die deutsche Besatzung ganz unterschiedlich erlebt haben. Unter den Protagonist:innen ist ein neunjähriger Junge, der mit seiner Jungsgruppe durch die Stadt streift und die Besatzungszeit nur mit viel Glück überlebt. In der zweiten Folge erzählen wir die Geschichte eines Lokführers, der die Gunst der Stunde für seinen eigenen sozialen Aufstieg nutzt: Im Auftrag der Deutschen hilft er beim Aufbau der Stadtverwaltung und wird schließlich Bürgermeister von Stalino.
In einer weiteren Folge geht es um ein jüdisches Mädchen, das von seinem ukrainischen Dienstmädchen gerettet wird und so den Holocaust in Stalino überlebt. Ein anderes Mädchen unterstützt sowjetische Partisanen und riskiert dabei alles. Die letzte Protagonistin ist eine Balletttänzerin, die 1941 in Stalino ihre Karriere beginnt und für die Deutschen tanzen muss.
Alle Geschichten basieren auf Originalquellen – Archivakten, Strafverfahren und Oral-History-Berichten. Besonders interessiert haben uns die Handlungsoptionen der Menschen: wie sie selbst in der extremen Situation einer militärischen Besatzung Handlungsspielräume fanden.

Die ukrainische Region Donbas befindet sich seit aktuell 12 Jahren im Krieg und ist von russischen Truppen besetzt. Konnten Sie im Projekt mit Partner:innen zusammenarbeiten?

Seit Beginn des Krieges im Osten der Ukraine im Jahr 2014 ist der Donbas sowohl für Journalist·innen als auch für Forschende zu einer Black Box geworden. Das betrifft nicht nur Recherchen zur aktuellen Lage, sondern auch die Geschichte: Viele Archive, die in der unabhängigen Ukraine geöffnet worden waren, wurden im Donbas wieder geschlossen und teilweise nach Russland abtransportiert. Unter Kriegsbedingungen sind zudem Partnerschaften mit Lokalhistoriker:innen vor Ort kaum möglich. Der Zweite Weltkrieg spielt für die russische Propaganda eine zentrale Rolle und dient u.a. für die Legitimation des Überfalls auf die Ukraine 2022, deswegen ist es mittlerweile nicht mehr möglich, in Russland oder auf aktuell besetzten Gebieten der Ukraine eine unabhängige Forschung durchzuführen. 
Das Projekt profitiert jedoch davon, dass Historiker·innen in den Jahren zuvor intensiv zur Region geforscht haben. Sowohl der Podcast als auch die Scroll-Doku entstanden in Kooperation mit Professorin Tanja Penter und ihrem Team der Universität Heidelberg. Beide Formate basieren auf langjähriger Forschung, Archivmaterialien sowie Interviews mit Zeitzeug:innen, die von Tanja Penter und dem Donezker Historiker Dmytro Tytarenko zwischen 2000 und 2015 im Donbas geführt wurden. Diese Forschungsarbeit ist ein wahrer Schatz, den wir gemeinsam in eine multimediale Form übertragen haben.

Zur Listenansicht