Estera Stan, Projektleitung von „Gemeinsam sind wir stärker“

In dem EVZ-geförderten Projekt „Gemeinsam sind wir stärker“ fanden Workshops und Vernetzungstreffen mit Rom*nja und Sinti*zze, die in Selbstorganisationen aktiv sind, statt. Wie empowernd waren die Vernetzung und der Austausch über gemeinsame Ziele und Herausforderungen für die beteiligten Frauen*?

Es war sehr empowernd, denn die Frauen* hielten es für wichtig, sich über die Herausforderungen auszutauschen. Insbesondere die Diskussionen zwischen den verschiedenen Generationen haben unterschiedliche Facetten von Feminismus zur Sprache gebracht. Dieser Austausch war besonders für die jüngeren ein wichtiges Ereignis. Es gab endlich die Gelegenheit, vertiefend über Themen zu sprechen, etwa über Repräsentation versus Rassismus, darüber, wie frei wir sprechen können, ohne erneut Diskriminierung zu reproduzieren, und inwieweit wir selbst in Strukturen von Unterdrückung verwickelt sind. Auch Fragen danach, wie ernst wir ältere bzw. jüngere Personen mit ihren Erfahrungen nehmen und welche Sprache unsere Analysen und Gefühle am besten ausdrückt, wurden diskutiert. Zudem haben wir über strukturelle Probleme gesprochen, wie fehlende Förderung, mangelnde personelle Ressourcen und Bleiberechtsprobleme.

Der im Rahmen des Projekts entstandene Film mit Interviews der beteiligten Frauen* wird am 11. April auch im Rahmen des Romnja* Power Month, einer Veranstaltungsreihe des RomaniPhen e.V., gezeigt. Welche Ziele verfolgen Sie mit der Veranstaltungsreihe? Und welche Rolle spielt Sichtbarkeit für den Aktivismus von Rom*nja und Sinti*zze?

Wir wollen ein Netzwerk zur gegenseitigen Unterstützung und Solidarisierung aufbauen, denn es ist notwendig in Zeiten wie diesen. Wir möchten Sichtbarkeit für unterrepräsentierte Perspektiven schaffen. Feministische Positionen sollen diskutiert und vertieft werden und wir möchten eine kritische Streitkultur etablieren, um die politische Bewegung zu stärken. Zudem wollen wir mit weiteren Akteur*innen ins Gespräch kommen und breitere zivilgesellschaftliche Verbindungen schaffen. Aktivismus braucht intersektionale Sichtbarkeit und das beginnt beim Zuhören. Durch den Film kommen endlich die Frauen* Perspektiven in den Vordergrund. 

Die im Film interviewten Frauen engagieren sich teilweise schon lange zivilgesellschaftlich, andere erst seit kurzer Zeit. Frauen* aus den Communities der Sinti*zze und Rom*nja waren jedoch von Anfang an Teil der Bürgerrechtsbewegung und setzen sich bis heute gegen spezifische Formen von Mehrfachdiskriminierung ein. Welche Rolle spielen Frauen* im Aktivismus von Sinti*zze und Rom*nja?

Frauen* spielen seit jeher eine zentrale Rolle in den Bewegungen von Rom*nja und Sinti*zze. Diese Frauen sind für die jüngeren Vorbilder, auch für mich, Estera. Dies sollte auf zwei Ebenen gewürdigt werden:
1.) Rom*nja und Sinti*zze waren bereits als Überlebende und Nachkommen aktiv in der Erinnerungspolitik, später auch in Bleiberechtskämpfen sowie in der Bildungs- und Kulturlandschaft. Ihre Verdienste wurden jedoch nicht ausreichend sichtbar gemacht.
2.) Frauen* standen zudem oft hinter den sichtbareren Männern*: Hungerstreiks, Besetzungen und politische Aktionen wären ohne die Netzwerke nicht möglich gewesen, die Reproduktionsarbeit leisten, Kinder versorgen, Alte und Kranke pflegen und zur Finanzierung des Haushalts beitragen. Diese oft als „weiblich“ konnotierte Arbeit hat die öffentlich sichtbaren Aktivitäten getragen, ist jedoch bis heute weitgehend unsichtbar und wird nicht ausreichend wertgeschätzt. Besonders problematisch ist, dass auch die  Gadje-Gesellschaft, die politische Kämpfe dokumentiert hat, kaum Frauen* interviewt oder fotografiert hat. In unserem Netzwerk waren viele ältere Frauen beispielsweise an den großen Bleiberechtsmärschen und Protesten der 1990er Jahre beteiligt, an der Besetzung von Dachau 1993 sowie zuvor in Neuengamme, an Protesten für die Errichtung des Denkmals in Berlin, an Bleiberechtsprotesten der 2000er Jahre und an Protesten gegen diskriminierende „Aktionspläne“ der Berliner Senatsverwaltung. Dennoch ist dies kaum dokumentiert und damit weitgehend aus dem historischen Bewusstsein verschwunden. 

*Disclaimer: Wir haben uns für die Nutzung einheitlicher Standards des Genderns im Sinne des Trägers entschieden.

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