© Roger Mayrock
Im Projekt „Butter, Vieh, Vernichtung – Nationalsozialismus und Landwirtschaft im Allgäu“ fanden bereits zahlreiche Workshops und Veranstaltungen statt, die unterschiedliche Altersgruppen ansprechen und historische sowie persönliche Zugänge zur NS-Geschichte im Allgäu eröffnen.
Welche persönlichen Eindrücke und Geschichten aus den Workshops haben den generationsübergreifenden Austausch Ihrer Meinung nach besonders geprägt?
Dort wo „typisch Dorf“ gilt, könnte man sagen. Ältere oder Zweitzeug:innen erinnern wie in Dorfgesprächen an beispielhafte Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld, an denen das NS-Unrecht greifbar wird und Geschichte ein Gesicht bekommt. Es hilft, wenn ein regionaler Bezugsraum besteht, denn dann wird ein unverbundener Bericht zu „unserer (geteilten) Geschichte“. Eine gemeinsame Lebenswelt, wie z.B. die Landwirtschaft oder eine ähnliche Sozialisation, wirkt verbindend: wie war das damals, wie ist es jetzt? Wie hatte eine Zwangsarbeiterin zu melken, wer nahm Einfluss auf das Leben von Dorfkindern, gab es begeisterte Nazis im Dorf und wer war irgendwie mutig?
Inwiefern haben kreative Zugänge und Formate dazu beigetragen, gerade junge Menschen für die lokale NS-Geschichte und deren heutige Relevanz zu sensibilisieren?
Unsere kreativen Zugänge tragen dazu bei, von der passiven Wissensaufnahme in eine aktive Auseinandersetzung zu gehen. Junge Menschen möchten sich gerne beteiligen und finden in unseren Kreativformaten eigene Ausdrucksweisen für ihre Gedanken. Wir begleiten sie fachlich und künstlerisch sorgfältig, damit Inhalte bewusst verstanden werden und Freude im kreativen Tun entsteht. Ich bin überzeugt, indem junge Menschen eine künstlerische „Stimme“ bekommen, um ihre Wahrnehmung der lokal-regionalen Geschichte auszudrücken, verbinden sie sich nachhaltig mit dem historischen Erbe vor Ort und lernen demokratischen Errungenschaften zu schätzen.
Am 19. September eröffnet die Ausstellung zum Nationalsozialismus im Allgäu und in Schwaben in der historischen Allgäuhalle in Kempten: Wie schätzen Sie die Bedeutung der Ausstellung für das Projekt und für die Erinnerungskultur in der Region ein?
Ich schätze die Bedeutung sehr hoch ein. Es ist ein ungewöhnlicher Blickwinkel, den wir in der Recherche und Erzählung einnehmen: Den der Landwirtschaft und der anschließenden Produktion. Er ist aber außerordentlich prägend für unsere Region und beispielhaft für den ländlichen Raum.
So schlagen wir Brücken von einem grundsätzlichen Wissen zur NS-Zeit und Gedenken für die nationalsozialistischen Gräueltaten zu einer Erinnerungskultur, die die unmittelbare Lebenswelt der heutigen Menschen betrifft. Mit nachvollziehbaren Personen, kontextualisiert in der „großen Geschichte“.
Wir wertschätzen die „Allgäuhalle“ als ersten Ausstellungsort der Wanderausstellung, denn an und in diesen früheren Viehauktionshallen hielt Hitler Wahlkampf, kamen Zwangsarbeiter:innen an, litten KZ-Gefangene, agierten Wehrmacht und NS-Wirtschaft.
Die Ausstellung bietet nun neue Ergebnisse und ungewöhnliche Zugänge zu einem Kapitel deutscher und europäischer Geschichte, von dem man nur vermeintlich meint, man hätte das alles schon einmal gehört. Sie ist, auch auf das Projekt bezogen, eine wichtige Ergänzung als Wissensspeicher und -plattform.
Die Ausstellung „Butter, Vieh, Vernichtung – Nationalsozialismus und Landwirtschaft im Allgäu“ ist vom 19.09.–09.11.2025 in der Allgäuhalle Kempten zu sehen.
Mehr über das Projekt können Sie auch in der neuen Ausgabe des Bildungsagenda-Magazins erfahren!
