Ihr Projekt „Mapping Jewish Łódź“ basiert auf 35 Interviews, die mit jüdischen Bewohner:innen der Stadt mit vielfältigen Lebens- und Erfahrungshintergründen geführt wurden.
1. Welche Perspektiven auf jüdisches Leben lassen sich dabei aufzeigen und wie?

Die im Rahmen des Projekts durchgeführten Interviews sind eine einmalige Quelle, die das Schicksal von Jüdinnen und Juden in Mittel- und Osteuropa im 20. Jahrhundert illustriert. Die Befragten, die in den Interviews von sich erzählten, stammten überwiegend aus der jüdischen Mittelschicht und Arbeiterklasse. In ihren Erinnerungen spielten Probleme, die mit Bildung, Emanzipation und der Modernisierung der Gemeinschaft zu tun haben, eine sehr große Rolle. Besonders stark vertreten waren Kriegserinnerungen, darunter Ausgrenzungs-, Vertreibungs- und Verfolgungserfahrungen. In den Interviews kamen auch Personen zur Sprache, die sich nach dem Krieg entschieden, in Łódź zu bleiben und am Wiederaufbau des jüdischen Lebens in der Stadt mitzuwirken. Alle diese Erfahrungen sind mit ganz bestimmten, wiedererkennbaren Orten verbunden. Studierende nutzen diese ortsbasierten Erfahrungen für ihre Projektarbeit: Sie gestalten eine Ausstellung im urbanen Raum sowie eine zentrale Ausstellung in einer Galerie.

Die Verbindung zwischen einzelnen Erlebnisberichten und dem heutigen Stadtbild von Łódź spielt im Projekt eine wesentliche Rolle.
2. Wie nehmen Studierende diese Art der Auseinandersetzung mit Geschichte wahr und welche Bedeutung hat der konkrete urbane Raum für Ihre Bildungsarbeit?

Die Projektarbeit bringt für die Studierenden der Akademie der Bildenden Künste erhebliche Herausforderungen mit sich, da sie im gewohnten Stadtbild plötzlich ganz neue Bedeutungen und Kontexte entdecken. Für viele Studierende waren diese Entdeckungen sehr überraschend, was den aktuellen Wissensstand der Łódźer Stadtgesellschaft hinsichtlich der Geschichte der Stadt und der Erfahrungen ihrer jüdischen Bewohner:innen widerspiegelt. Die Darstellung des Lebensalltags in Łódź soll bewusst das vorherrschende Narrativ aufbrechen, das die jüdische Präsenz einzig und allein durch die Linse des Holocaustgedenkens betrachtet – anhand von Orten der Verfolgung, die mit tragischen Geschehnissen verbunden sind. Persönliche Erlebnisse und Alltagsthemen sind ein wesentlicher Bestandteil des geplanten Informationsrundgangs, der den in den Interviews erwähnten Orten folgt. Eine weitere große Herausforderung wird darin bestehen, die von den Studierenden geschaffenen Kunstinstallationen an bestimmten Orten im Stadtraum aufzustellen. Die Installationen werden Interaktionen mit Anwohner:innen und Passant:innen ermöglichen und damit das aufklärerische Potenzial des Projekts erweitern.

Aus der Präsidentschaftswahl 2025 ging der Kandidat des nationalkonservativen Lagers, Karol Nawrocki, als Sieger hervor. 
3. Wie schätzen Sie die Auswirkungen dieser politischen Entwicklung auf das zivilgesellschaftliche Engagement und die Gedenk- und Aufklärungskultur in Polen ein?

Das konservative Lager legt großen Wert auf historische Bildung und das Gedenken an Kriegserinnerungen von Bürger:innen, was paradoxerweise auch Einfluss auf Projekte mit jüdischem Bezug hat. Erfahrungen aus den letzten Jahren haben jedoch gezeigt, dass Themen zur polnisch-jüdischen Geschichte Gegenstand von Manipulation und politischer Beeinflussung werden können. Verzerrungen des historischen Narrativs sind die Folge davon. Besonders gefährlich sind aktuelle Tendenzen in der extremen Rechten, Positionen, die den Holocaust leugnen, zu tolerieren und zu verharmlosen. Gleichzeitig sehen wir mit großer Sorge, dass Holocaust-Gedenkstätten und Orte der jüdischen Geschichte von Teilen der antiisraelischen radikalen Linken verunstaltet werden.
Łódź, das wegen seiner Bedeutung für die Geschichte der Arbeiterklasse oft als „rote Stadt“ bezeichnet wird, ist eine liberale Stadt, die sich nationalistischer Beeinflussung entzieht. Zugleich ist die Universität eine starke und unabhängige Institution. Dadurch entsteht eine Umgebung, die Forschungs- und Bildungsarbeit zur jüdischen Geschichte große Freiheiten und gute Rahmenbedingungen bietet.

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