Was hat Sie persönlich dazu bewegt, im Rahmen des Programms „Ye Mistechko“ mit Dritten Orten zu arbeiten – und welche Begegnungen oder Geschichten sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Ich liebe einfach die ganze Ukraine und reise sehr gern, deshalb war das für mich eine wirklich großartige Aufgabe, zumal es eine große Anzahl solcher (Dritten) Orte im ganzen Land gibt. Viele dieser Orte waren tatsächlich sehr angenehme Begegnungen. Besonders beeindruckt hat mich zum Beispiel Selenyj Hai – ein stark zerstörtes Dorf mitten in der Steppe, dass die Kampfhandlungen in den Jahren 2022 und 2023 erlebt hat. Trotz der offensichtlichen Herausforderungen beim Wiederaufbau haben sie bereits sehr viel erreicht. 

Dort organisieren die jungen Menschen aus diesem Dritten Ort aktiv Veranstaltungen: Es ist ein kleines Dorf, aber es kommen etwa zwanzig Personen zusammen, es findet etwas statt – und das ist sehr interessant zu beobachten. Und sie sagen mit großer Begeisterung: „Wir werden einen Park bauen, und die jungen Menschen werden dort spazieren gehen, und niemand wird mehr Selenyj Hai verlassen wollen.“ Man sieht, wie sehr sie diesen Ort, ihr Dorf, lieben. Sie trennen auch Abfälle, kümmern sich um die Umwelt und haben sogar Plastikblumen auf dem Friedhof verboten. Das wirkt bereits wie eine Auseinandersetzung mit Entwicklungsfragen und nicht mehr nur mit dem bloßen Überleben, wie man es vielleicht erwarten würde, wenn man an ein solches Dorf denkt. Und das ist wirklich beeindruckend.

Für mich war es äußerst interessant zu sehen, wie das Land lebt, wie kleine Städte und Dörfer leben – Orte, die ich weder als gewöhnlicher Ukrainer noch als Journalist erreichen würde. Es ist für mich eine Möglichkeit, an solche Orte zu kommen, an denen sich die Menschen vor Ort treffen, Zeit miteinander verbringen, sie zu sehen, ihnen zuzuhören und zu verstehen, wie sie leben und ihren Alltag gestalten.

Wie beeinflusst der russische Krieg gegen die Ukraine die Menschen, denen Sie begegnet sind – und wie spiegelt sich das in Ihren Fotografien wider?
Der Krieg ist für die Menschen Alltag. Ich erzähle oft diese Geschichte aus Ochtyrka, wo ich sehr viele Aktivitäten in einem Dritten Ort gesehen habe: verschiedene Workshops für Kinder und Erwachsene und so weiter. Ich habe alles fotografiert, aber das wirklich offene Gespräch entstand erst, als alle gegangen waren und etwa zehn Personen übrigblieben, überwiegend ältere Frauen. Ich stellte ihnen eine Frage zum Beginn des russischen Krieges. Obwohl sie nicht besetzt waren und die Kampfhandlungen bei ihnen relativ schnell endeten, begannen die Menschen gleichzeitig zu erzählen: Jemand hatte gesehen, wie ein Schützenpanzer an den Häusern vorbeifuhr, jemand war nachts über ein Feld in den Wald geflohen. Und man merkt, wie sehr ihnen das bis heute weh tut.

Gerade darin liegt, meiner Meinung nach, der Wert dieser Dritten Orte: Hier können die Menschen nicht nur Aktivitäten nachgehen, sondern auch einfach miteinander sprechen. Es ist sehr wichtig, dass sie die Möglichkeit haben, zu kommen und sich auszutauschen, Dinge zu teilen, für die im Alltag kein Raum ist. Genau deshalb ist es ein „Dritter Ort“ – weder Zuhause noch Arbeit. Er funktioniert sehr gut als Ort für Community Building. Es war sehr interessant, ihnen zuzuhören, sie konnten sich einfach aussprechen.

Oder zum Beispiel in Konotop: Dort habe ich fotografiert, während es sehr harte Blackouts gab (Info: Stromausfälle infolge russischer Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur, die teilweise bis zu vier Tage andauerten). Sie führten einen 3D-Druck-Kurs im Licht batteriebetriebener Taschenlampen durch. Eine Art Hightech unter sehr schwierigen Bedingungen. Das ist kein „Low Life“, dass man freiwillig wählt, sondern eines, zu dem die Menschen gezwungen werden, während sie gleichzeitig lernen, mit neuen Technologien zu arbeiten. Das sind sehr starke Kontraste. Natürlich ist die Situation insgesamt schrecklich.

Sogar wenn Menschen einfach in Bibliotheken kommen, um Bücher zurückzugeben, tun sie dies im Dunkeln, mit Taschenlampen. Es wirkt fast unwirklich: das 21. Jahrhundert, im Zentrum Europas – und solche Bedingungen. Aber sie leben weiter, kommen zurecht, und das ist sehr beeindruckend.

Fast alle diese Dritte Orte befinden sich im Zentrum – entweder im Gemeinderat oder in der Bibliothek. In ihrer Nähe stehen Denkmäler, an denen täglich um neun Uhr morgens eine Schweigeminute stattfindet. All das zeigt das Leben dieser Orte und Städte – einen Raum, in dem der Krieg stets präsent ist und eine unausweichliche Realität bleibt.

Welche Rolle kann Fotografie Ihrer Meinung nach bei der Gestaltung von Erinnerung und gemeinsamer Erfahrung spielen?
Für mich als dokumentarischer Fotograf ist es im Grunde die Grundlage meiner Arbeit, Erinnerung zu schaffen – eine Erinnerung daran, wie diese Zeit aussah, wie der Krieg aussah, wie die Menschen aussahen und welche Praktiken es gab.

Ich selbst komme aus dem Osten der Ukraine und dokumentiere den Krieg seit 2014 – begonnen habe ich in einer kleinen Stadt in der Region Donezk. Damals, zu Beginn des russisch-ukrainischen Krieges, haben wir das nicht wirklich als Krieg bezeichnet. Vielleicht war es eine andere Form davon, und sicherlich hat niemand gedacht, dass es so lange dauern würde, dass es zu einem umfassenden Krieg kommen würde und dass wir mit der Zeit verschiedene Phasen dieses Krieges vergleichen würden.

Inzwischen ist Zeit vergangen, und es ist bereits ein großes Archiv entstanden, das ich habe und das weiterwächst. Das, was ich heute dokumentiere, wird die Grundlage dafür sein, wie wir verstehen, wie dieser Krieg heute aussah.

In diesem Kontext ist es auch interessant, diese Orte zu bereisen und zu sehen, wie sich dieselben Dörfer verändern, etwa in der Region Nowa Basan, die besetzt und später wieder befreit wurde. Ich war dort unmittelbar nach der Befreiung – es gab Zerstörungen, irgendwo waren russische Fahnen aufgemalt. Das war ein sehr schwerer Anblick. Und es ist bemerkenswert zu sehen, wie heute dort wieder eine Bibliothek als Dritter Ort funktioniert, wie verschiedene Einrichtungen arbeiten, Geschäfte geöffnet sind, vieles wieder aufgebaut wurde – und auch in meinen Fotografien lässt sich dieser Fortschritt nachvollziehen.

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