Advertorial Dummy-Magazin

Wissen junge Menschen genug über den Nationalsozialismus – oder ist das Thema durch?
Die Autorin Tara Yakar hat Menschen getroffen,die dagegen ankämpfen, dass sich Geschichte wiederholt. Und die
mit verschiedenen Projekten deutlich machen, dass Haltung zu zeigen cooler ist, als rechts zu sein.

Die Sonne kitzelt meine Nase, während der Duft von frisch gebackenen Brezeln durch die Straßen zieht. Das Klirren von Löffeln in Eisbechern mischt sich mit dem Stimmengewirr der Passant*innen. Ein perfekter Frühlingstag, gestört von einem Gespräch, das ich im Vorbeigehen mitbekomme. Zwei Personen diskutieren lautstark über das Ergebnis einer Studie, dass eine Mehrheit der Befragten für einen „Schlussstrich“ unter die NS-Zeit ist.1 „Finde ich auch, damit haben wir ja garnichts mehr zu tun“. Diesen Satz schnappe ich noch auf – und schon sind sie wieder verschwunden. Der Gesprächsausschnitt beschäftigt mich noch einige Stunden danach, am Ende des Tages verliert er sich dann zwischen all den anderen schlechten Nachrichten auf der Welt, die mein Instagram-Feed täglich ausspuckt. Doch für mich ist klar: Vergessen können wir uns nicht leisten, Erinnerung ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein fortlaufender Prozess.

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Die NS-Zeit ist erledigt und betrifft uns nicht? Irrtum

Das aufgeschnappte Gespräch macht deutlich, wie umstritten Erinnerungskultur bleibt. Die Forderung nach einem „Schlussstrich“ suggeriert, die NS-Zeit sei erledigt und betreffe uns nicht mehr. Dem gilt es etwas entgegenzusetzen. Gerade deshalb zeigen drei Projekte der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ), dass die Vergangenheit Teil der Gegenwart bleibt und wie Erinnerung aktiv fortgeführt wird.

„Nie wieder ist jetzt“ klingt gut. Aber was heißt das konkret?

„Viele Schüler:innen denken, dass der Nationalsozialismus einzig von 1939 bis 1945 stattgefunden hat. Das stimmt nicht. Es war ein viel längerer, subtilerer Prozess. Ähnlich wie Entwicklungen, die wir heute beobachten“, erklärt mir Cathleen Hoffmann. Sie arbeitet als Bildungsreferentin bei Miteinander e.V. und beschäftigt sich mit Projekten zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Miteinander e.V. engagiert sich in Sachsen-Anhalt für demokratische Bildung und die Stärkung der Erinnerungskultur, insbesondere im Umgang mit Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Eines ihrer Projekte „Ländliche Orte –Verdrängte Geschichten: NS-Verbrechen und Jugend im ostdeutschen Kontext“ verbindet diese Arbeit mit kreativen Lernformaten wie Workshops und künstlerischen Ansätzen. Jugendliche setzen sich dabei aktiv mit der NS-Geschichte auseinander und übertragen ihre Erkenntnisse in eigene Texte oder Audioformate. 
Das Projekt wird von der Stiftung EVZ gemeinsam mit dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) im Rahmen von JUGEND erinnert vor Ort & engagiert gefördert. Die Stiftung EVZ fördert diverse Projekte zur Erinnerungskultur, die zeigen, wie „Nie wieder, ist jetzt“ konkret umgesetzt werden kann.2

Nicht alles ist im KZ passiert: Nationalsozialismus vor der eigenen Haustür

Cathleen Hoffmann möchte Jugendlichen vor allem zeigen, dass der Nationalsozialismus auch in ihrer unmittelbaren Umgebung stattgefunden hat. „Die NS-Zeit war nicht nur Auschwitz, sie hat auch hier direkt vor den Türen der Menschen stattgefunden. So kann man Menschen am besten dazu motivieren, sich aktiv mit Erinnerungskultur auseinanderzusetzen“, erklärt sie. Hoffmann findet klare Worte für die aktuelle Bildungssituation. „In vielen Schulen wird fast gar nicht mehr über den Nationalsozialismus gesprochen, weil Fachkräfte fehlen. Wenn man Glück hat, wird das Thema am Rande erwähnt.“ Deswegen steht Miteinander e.V. mit vielen Jugendclubs in Kontakt und veranstaltet regelmäßig niedrigschwellige Angebote zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Daran nehmen Grundschüler:innen und Jugendliche bis 16 Jahre teil, die Angebote werden altersgerecht angepasst. Für jüngere Kinder werden Begriffe wie „Antisemitismus“ beispielsweise kreativ über Linoldruck vermittelt, ältere Teilnehmende beschäftigen sich intensiver mit konkreten Biografien von Jugendlichen aus dem Widerstand in den Jugend-KZs Moringen und Uckermark. Die Erkenntnisse daraus werden anschließend kreativ verarbeitet, etwa in Form von Remixes oder Collagen. Dadurch wird Geschichte nicht nur vermittelt, sondern aktiv erlebbar gemacht.

„Wer cool ist, ist rechts“

Unabhängig vom Alter lassen sich deutliche Unterschiede im Wissen über den Nationalsozialismus feststellen. „Manche Jugendlichen haben noch nie etwas vom Nationalsozialismus gehört“, sagt Hoffmann. Vor allem in Bezug auf die demokratische Teilhabe sei das problematisch. „Demokratie bedeutet, dass alle dazugehören und die gleichen Rechte haben. Deswegen gestalten wir alle Projekte partizipativ, damit die Teilnehmenden lernen, dass sie selbstwirksam sind und mitentscheiden können.“
Rechtsextreme Narrative können schon im frühen Alter Einstellung prägen. Manchmal werden sie durch vermeintlich harmlose Clips auf Social Media verbreitet, dann wieder begegnet man ihnen in der Fußgängerzone. Eine Schulklasse, die Hoffmann im Rahmen des Projekts begleitete, blieb ihr besonders im Kopf: „Früher war das noch eine weltoffene oder demokratisch denkende Klasse, heute übernimmt jeder Narrative der AfD. Rechts zu sein ist in. Wer cool ist, ist rechts. Das beobachte ich mit großer Sorge.“
Zwischen Ausmalbildern, Schulbüchern und den bunten Wänden des Klassenraums spiegeln sich oft die Meinungen der Familien wider, die die Kinder unbewusst übernehmen. Besuche von Gedenkstätten, Songproduktionen sowie interaktive Spiele im Klassenraum – das Projekt „Ländliche Orte – Verdrängte Geschichten: NSVerbrechen und Jugend im ostdeutschen Kontext“ hat ein breites Angebot. Doch was wirkt am nachhaltigsten im Kampf gegen Rechtsextremismus? „Kontinuität ist das effektivste Mittel. Es gibt nicht die eine Methode, wie man am besten an den Nationalsozialismus erinnert und Rechtsextremismus entgegenwirkt. Wichtig ist, dass man es kontinuierlich macht“, so Cathleen Hoffmann.

„Das Erinnerungs-DING“: Ein Podcast in einfacher Sprache

Das Projekt „Das Erinnerungs-DING“ zeigt mit einem Podcast in einfacher Sprache, wie Erinnerungskultur zugänglich und inklusiv vermittelt werden kann. 15 junge Menschen mit und ohne Behinderung haben gemeinsam daran gearbeitet. Sie beschäftigen sich mit verschiedenen Verbrechen im Nationalsozialismus, von der Deportation jüdischer Menschen oder Sinti:ze und Rom:nja über die Frage, was man machen sollte, wenn man heute Ungerechtigkeiten wahrnimmt. Immer geht es darum, wie sich die Verbrechen der NS-Zeit heute erklären lassen, damit sich alle verstehen können. Im Rahmen des Projekts reisten die Teilnehmenden auch zu Gedenkstätten, die an den Nationalsozialismus erinnern und bereiten das Erlebte anschließend im Podcast in einfacher, verständlicher Sprache auf. Denn von vollständiger Inklusion ist die Gesellschaft noch weit entfernt, erklärt Constanze Stoll, die Projektleiterin von „Das Erinnerungs-DING“ – und das erschwert eben auch manchmal die Erinnerungsarbeit.

Die Teilnehmenden von „Das Erinnerungs-DING“ kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen, manche studieren an einer Universität, spielen im Theater oder promovieren. „Wir möchten Aufklärungsarbeit leisten, aktiv mitarbeiten und ein Bewusstsein für die Themen des Nationalsozialismus schaffen“, sagt Christoph Huber, einer der Teilnehmenden. Er setzt sich schon lange wissenschaftlich mit inklusiver Gedenkstättenarbeit auseinander. „Moin und herzlich willkommen“, begrüßt mich eine freundliche Stimme in der ersten Folge des Podcast, untermalt von leiser Hintergrundmusik – warme Gitarrenklänge, vielleicht auch ein Akkordeon. Es geht darum, wie man handeln sollte, wenn man Unrecht sieht. Huber hat darauf eine klare Antwort: „Heute wie damals ist Zivilcourage unglaublich wichtig.“ Doch die Frage ist: Wie geht das mit dem Mut? „Manchmal fehlt uns Schlagfertigkeit für praktische Widerrede! Oder Wissen, um falsche Darstellungen von Geschichten zu widersprechen“, meint Stoll.

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Heute wie damals ist Zivilcourage unglaublich wichtig. Doch wie geht das mit dem Mut?

„Postkoloniale Erinnerung(en)“ – Geschichte, die weiterwirkt

Erinnerung endet nicht beim Nationalsozialismus. Das Projekt „Postkoloniale Erinnerung(en)“ zeigt, wie eng Kolonialismus und NS-Zeit miteinander verbunden sind.
„Wir wollen postkoloniale Geschichte reflektieren, da sie bis heute Spuren hinterlässt“, sagt Rubén Manuel Gonzales. Er arbeitete bei „Sources d’Espoir e.V.“ und koordinierte letztes Jahr im Sommer das Projekt „Postkoloniale Erinnerung(en)“. Im Rahmen des Projekts gab es für Jugendliche und ihre Familien Museumsrundgänge und Stadtführungen – beides aus einer dekolonialen Perspektive heraus. Ziel des Projekts war es, die Lebensrealitäten schwarzer Menschen in Deutschland – von der Weimarer Republik über das „Dritte Reich“ bis heute – sichtbar zu. Im Zentrum standen die Biografien schwarzer Personen in der NS-Zeit, sowie die Emotionen und Fragen, die diese Geschichten bei den Teilnehmenden auslösten. Die Erfahrungen und Reflektionen wurden dann in einem von den Jugendlichen entwickelten und aufgeführten Theaterstück verarbeitet. „Durch das Theaterstück über Martha Ndoumbés Biografie habe ich meine Wurzeln besser kennengelernt und fühle mich empowert. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass der Kampf noch nicht vorbei ist, da wir weiterhin mit Ungleichbehandlung und antischwarzem Rassismus konfrontiert sind“, sagt eine 18-jährige Teilnehmerin. Martha Ndumbe war eine Schwarze Deutsche, geboren 1902 in Berlin, die 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück ermordet wurde. Heute steht ihr Schicksal exemplarisch für die Verfolgung Schwarzer Menschen während der NS-Zeit.

Früher trug die heutige Anton-Wilhelm- Amo-Straße in Berlin einen Namen, der aus heutiger Sicht als rassistisch und kolonial geprägt gilt. Deshalb wurde die Straße im Jahr 2025 umbenannt. Ihre Geschichte zeigt zudem, dass solche Begriffe auch nach der NS-Zeit unkritisch fortgeführt wurden. Damit steht sie heute exemplarisch für eine Erinnerungskultur, die koloniale und nationalsozialistische Kontinuitäten gemeinsam hinterfragt. Sources d’Espoir beteiligte sich gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen an den Feierlichkeiten zur Umbenennung. Doch kolonial geprägte Strukturen zeigen sich nicht nur in Straßennamen, sondern auch in den Lebensrealitäten vieler Menschen. „Nach der Reflexion einer Biografie meinten die Jugendlichen zu mir: Wir haben ständig das Gefühl, unsere Existenz rechtfertigen zu müssen – ebenso wie die Tatsache, dass wir in diesem Land sind“, berichtet Gonzales. „Sie fragten sich, welche Rolle ihre Hautfarbe spielt und ob sie überhaupt hierhergehören. Es ist beeindruckend, wie reflektiert und tiefgründig sich die Teilnehmenden damit auseinandersetzen.“

Die Projektteilnehmenden zeigen, dass Erinnerungskultur keine rein historische Beschäftigung ist. Sie betrifft die Gegenwart unmittelbar. „Momentan wird in der Politik viel im soziokulturellen Bereich und an Bildung gespart – das geht so nicht. Um politische Veränderungen zu ermöglichen, brauchen wir Bildung“, heißt es aus dem Projekt. Die Kürzungen betreffen insbesondere einkommensschwache Menschen, Familien, migrantische Communities sowie lokale Kommunen und Bezirke. 
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie man solche Themen überhaupt vermitteln kann. „Denn leider ist es gesellschaftlich immer noch schwierig direkt und kritisch über Kolonialismus, seine Folgen und Auswirkungen auf die Gegenwart zu sprechen. Deswegen muss man niedrigschwellige Angebote schaffen“, erklärt mir Gonzales. Ziel ist es, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, denn nur durch Austausch, Diskurs und Aktion kann sich gesellschaftlich etwas verändern.

Und was kann jede einzelne Person tun? Gonzales überlegt einen kurzen Moment und antwortet dann entschlossen: „Global denken, lokal handeln.“ Es gehe darum, sich vor Ort zu vernetzen, informiert zu bleiben und kritisch mit Informationen umzugehen. „Wir müssen Quellen vergleichen und dürfen nicht alles sofort glauben. Wenn wir Ungerechtigkeiten sehen, sollten wir handeln und uns engagieren.“ Das bestätigt auch eine 16-jährige Teilnehmerin: „Vor dem Projekt war ich sehr unsicher und habe mich nicht getraut, meine Meinung laut zu äußern. Jetzt fühle ich mich stark, weil ich mich gesehen und gehört fühle.“

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Weil rechte Narrative auf Social Media lauter werden, ist Erinnern umso nötiger.

„Erinnern bedeutet auch, heute aktiv zu werden“

Vielleicht ist genau das die wichtigste Antwort auf die Entwicklung, die Cathleen Hoffmann beschreibt, wenn sie sagt: „Wer cool ist, ist rechts.“ Denn die Jugendlichen in den Projekten der Stiftung EVZ zeigen etwas anderes – nämlich, dass Haltung ebenfalls sichtbar und vor allem ziemlich cool sein kann. Dass es Mut braucht, um Fragen zu stellen oder Ungerechtigkeiten anzusprechen. Gerade dann, wenn rechte Narrative in sozialen Medien, auf Schulhöfen oder in politischen Debatten immer lauter werden. 
Ob in Jugendclubs auf dem Land, in inklusiven Podcast-Teams oder in postkolonialen Theaterprojekten: Überall engagieren sich junge Menschen partizipativ und setzen sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinander. Erinnerung wird so gemeinsam gestaltet, anstatt nur von oben vermittelt. 

Das Förderprogramm JUGEND erinnert vor Ort & engagiert der Stiftung EVZ und des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien schafft dafür Räume. Räume, die im Alltag oft zu kurz kommen zwischen schnelllebigen Instagram-Feeds, politischen Schlagzeilen und der nächsten vorbeiziehenden Nachricht. Dabei geht es nicht nur um die Vergangenheit. Erinnerungskultur bedeutet auch, die Gegenwart kritisch zu hinterfragen. Wer wird ausgeschlossen? Welche Stimmen werden überhört? Und wie wollen wir als Gesellschaft miteinander leben? Die Projekte machen deutlich, dass „Nie wieder“ kein fertiger Satz ist, sondern eine Aufgabe, die immer wieder neu ausgehandelt wird. Die Jugendlichen aus den Projekten zeigen: Cool ist, sich einzumischen, zuzuhören, zu widersprechen und Verantwortung zu übernehmen.

Die Autorin Tara Yakar studiert Psychologie und führt das Onlinemagazin kulturamagazin.de.
Der Beitrag wurde von der Jugendpresse Deutschland redaktionell begleitet und im Auftrag der Stiftung EVZ recherchiert und verfasst. Erschienen ist er im DUMMY Magazin Ausgabe #91  www.dummy-magazin.de

1 Dieses Ergebnis stammt aus der MEMOStudie der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) und der Universität Bielefeld, die seit 2017 die Erinnerungskultur in Deutschland untersucht.
2 JUGEND erinnert vor Ort & engagiert ist ein Förderprogramm der Stiftung EVZ und des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Im Programm werden junge
Menschen dabei unterstützt, sich an Planung und Durchführung von Erinnerungsprojekten partizipativ zu beteiligen.