Queere Perspektiven im Journalismus

In ganz Europa nehmen homophobe und transfeindliche Propaganda sowie Gewalt gegen LGBTIQ-Personen zu. Oft spielen gelenkte Medien eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung homophober und transphober Narrative. Ein Bildungsagenda-Projekt von n-ost thematisiert die mediale Verantwortung im historischen Kontext der NS- Verfolgung queerer Menschen ebenso wie mit Blick auf heutige politische Entwicklungen. Workshops bringen Medienschaffende und Aktivist:innen aus Polen, Belarus, Deutschland und der Ukraine zusammen und initiieren journalistische Beiträge.

Vika Biran

Wir haben bewiesen, dass wir als queere Menschen auch hervorragende Journalist:innen, Redakteur:innen, Fotograf:innen, Übersetzer:innen und Content-Creator:innen sind.
Vika Biran
Projektmacherin, History-Unit

Meine Zusammenarbeit mit n-ost begann bei der Partnerorganisation MAKEOUT, in einem queerfeministischen Projekt aus Belarus. Das Herzstück von MAKEOUT war die gleichnamige Website, auf der queere Menschen ihre Geschichten erzählen konnten. Belarussischer Journalismus war damals – und ist in vielerlei Hinsicht heute noch – Journalismus von und für die heterosexuelle Mehrheit. Die meisten Medien sahen queere Menschen durch die Brille der Normativität und behandelten sie wie seltsame Wesen, die entweder unter Diskriminierung leiden oder wilden Sex haben – als ob es keine anderen Realitäten gäbe. Meine Kolleg:innen und ich haben durch unsere Arbeit dazu beigetragen, diese Situation zu ändern. Wir haben bewiesen, dass wir als queere Menschen auch hervorragende Journalist:innen, Redakteur:innen, Fotograf:innen, Übersetzer:innen und Content-Creator:innen sind. Das Jahr 2020 hat alles verändert: Die Coronapandemie, Finanzierungsprobleme, die Proteste in Belarus und die darauffolgenden Repressionen führten dazu, dass das Projekt zum Erliegen kam, aber ein Teil der Website makeout.space ist heute noch als Archiv zugänglich.

Wie viele andere Belaruss:innen musste ich ins Ausland fliehen, da ich sonst erneut im Gefängnis gelandet wäre – diesmal nicht für 15 Tage, sondern für mehrere Jahre. Leider war nicht jede:r in der Lage oder willens zu fliehen: Nasta Loika von unserer Partnerorganisation Human Constanta etwa wurde wegen ihres Einsatzes für Menschenrechte zu sieben Jahren Haft verurteilt.

In unserem Projekt kann ich globale Phänomene wie die Verfolgung queerer Menschen und entsprechende mediale Narrative nicht nur durch die Linse der düsteren Realität von heute betrachten, sondern auch aus historischer Perspektive. Die Geschichte der queeren Verfolgung im NS-Regime vor 80 Jahren hilft, Entwicklungen, die sich heute in Belarus und der Ukraine abspielen, besser zu erklären. 
 

Historisches Wissen für heutige Herausforderungen 

Indem wir uns mit queeren Geschichten aus der NS-Zeit, mit unterschiedlichen Ansätzen für (queere) Erinnerungskultur und dem Einfluss von Journalist:innen und Medien auf solche Prozesse befassen, möchten wir Narrative aktiv mitgestalten. Wir wollen Journalist:innen und Aktivist:innen in die Lage versetzen, sich weiterzubilden und ihre Stimme zu erheben. 

Unser Projekt besteht aus zwei inhaltlichen Strängen: zum einen Workshops mit Gedenkstättenbesuchen, Austausch mit Expert:innen über historische Hintergründe und praktische Übungen zu den aktuellen Herausforderungen queerer Menschen in unseren Fokusregionen. Zweitens ermöglichen wir die Finanzierung von kleineren transnationalen journalistischen Kooperationsprojekten im Anschluss an die Workshops.

Das Team hinter dem Projekt Leitend für den Aufbau unseres Projektteams war der Grundsatz „Nichts über uns ohne uns“: Ein Team mit vielfältigen Perspektiven zusammenzustellen, ist genauso wichtig wie ein überzeugender Projektantrag. Denn sowohl im Journalismus als auch im Projektmanagement ist es wichtig, verschiedene Kontexte und Hintergründe einzubeziehen. 

Unser Projektteam besteht aus:

  • Migrant:innen und Menschen, die in ihrem Geburtsland leben
  • Menschen mit beruflichem Hintergrund in Journalismus, Menschenrechten und Aktivismus
  • Menschen, die in verschiedenen politischen Systemen aufgewachsen sind und diverse Perspektiven auf Geschichte und Erinnerungskultur mitbringen
  • Menschen, die in drei der vier Projektländer leben (zum Glück leben unsere belarussischen Partner:innen nicht in Belarus – sonst säßen sie dort im Gefängnis)

Mitglieder unserer Partnerorganisation Human Constanta brachten persönliche Erfahrungen als Geflüchtete ein und ermöglichten so einen sicheren Raum für die Teilnehmenden eines Workshops zum Thema Vertreibung.

Queere Perspektiven im Journalismus

Und wie blicken die Teilnehmer:innen auf ihre Erfahrungen? Eastern Queerope, ein Kollektiv von drei nicht binären Aktivist:innen und Journalist:innen aus Belarus und Polen, erzählt von seinem Engagement. Das Projekt will die nur bruchstückhaft überlieferte queere Geschichte Osteuropas zutage fördern und näher beleuchten. Der Fokus liegt auf Regionen, die in den vorherrschenden LGBTIQ-Erzählungen meist übersehen werden, darunter Belarus, Polen, die Ukraine und Ungarn.

Gibt es eine Geschichte oder ein Schicksal, das euch persönlich besonders berührt hat?

Emanuela: Jede Geschichte, mit der ich mich befasse, wird für mich zum neuen Hyperfokus. Ich entdecke Queer Storys, die in westlichen Erzählungen mit Schwerpunkten wie Christopher Street Day und Stonewall unsichtbar sind. Diese Geschichten gehen mir sehr zu Herzen! Eine Protagonistin, die mich besonders berührt hat, war Agnieszka Kuśnierczanka, über die wir nur sehr wenig wissen. Laut Gerichtsunterlagen aus einer polnischen Kleinstadt wurde sie 1642 verurteilt und der Stadt verwiesen, weil sie typische Männerkleidung trug und in diesem kühnen Aufzug in örtlichen Schenken mit Frauen flirtete. Dabei betrank sie sich und ließ sich auf Prügeleien mit Männern ein. 

Ich möchte nicht nur die Queer Stories dokumentieren, die uns bereits zugänglich sind und die oft von eher privilegierten Personen handeln, sondern auch solche, die noch unsichtbar sind.

Ula: Für mich war es die Biografie des Leutnants Alexei Petrenko. Er war Offizier beim sowjetischen Geheimdienst KGB und wurde polizeilich gesucht, weil er seine Frau geschlagen hatte. Er versteckte sich im ukrainischen Saporischschja und fasste dort einen Plan, um vom Vorwurf der häuslichen Gewalt freigesprochen zu werden. Seine Idee war, einen Fall gegen homosexuelle Männer in Saporischschja zu konstruieren und sie den Behörden auszuliefern. Dazu musste er mit möglichst vielen Männern in der Region sexuelle Beziehungen eingehen. 

Diese Geschichte ist besonders bemerkenswert, weil es nur sehr wenige dokumentierte Fälle gibt, die die Geschichten homosexueller Männer in der UdSSR erzählen. Leider sind uns all diese Details nur deshalb bekannt, weil der Hauptakteur für den KGB spitzelte. Doch obwohl er alles andere als ein Sympathieträger ist, gewährt uns seine Geschichte viele wertvolle Einblicke in homosexuelle Praktiken zwischen Männern in der ukrainischen Sowjetrepublik während der 1960er-Jahre.

Dascha: Ich habe mich mit Briefen der berühmten polnisch-belarussischen Autoren Adam Mickiewicz und Jan Czeczot beschäftigt. Ich kenne ihre Werke und schätze sie sehr – das einzige Buch, das ich vor einigen Jahren aus Belarus mitbrachte, war von Jan Czeczot. Die Briefe der beiden Poeten verraten uns viel über tiefe emotionale Bindungen, Neigungen und Intimitäten. Sie sind Ausdruck einer tiefen Verbundenheit in einer Sprache, die sich als romantisch oder leidenschaftlich bezeichnen lässt. Mickiewicz war sogar der Ansicht, man solle ein eigenes Geschlecht für Freund:innen schaffen – eine Idee, die auch mich sehr fasziniert. Es ist sehr spannend, solche über 200 Jahre alten Texte zu lesen, die ohne modernes LGBTIQ Vokabular auskommen und dennoch die gleichen Gefühle und Gedanken ausdrücken.

Wie sieht die aktuelle Situation queerer Menschen in euren Heimatländern aus?

Ula: Ich arbeite gerade an einer Studie über queere Proteste in Belarus und der Ukraine in den 2000ern. Bemerkenswert ist, dass Belarus das erste postsowjetische Land war, in dem eine öffentliche Pride-Veranstaltung stattfand. Schätzungen zufolge nahmen daran 300 bis 1.000 Menschen teil. Sie liefen friedlich in farbenfrohen Kostümen und mit Pride-Flaggen durch Minsk. Die letzte Pride-Parade fand 2012 statt: Die Aktivist:innen hielten die Veranstaltung damals in einer Straßenbahn ab, da sie Angst hatten, verfolgt zu werden, wenn sie öffentlichen Raum in Anspruch nähmen. 

Nach heute geltendem Recht kann in Belarus das öffentliche Zeigen queerer Beziehungen oder irgendeiner Art von Nicht-Heteronormativität als Pornografie ausgelegt und bestraft werden. Seit Sommer 2024 wurden mindestens 30 Menschen verhaftet – es ist die größte Repressionswelle gegen queere Personen in der modernen belarussischen Geschichte.

Dascha: Die Menschenrechte in Belarus befinden sich heute leider in der totalen Krise. Seit 2020 ist die Unterdrückung nicht nur weitergegangen, sondern hat sogar zugenommen. Das belarussische Regime hat erst politische Aktivist:innen ins Visier genommen, dann zivilgesellschaftliche Aktivist:innen und Organisationen und heute stehen alle Menschen im Fadenkreuz. Jede:r kann zur Zielscheibe werden.

Emanuela: Polen lag im Rainbow Index von ILGA Europe bis 2024 fünf Jahre in Folge auf dem letzten Platz unter allen EU-Staaten. Das lag vor allem an der Entstehung sogenannter „LGBTIQ-freier Zonen“, die zeitweise mehr als ein Drittel des Landes einnahmen, sowie am Fehlen jeglicher rechtlicher Schutzmaßnahmen für die Community.

Transgender-Personen finden bis heute keine rechtliche Anerkennung. Bis vor Kurzem konnten sie ihren Geschlechtseintrag nur ändern, indem sie ihre eigenen Eltern verklagten – eine Vorgehensweise, die nur durch ein rechtliches Schlupfloch möglich war. Diese Anforderung wurde zwar 2025 vom Obersten Gericht gekippt, aber einen gangbaren verwaltungsrechtlichen Verfahrensweg gibt es nach wie vor nicht, und nicht binäre Identitäten werden weiterhin nicht anerkannt. 

Im letzten Jahrzehnt haben wir hasserfüllte politische Kampagnen, Polizeigewalt und systematische Diskriminierung erlebt. Gleichzeitig ist eine starke queere Protestbewegung entstanden. Wir haben viel demonstriert und immer mehr Paraden abgehalten: 2015 gab es Pride-Paraden in sechs Städten, 2024 schon in über 40. 

Inzwischen haben wir eine neue Regierung, die Veränderung versprochen, aber bislang nur wenig umgesetzt hat. Es bleibt also ein Kampf, nur der politische Tonfall hat sich gemäßigt. 

Die letzte „LGBTIQ-freie Zone“ wurde im April 2025 von den Gerichten für ungültig erklärt, nach sechsjährigem juristischem Kampf. Das neue Gleichstellungsministerium arbeitet derzeit an einem Gesetzentwurf für eingetragene Partnerschaften, aber das Verfahren ist schon jetzt politisch umkämpft und steckt fest – trotz aller Bemühungen von Aktivist:innen und Ministeriumsmitarbeiter:innen. 

Wir kommen voran, wenn auch nur langsam – und unter hohen Kosten. Unsere Fortschritte bleiben fragil und hängen von der politischen Wetterlage ab.

Alle journalistischen Projektergebnisse finden Sie hier.
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Das schriftliche Interview führte Sophie Ziegler, Stiftung EVZ.