Comics und Graphic Novels über den Nationalsozialismus

Nie war Bildung zu nationalsozialistischem Unrecht und Holocaust aktueller und wichtiger als heute, 80 Jahre nach Kriegsende. Doch wie kann man Geschichte zeitgemäß vermitteln? Comics und Graphic Novels lassen die Vergangenheit in Bild und Wort lebendig werden und sprechen auch junge Menschen stark an. In zahlreichen Projekten der Bildungsagenda NS-Unrecht wird aktuell an und mit Graphic Novels gearbeitet: Wir schauen exemplarisch auf zwei von ihnen.

Darf man den Holocaust als Comic erzählen? Lange galt diese Vorstellung als Tabubruch. Zu groß schien die Gefahr, dass Bilder verharmlosen könnten, was kaum in Worte zu fassen ist. Doch heute sind Graphic Novels – erzählende Comics in Buchform – längst mehr als Unterhaltung. Sie sind ein fester Bestandteil der Erinnerungskultur – und ein starkes und niedrigschwelliges Werkzeug in der Bildungsarbeit.

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Geschichte wird oft über Zahlen vermittelt. Über Millionen Opfer, über Daten, Verordnungen, Gesetze. Was dabei leicht verloren geht, sind die Menschen dahinter. Graphic Novels können helfen, diese Lücke zu füllen.

Sie erzählen Geschichte anders. Denn sie kombinieren Bilder und Texte, machen Leerstellen sichtbar, zeigen Emotionen, ohne sie erklären zu müssen. In „Maus – Die Geschichte eines Überlebenden“, dem 1989 auf Deutsch erschienenen wohl bekanntesten Comic über den Holocaust, verarbeitet Art Spiegelman die Geschichte seines Vaters als Überlebender von Auschwitz – und wählt dafür Tiermetaphern: Jüdinnen und Juden als Mäuse, Nazis als Katzen.

Auch wenn das Buch anfänglich vom deutschen Feuilleton verurteilt und von der Öffentlichkeit mit Unverständnis abgelehnt wurde, leitete es einen Wandel in der historischen Bildungsarbeit ein. Heute erscheinen zahlreiche Graphic Novels zum Nationalsozialismus und immer mehr Bildungsprojekte setzen gezielt auf Comics – nicht als bloßes Zusatzmaterial, sondern als zentralen pädagogischen Zugang zur Geschichte.

Multimediales Lernen von Widerstand in der NS-Zeit für Widerstandsfähigkeit gegenüber gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit heute

Das Bildungsagenda-Projekt „ErinnerungsZeit“ erzählt fiktionalisierte Geschichten von NS-Verfolgten als Visual Novel. Entwickelt von der Berghof Foundation richtet sich das Projekt gezielt an junge Menschen. Auf der digitalen Plattform und in einer App lässt sich der Frage nachspüren, was wir von Solidarität und Widerstand verfolgter Gruppen während der NS-Zeit für den Umgang mit Hass und Hetze im Heute lernen können. 

Die User:innen unterstützen Ben und seine Freund:innen bei ihrer Mission, dem Hass in ihrem Wohnhaus etwas entgegenzusetzen. Beim Versuch, die Bewohner:innen des Hauses als Verbündete zu gewinnen, geht es auf eine Zeitreise von der NS-Zeit bis in die Gegenwart. Ausgespielt werden biografisch inspirierte Episoden über Solidarität, Zivilcourage und Widerstand von Sinti:ze und Rom:nja, Jüdinnen und Juden, Schwarzen Menschen und Menschen aus der LGBTIQ-Community.

Besonders bemerkenswert: Der Entwicklung der Visual Novel liegt ein Peer-Ansatz zugrunde. Studierende recherchierten während eines Uniseminars Biografien und Hintergrundmaterial. Ein diverses Team erfahrener Comickünstler:innen nutzte das Recherchematerial für die Entwicklung der Protagonist:innen und Inhalte. 

An der Entwicklung und Umsetzung der Visual Novel wirkten Graphic Novelists mit, die sich der jüdischen, der Schwarzen, der Sinti- oder Roma- sowie der LGBTIQ-Community zugehörig fühlen.

Grafikerin Sanja Prautzsch, selbst Teil der LGBTIQ-Community, berichtet über ihre Erfahrungen im Projekt: „Es war mir eine große Ehre und für mich eine wichtige und empowernde Erfahrung. Wenn man selbst betroffen ist und die Erfahrungen mit den Protagonist:innen ein Stück weit sogar teilt, kann man viele persönliche Elemente in die Geschichte einfließen lassen, was die Reise der Protagonist:innen authentischer macht.“ 

Projektleiterin Dagmar Nolden spricht über die Vielfalt der sichtbar werdenden Perspektiven: „Jede Geschichte steht für sich, ganz gleich den bunten Steinchen im Kaleidoskop. Doch erst im Zusammenspiel entsteht so etwas wie ein Bild des Ganzen – jedes Steinchen, das heißt jede Perspektive, hat einen Platz und ist wichtig, damit wir von multiperspektivischem Erinnern sprechen können.“ Erinnerung ist vielstimmig, ein Prozess, der nie abgeschlossen ist, sondern durch neue Perspektiven lebendig bleibt – und die Visual Novel schafft, dies lebendig zu vermitteln. 

Mit „ErinnerungsZeit“ wird Geschichtslernen zum kreativen Prozess, der nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch demokratische Haltungen und Handeln im Heute stärkt.

Ausradierte Leben – eine Graphic Novel über NS-Eugenikverbrechen

Ein weiteres Beispiel dafür, wie Graphic Novels NS-Unrecht neu vermitteln können, ist die Graphic Novel „Ausradiert – Nationalsozialistische Eugenikverbrechen in Thüringen“ – ein Ergebnis des Bildungsagenda-Projekts „Beredtes Schweigen – NS-Eugenikverbrechen und ihre Folgen“ des Lernorts Weimar und der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie des Weimarer Jugendtheaters stellwerk. Die Publikation beleuchtet ein Thema, das lange kaum sichtbar war: die Ermordung und Zwangssterilisation von Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen im Kontext der NS-„Rassenhygiene“. 

Die Zeichnerin Anke Zapf begab sich mit Bleistift und Radiergummi auf Spurensuche, ein Prozess des Einlassens und Einfühlens. Durch ihre eindrucksvolle Bildsprache, die von dynamischen Bleistiftzeichnungen und gezielten Radierungen geprägt ist, führt sie die Leser:innen nah an die Lebensgeschichten von Betroffenen der NS-Eugenikverbrechen heran – Geschichten, die bis heute zu oft im Schweigen verhüllt sind.

Zapf arbeitet mit starken Kontrasten: mit Bleistiftlinien und Radiergummi-Spuren, mit Leerstellen, Brüchen, ungesagten Worten. Die Geschichten der Betroffenen werden dadurch nicht nur erzählt, sondern auch bildlich erfahrbar gemacht – als etwas, das beinahe ausgelöscht wurde.

Das kindliche Gesicht von Erika Haase schaut die Leser:innen verunsichert an. 1936 in Weimar geboren, entsprach Erika nach der Ideologie der Nationalsozialisten gleich in mehrfacher Hinsicht nicht ihrem rassistischen und eugenischen Menschenbild: Sie war die nicht ehelich geborene Tochter einer jüdischen Prostituierten. Erika kam nach ihrer Geburt in eine liebevolle Pflegefamilie, aus der sie 1944 von der Stadtverwaltung herausgerissen wurde, um das Zusammenleben mit ihren „arischen“ Pflegeschwestern zu unterbinden. Das Mädchen wurde in ein sogenanntes „Erziehungsheim für Mischlingskinder“ gebracht – in Wahrheit die hessische Tötungsanstalt Hadamar – und dort nach nur 27 Tagen durch eine gezielte Medikamentenüberdosis ermordet.

Der Prozess der Ausgrenzung, der für Hunderttausende Menschen zur Ermordung führte, spiegelt sich in den Zeichnungen von Gesichtern wie dem von Erika wider, die ihre Konturen, ihre Lebensgeister verlieren, bis schließlich nur noch Spuren eines Verlusts übrig bleiben. 

Die Lebenswege von Erika Haase und anderen Weimarer:innen wurden im Projekt anhand von Archivmaterial aufgearbeitet, Anke Zapfs Graphic Novel stützt sich auf diese Grundlage und verleiht den Betroffenen, über die meist nur die Akten der Täter:innen Auskunft geben, ein Gesicht.

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Comics und Graphic Novels können Brücken schlagen: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Fakten und Empathie, zwischen Wissen und Haltung.

Sie sind kein Ersatz für den Besuch von Gedenkstätten und faktenbasiertem Lernen – aber ein starkes Mittel, um Geschichte lebendig zu halten. 

Denn manchmal braucht es Bilder, damit etwas nicht vergessen wird. Und Menschen, die hinschauen.

Visual Novel „ErinnerungsZeit“ entdecken

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Autorin: Sophie Ziegler, Stiftung EVZ