Traditionelle Landkarten aus Papier mögen nostalgischen Charme haben. Um allerdings historische Ereignisse, ihre Kontexte und räumlichen Dimensionen zu verstehen, werden zunehmend digitale Karten genutzt. Sie können dynamisch und interaktiv sein und Unmengen an Informationen aufnehmen und verknüpfen.
Stufenlos kann man von einer Europaübersicht bis zur einzelnen Straße in Berlin oder zu einem kleinen Dorf in Polen zoomen und mit einem Klick verschiedene Informationen ein- oder ausblenden – Deportationsrouten, Standorte von Konzentrations- und Vernichtungslagern, Orte des Widerstands oder jüdischen Lebens vor 1933. Das allein ist schon ein riesiger Vorteil gegenüber der analogen Landkarte, die nur eine einzige, unveränderliche Darstellung bietet. Aber es geht noch viel tiefer – im wahrsten Sinne des Wortes: Wenn wir im Kontext von Geschichtsvermittlung über digitale Karten sprechen, fällt oft der Begriff „Deep Mapping“. Das ist weit mehr, als nur einen Punkt auf der Karte zu setzen: Deep Mapping bedeutet, historische „Tiefenbohrungen“ an Orten vorzunehmen. Es verknüpft geografische Koordinaten mit Biografien von Opfern und Täter:innen, mit historischen Fotos, Dokumenten, Zeitzeug:innenberichten oder sogar 3D-Rekonstruktionen von zerstörten Synagogen oder anderen Gebäuden.
So wird Geschichte plötzlich räumlich und multimedial erfahrbar. Statt abstrakter Daten und Namen sehen wir, wo etwas geschah, welche Wege Menschen zurücklegen mussten, wie Orte miteinander verbunden waren und wie sich Landschaften und menschliche Schicksale über die Zeit an diesen Orten veränderten. Eine herkömmliche Landkarte kann das kaum leisten – sie zeigt uns vielleicht das Wo, aber selten das Wie, Wer oder Warum in dieser vernetzten und vielschichtigen Tiefe. Das ist die grundlegende Idee hinter Deep Mapping. Wie sieht aber die praktische Seite aus? Woher kommen diese detaillierten Informationen? Und wie werden sie in die Karte gebracht?
Wir hatten vorher keine Vorstellung davon, wie erdrückend die Karte der NS-Verbrechen sein würde, voll mit Punkten, die NS-Tatorte darstellen.
Darüber haben wir mit Leonid Klimov, Wissenschaftsredakteur bei dekoder, gesprochen. Das Online-Magazin schlägt eine Brücke zwischen osteuropäischem Journalismus und der deutschen Öffentlichkeit und hat das Bildungsagenda- Projekt „Der Krieg und seine Opfer“, eine Scrollytelling-Doku in zehn Folgen über den Deutsch-Sowjetischen Krieg 1941–1945, realisiert. Parallel dazu entstand die Karte der NS-Verbrechen, ein interaktiver digitaler Atlas, der geografische Orte, an denen NS Verbrechen stattfanden, visualisiert und das Ausmaß der Verbrechen sichtbar macht.
Was war die Motivation, als Begleitprodukt von „Der Krieg und seine Opfer“ eine interaktive Karte zu erstellen?
Als wir mit der Arbeit an unserer Scroll-Doku begannen, war unser Team fest davon überzeugt, dass in Deutschland das Thema Nationalsozialismus umfassend aufgearbeitet, digitalisiert und die relevanten Daten mühelos zugänglich seien. Doch das stimmte nicht: Trotz der umfangreichen Forschung und der Fülle an Daten sind diese keineswegs systematisch erfasst und oft nicht in einem digital nutzbaren Format zugänglich.
Digital heißt in diesem Zusammenhang nicht ein simples Einscannen von Büchern. Um den Verlauf eines Krieges auf einer Karte anschaulich darzustellen, genügt es nicht, irgendeine beliebige Karte zu verwenden. Man benötigt Shapefiles, spezielle georeferenzierte Punkte, Linien oder Flächen in einem speziellen Format, die in einer digitalen Karte verwendet werden können. Schnell stellten wir fest, dass solche Daten kaum existieren. Für die erste Folge unseres Projekts haben wir daher akribisch Geokoordinaten den jeweiligen Orten zugeordnet. Dafür haben wir die Holocaust-Enzyklopädie des United States Holocaust Memorial Museum und die umfangreiche Datensammlung von Yad Vashem verwendet. Auch hier mussten wir viel Arbeit investieren, um die Daten in ein brauchbares Format umzuwandeln. Bei manchen Themen, an denen wir lange gearbeitet haben – wie zum Beispiel Konzentrationslagern –, können wir nun sagen, dass unsere Karte datenmäßig fast vollständig ist. Wenn wir im Arbeitsprozess Lücken fanden, sind wir gezielt auf einzelne Gedenkstätten zugegangen und haben um zusätzliche Informationen zu Außenlagern gebeten. Und auch diese Daten waren meist in einer Form, die wir für die Karte erst nutzbar machen mussten. Alles in allem viel händische Arbeit und anstrengende Prozesse. Als diese Arbeit von uns gemacht wurde, dachten wir, es wäre schade, diese Daten nur in den Scroll-Dokus zu zeigen. Wir müssten diese auf eine separate Überblickskarte packen. Und es hat sich gelohnt: Wir hatten vorher keine Vorstellung davon, wie erdrückend die Karte der NS-Verbrechen sein würde, voll mit Punkten, die NS-Tatorte darstellen.
Wenn man die Karte aufruft, heißt es „Work in progress“. Wird weiter an der Karte gearbeitet? Planen Sie beispielsweise eine Beteiligungskampagne im Sinne von Citizen Science?
Wir entwickeln die Karte im Rahmen unseres nächsten Projekts weiter, werden Daten ergänzen, korrigieren und künftig verstärkt mit Gedenkstätten zusammenarbeiten. Die technische Umsetzung der Karte wurde so gestaltet, dass kollaboratives Arbeiten möglich ist, indem Daten über eine online zugängliche Tabelle eingegeben werden können. So können Daten eingebunden werden, die sonst nur schwer zugänglich sind und von Menschen und Organisationen an vielen verschiedenen Orten gesammelt wurden.
Wie kann mit der Karte systematisch gearbeitet werden und welches Potenzial haben digitale Karten generell für die historischpolitische Bildung?
Unsere Karte zeigt das Ausmaß und die Vielfalt der NS Verbrechen an verschiedenen Orten auf einer einzigen Karte. Sie kann wie eine Datenbank als Ausgangspunkt für Bildungsprojekte und Grundlage für digitale Reiseführer oder Apps dienen, die es ermöglichen, reale Orte zu erkunden und historische Informationen dazu zu erhalten. Ansätze wie die Berlin-History-App sind sehr gelungen: Man spaziert mit einem digitalen Reiseführer durch eine Gegend, sieht die Orte und besucht sie gezielt, selbst wenn dort physisch nichts sichtbar ist.
In unserer Scroll-Doku geht es darum, Zusammenhänge im Großen aufzuzeigen, die den einzelnen Protagonist: innen möglicherweise nicht bewusst waren. Wir betten ihre individuellen Schicksale in einen größeren Kontext ein. Um dies zu ermöglichen, sind umfangreiche Datensätze und detaillierte Karten unerlässlich. Diese Werkzeuge erlauben es uns, die Informationen schnell und effizient in unsere Arbeit zu integrieren. Wichtig ist uns auch die journalistische Perspektive. Journalist:innen setzen heutzutage bei Longform- Formaten viel auf datenbasierte Recherchen. Allerdings gibt es bis jetzt sehr wenige Datenrecherchen zur NS-Zeit, weil eben die Datensätze stark fragmentiert und uneinheitlich sind. Hätte man etwa einen Datensatz, der alle Außenlager in Deutschland enthält – inklusive Angaben dazu, für welche Unternehmen dort Zwangsarbeit geleistet wurde –, wäre das eine perfekte Grundlage für eine datenbasierte Veröffentlichung, in der man diese Informationen analysieren und visualisieren könnte. Diese Art der Karten- und Datenarbeit bildet das Fundament für zahlreiche weitere Schritte in der digitalen Kommunikation, sei es im Journalismus, in der Bildungsarbeit oder in der Forschung.
Scrollytelling-Doku und Karte der NS-Verbrechen entdecken.
Autorin: Leonore Martin, Fachreferentin der Stiftung EVZ


