© Andreas Nicolaus Vetrone
I don’t care what the weatherman says
When the weatherman says it’s raining
You’ll never hear me complaining
I’m certain the sun will shine
Am 8. Mai 2025 um 18 Uhr erklingt auf dem Bremer Marktplatz laute Jazzmusik: 40 junge und ältere Menschen tanzen zu den Klängen des amerikanischen Songs „Jeepers Creepers“ vor rund 80 Zuschauer:innen eine mitreißende Choreografie. Das Lied sangen Häftlinge im Konzentrationslager Mohringen einst heimlich. Unter ihnen war auch Günter Discher, der mit 16 anderen Jugendlichen aus Hamburg wegen seiner Begeisterung für amerikanischen Jazz und Swing in dem „polizeilichen Jugendschutzlager“ inhaftiert wurde. Discher überlebte Erniedrigung, Folter und Zwangsarbeit und berichtete später als Zeitzeuge über seine Inhaftierung und den musikalischen Widerstand im Lager. „Wegen dieser Geschichte haben wir das Lied für unseren Swing-Flashmob ausgewählt“, erzählt Natalie Reinsch vom Bremer Bündnis für deutsch-tschechische Zusammenarbeit. „Und dank der vielen internationalen Tänzer:innen haben wir am 8. Mai rund 1.000 Menschen mit unserem europäischen Flashmob erreichen können.“
Nicht nur in Bremen, sondern auch in Prag, Danzig, Hamburg, Pinneberg, Oldenburg, Aachen, Lychow, Berlin und Köln erinnern Tänzer:innen der internationalen Swing-Community an die Verfolgung von Musik- und Jugendkulturen im Nationalsozialismus. Sie haben die Choreografie zu ihrem „Liberation Dance“ gemeinsam entwickelt und einstudiert, um ihn zur Erinnerung an den Tag der Befreiung, den 8. Mai 1945, zusammen aufzuführen.
Initiiert vom Bremer Bündnis für deutsch-tschechische Zusammenarbeit nimmt das Projekt „NS-Unrecht ‚Entartete Musik‘“ die NS-Verfolgungspraxis gegenüber der nordwestdeutschen Swing-Jugend, der tschechischen Potápky und der Swing- und Jazzmusikszene im besetzten Polen vergleichend und historisch fundiert in den Blick. Mit Kooperationspartner:innen aus Deutschland, Polen und Tschechien und vielfältigen pädagogischen Ansätzen bringt das Projektteam die Geschichten dieser weitgehend unbekannten Opfergruppe in die Öffentlichkeit.
Neben den Tanzworkshops laden sie zu Podiumsdiskussionen und „Swing Walks“ ein, um die Geschichte der Verfolgung von Jazzmusiker:innen und Tänzer:innen unter dem NS-Regime sicht- und erfahrbar zu machen. Doch das ist nicht der einzige Vermittlungszugang des Bremer Projekts: Gemeinsam mit dem Stadtmuseum Gdynia und Studierenden der Karlsuniversität Prag entwickeln sie eine internationale Ausstellung zur Verfolgung von Jugendkulturen durch die Nationalsozialisten. Der Dokumentarfilmer Josef Lustig dreht in Prag einen Dokumentarfilm über die „Ghetto Swingers“ im Konzentrationslager Theresienstadt. Auch auf Social Media erzählt das Projektteam von der weitgehend unbekannten Verfolgtengruppe und motiviert in allen drei Ländern neue Zielgruppen – etwa aus der internationalen Swing-Community –, sich mit der Geschichte des NS-Unrechts zu befassen und daraus für die Gegenwart zu lernen.
© Rudi/New Swing Generation
Reisen wir weiter vom Norden Deutschlands ganz in den Südwesten des Landes: In Breisach treffen sich im Mai 2025 Schüler:innen und Lehrkräfte von fünf Schulen beidseits des Rheins, um tanzend zu erinnern. Sie erarbeiten mit Tanzpädagog:innen der New Yorker Battery Dance Company Choreografien, die sie im Mai 2025 im französisch-deutschen Kulturzentrum Art’Rhena auf der Rheininsel vor Breisach aufführen.
Organisiert hat dieses Event der Förderverein Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus im badischen Breisach: Im Projekt „Brücke für die Zukunft – Pont pour l’avenir“ erforscht das Team gemeinsam mit Historiker:innen und Lehrkräften die Geschichte der Eisenbahnbrücke über den Rhein sowie die mit ihr verwobenen wechselvollen deutsch-französischen Beziehungen. Über die 1945 zerstörte Brücke fuhren am 22. und 23. Oktober 1940 sieben Züge, die mehr als 5.600 badische Jüdinnen und Juden in das französische Internierungslager Gurs deportierten. An ihr Schicksal sowie an das der verfolgten Sinti:ze und Rom:nja, NS-Zwangsarbeiter:innen, Kriegsgefangenen und Widerstandskämpfer:innen will das deutsch-französische Projekt erinnern.
Das pädagogische Team des Projektträgers nutzt für die Bildungsarbeit vielfältige kreative Zugänge: Rund 350 Schüler:innen aus mehr als 20 Schulklassen beidseits des Rheins befassen sich mit den Biografien von Menschen aus der Region, die einst von NS-Unrecht betroffen waren. Ihre Erkenntnisse, Fragen und Gedanken zu den Schicksalen der Menschen aus Baden und dem Elsass haben sie in Zeichnungen und Texten umgesetzt. Im Rahmen der außerschulischen Workshops entstehen beeindruckende Graphic Novels – selbst gezeichnete Bildgeschichten, zum Beispiel über junge Menschen, die zum Zeitpunkt der NS-Verfolgung nicht älter waren als die Schüler:innen heute.
© Anna Holz
Hintergrundwissen zu einzelnen Biografien und zum NS-Unrecht in der Region vermittelt ein Biografietag am 2. April 2025, bei dem die beteiligten Schulklassen aus Frankreich und Deutschland erstmals zusammentreffen. Im Kulturzentrum Art’Rhena bietet das Projektteam des Blauen Hauses den Schüler:innen und Lehrkräften Workshops über die Verfolgung von Sinti:ze und Rom:nja in Baden, Führungen zum jüdischen Leben in Breisach oder zu Stolpersteinen im französischen Neuf- Brisach an. Ein Monolog-Theaterstück macht den Alltag vor dem 8. Mai 1945 eindrücklich erlebbar. Auch eine Auswahl der selbst erarbeiteten Graphic Novels wird an diesem Biografietag erstmals ausgestellt und von den Schüler:innen selbst präsentiert.
Auch die Tanzworkshops der Battery Dance Company bieten den Jugendlichen die Möglichkeit, sich jenseits von Jahreszahlen und Geschichtsbüchern mit historischen Ereignissen auseinanderzusetzen. „Ich bin immer froh über neue Methoden, um meine Schüler:innen anzusprechen. Wenn die Kinder gemeinsam tanzen, bauen sie eine emotionale Verbindung zueinander auf. Das ist gerade im internationalen Kontext wichtig“, freut sich Claire Garnier, Deutschlehrerin im elsässischen Fortschwihr.
Jessica Ohletz aus Breisach nimmt ebenfalls mit ihrer Klasse an den Workshops der New Yorker Battery Dance Company teil und berichtet: „Die Choreografien werden von den Schüler:innen selbst entwickelt. Und am Ende sehen sie: Wow, jede:r kann das!“, freut sich die Lehrerin, die selbst gerne tanzt.
„Ich bin sehr dankbar, dass wir Jonathan Hollander und die Battery Dance Company für eine Zusammenarbeit gewinnen konnten“, betont Christiane Walesch-Schneller, die Vorsitzende des Fördervereins Ehemaliges Jüdisches Gemeindehaus Breisach. 80 Jahre nach Kriegsende tanzen und gedenken nun Jugendliche auf der Rheininsel und an der Brücke der Verfolgten des Nationalsozialismus: Ein bunter Tanzreigen führt mehr als 120 Schüler:innen mit Schirmen in den Farben der deutschen und französischen Flaggen über den Rhein. Und am 18. Mai 2025 erhält das Bauwerk, heute ein Symbol der europäischen Verständigung, den Namen des badischen Widerstandskämpfers Julius Leber.
Mehr zum französisch-deutschen Kooperationsprojekt erfahren.
Geschichten von verfolgten Swing-Tänzer:innen und Jazzmusiker:innen entdecken.
Autorin: Elke Braun, Stiftung EVZ


