Sounds of Resistance

Ein Jahr lang haben sich Cana (21), Helene (16) und Jonathan (20) gemeinsam mit professionellen Künstler:innen und unter der Leitung von Schorsch Kamerun auf und hinter der Bühne mit der Geschichte junger Widerständler:innen gegen das NS-Regime beschäftigt – und einen Bogen in die Gegenwart und zu Widerstand heute geschlagen. Im Bildungsagenda-Projekt des Theaters der Jungen Welt in Leipzig und der Deutschen Oper am Rhein in Duisburg entstanden zwei Inszenierungen mit jugendlichen Schauspieler:innen in den jeweiligen Städten, ein Gedenkort auf dem Lindenauer Markt sowie ein digitales Klangarchiv. Cana, Helene und Jonathan haben uns von ihren Erfahrungen erzählt, gewähren einen Blick hinter die Kulissen und berichten, wie junge Menschen auch heute aktiv für die Demokratie einstehen können.

Wie seid Ihr zu dem Projekt gekommen und was war das Highlight eurer Theaterarbeit mit dem Sänger und Regisseur Schorsch Kamerun?

Helene: Ich habe durch die Schule von dem Projekt erfahren. Seit der 8. Klasse habe ich das Fach „Theater“. Meine Lehrerin hat den Flyer vom Theater der Jungen Welt mitgebracht, das nicht nur in der Nähe meiner Schule, sondern auch sehr bekannt in Leipzig ist. Zwei Freundinnen und ich haben uns dann sofort gedacht, wir gerne mitmachen würden, und waren bei dem Kennenlernwochenende mit dabei.

Cana: Ich war vorher schon bei der Jugendbühne Bahtalo aktiv, die Theaterstücke zeigt, die sich mit Themen wie Menschenrechten, Freiheit und Gleichstellung beschäftigen. Wir sind eine große Gruppe, in der viele einen Migrationshintergrund oder Fluchterfahrungen haben. Durch mein Engagement in dem Verein und Theater habe ich dann von dem Projekt gehört und wollte dabei sein. Als ich erfuhr, dass wir mit berühmten Künstler:innen aus der Opernszene zusammenarbeiten, konnte ich mir das nicht richtig vorstellen. Schorsch Kamerun ist sehr erfahren und außerdem sehr viel älter als wir, aber: Er hat uns mitwirken lassen und war viel offener, als ich dachte. Er war begeistert von unseren Ideen und cool im Umgang mit uns – das hat uns alle wirklich sehr motiviert.

Jonathan: Ich studiere seit Oktober 2024 in Leipzig Theaterwissenschaft: Da habe ich von einigen Kommiliton:innen gehört, dass sie schon bei Inszenierungen des Theaters der Jungen Welt mitgewirkt hatten. Also habe ich ihnen geschrieben und kam so zum Projekt. Auch ich kenne es von der Theaterarbeit, dass Regisseur:innen streng sind und genau ihren Plan und ihre Vorstellungen auf die Bühne bringen möchten. Das war bei unserem Stück viel freier, und Schorsch hat sich auf unsere Wünsche und Visionen eingelassen.

Im Projekt geht es um die Widerstandsgruppen der Leipziger Meuten beziehungsweise Edelweiß- und Ruhrpiraten. Was wusstet ihr vorher über sie, und wie habt ihr euch Wissen dazu im Projekt angeeignet?

Jonathan: Ich wusste tatsächlich weder von den Meuten noch von den Edelweißpiraten. Ich komme nicht aus Duisburg oder Leipzig, aber als ich dann erfahren habe, worum es in dem Stück gehen soll, habe ich selbst recherchiert und mir einige Artikel durchgelesen. Später im Laufe der Proben haben wir auch viel mit Quellen gearbeitet – Audioaufnahmen, Flugblätter oder Gerichtsurteile – und darüber immer weiter dazugelernt.

Helene: Ich bin zwar Leipzigerin, aber wir haben das Thema Meuten nie in der Schule behandelt, weshalb ich auch nichts davon wusste. Es ist nicht Teil des Lehrplans. Der Zugang war dann bei mir ähnlich wie bei Jonathan: Ich habe erst mal viel gelesen: Wer waren die Meuten und was haben sie gemacht?

Cana: Ich persönlich kannte die Meuten nicht, wir haben aber in der Schule in Duisburg die Edelweißpiraten ganz kurz in der Oberstufe durchgenommen. In Leipzig haben wir dann einiges über die Meuten über Bücher und Vorträge des Projektteams
erfahren. Natürlich haben mir auch die Aufführung und die Proben der Leipziger Gruppe sehr geholfen, mehr darüber zu lernen. Auch über das Thema „Widerstand heute“ haben wir uns viel ausgetauscht und versucht, die Brücke von der Vergangenheit ins Jetzt zu schlagen.

Wir stecken in einer Zeit des gesellschaftlichen Rechtsrucks, in der die Werte der Demokratie vielerorts immer weniger gesehen und geschätzt werden. Was bedeutet für euch heute Widerstand angesichts dieser aktuellen Entwicklung? Wie können junge Menschen Haltung zeigen und sich aktiv für die Demokratie einsetzen?

Cana: Das Wichtigste ist in meinen Augen die Beschäftigung mit Politik. Wir befinden uns nicht in einer Lage, wo Interesse überhaupt ein Kriterium sein kann. Die Politik betrifft uns alle, und es muss das Mindeste sein, sich damit zu beschäftigen, was in Deutschland los ist und wie Politiker:innen sich äußern. Neutralität darf es in der Demokratie nicht geben. Das gleicht einem Wegsehen oder Augenverschließen vor der Realität, der wir uns stellen müssen. Wenn Menschen mitbekommen, dass andere Personen Alltagsrassismus erleben, sollten sie Zivilcourage zeigen und sich einmischen.

Helene: Offen sein für Gespräche ist etwas, was wir alle sein sollten: Sagt eure Meinung, wenn Menschen rassistische, queerfeindliche, sexistische oder diskriminierende Kommentare äußern. Ich kenne es selbst, dass Leute sich Informationen aus fragwürdigen, rechtsextremen Instagramoder TikTok-Accounts holen – und ich suche aktiv das Gespräch mit ihnen. Auch die Teilnahme an Projekten wie diesem hier ist eine Möglichkeit, aktiv zu sein und seine Stimme zu erheben.

Jonathan: Auch Kleidung kann, wie bei den Meuten, ein Teil des Widerstands sein. Kleine Dinge wie Sticker fallen auch auf und zeigen, dass man für Vielfalt und Demokratie einsteht.

Cana

Neutralität darf es in der Demokratie nicht geben. Das gleicht einem Wegsehen oder Augenverschließen vor der Realität, der wir uns stellen müssen. Wenn Menschen mitbekommen, dass andere Personen Alltagsrassismus erleben, sollten sie Zivilcourage zeigen und sich einmischen.
Cana
Schauspielerin

Helene

Sagt eure Meinung, wenn Menschen rassistische, queerfeindliche, sexistische oder diskriminierende Kommentare äußern. Ich kenne es selbst, dass Leute sich Informationen aus fragwürdigen, rechtsextremen Instagramoder TikTok-Accounts holen – und ich suche aktiv das Gespräch mit ihnen. Auch die Teilnahme an Projekten wie diesem hier ist eine Möglichkeit, aktiv zu sein und seine Stimme zu erheben.
Helene
Schauspielerin

Was habt ihr aus dem Projekt mitgenommen?

Jonathan: Ich nehme auf jeden Fall mit, wie wichtig es ist, sich gerade jetzt politisch zu engagieren. Ich wusste das vorher auch schon, aber der Bezug zu Widerstand damals zeigt noch mal die Dringlichkeit und inspiriert einen dazu, Widerstand gegen demokratie- und menschenfeindliche Entwicklungen zu leisten.

Cana: Mir ist bewusst geworden, dass es nicht immer große Aktionen braucht, um etwas zu verändern. Ich war begeistert von der Diversität unserer Gruppen und von der offenen Zusammenarbeit. Es hat mich sehr berührt, dass ich die Chance hatte, in einem richtigen Opernhaus zu spielen. Ich werde das nie vergessen. Eigentlich können doch so viele unterschiedliche Menschen gut miteinander auskommen … nur eben die, die ein Problem damit haben, offenbar nicht.

Helene: Ich dachte zu Beginn einfach, dass wir mit unserem Text auf die Bühne gehen und klassisch Theater spielen. Jetzt, wo es fertig ist und wir in der Oper Duisburg gespielt haben, weiß ich: Ich will weitermachen. Das Projekt hat meinen Horizont erweitert. Darum geht es doch: sich nicht in seinen Gewohnheiten zu verlieren und das Neue nicht gleich als Schlechtes zu sehen.

Jonathan

Ich nehme auf jeden Fall mit, wie wichtig es ist, sich gerade jetzt politisch zu engagieren. Ich wusste das vorher auch schon, aber der Bezug zu Widerstand damals zeigt noch mal die Dringlichkeit und inspiriert einen dazu, Widerstand gegen demokratie- und menschenfeindliche Entwicklungen zu leisten.
Jonathan
Schauspieler

In das Projekt über das Digitale Archiv reinhören.
Auf Instagram umsehen: @sounds_of_resistance

Das Gespräch führten Dr. Sonja Begalke und Emilie Buchheister.