Die Macher:innen des Bildungsagenda-Projekts „Library of Lost Books“ blicken in diesem Gastkommentar auf die Herausforderungen und Chancen von Citizen Science und die (Un-)Möglichkeiten der Holocaust Education nach dem 7. Oktober 2023.
Die Library of Lost Books ist ein Projekt, das sich mit einer deutsch-jüdischen Institution auseinandersetzt, die von den Nationalsozialisten beraubt und zerstört wurde: der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (1872–1942). Das Projekt navigiert an der Schnittstelle zwischen Forschungs- und Bildungsarbeit, indem es nicht nur anhand einer Online-Ausstellung die Geschichte der Hochschule und ihrer Gemeinschaft erzählt, sondern auch aktiv dazu aufruft, im Hier und Jetzt etwas gegen ein nationalsozialistisches Verbrechen zu unternehmen. Einer der Slogans des Projekts lautet: „Go, Write History!“ Damit richtet die Library of Lost Books einen Hilferuf an sogenannte Citizen Scientists. Die Bürgerwissenschaftler:innen sind weltweit dazu aufgerufen, sich an einem Provenienzforschungsprojekt zu beteiligen, um den Verbleib von 60.000 geraubten Bänden der Hochschulbibliothek zu erforschen. Diese wurden 1942 von den Nazis gestohlen und nach 1945 in alle Welt verstreut.
Provenienzforscher:innen in Schulen: Eine gute Idee?
Die Initiative zum Projekt ging vom Leo Baeck Institut Jerusalem aus, wo die Provenienzforscherin Bettina Farack von einem Kollegen auf die Stempel der Hochschule hingewiesen wurde. Aus der Frage nach dem heutigen Verbleib der Hochschulbibliothek entstand mit der Unterstützung der Stiftung EVZ ein Bildungsprojekt, das in einer internationalen Kooperation der Leo Baeck Institute in Jerusalem und London sowie der Freunde des Leo Baeck Instituts e. V. realisiert wurde. Als Projektmacher:innen stellten wir uns nicht nur aktuellen Fragen der Provenienzforschung, sondern auch den Herausforderungen einer Zukunft, in der Erinnerung und Kommunikation zunehmend im digitalen Raum stattfinden werden.
Unsere zentralen Fragen lauteten: Wie jung kann ein international renommiertes Forschungsinstitut, das im Jahr 2025 sein 70-jähriges Bestehen feiert, in seiner Kommunikation sein, damit seine Mission – die Wahrung, Erforschung und Bildungsarbeit zu deutsch-jüdischer Geschichte – auch im 21. Jahrhundert weitergeführt werden kann? Wie kann man wissenschaftliche Arbeit zu deutsch-jüdischer Geschichte und Kultur für die nächste Generation attraktiv machen?
Für uns als Projektleitung, ergab sich aus der Geschichte der Hochschule und ihrer Bibliothek eine einzigartige Möglichkeit, anhand eines vielschichtigen Mikrokosmos Aufmerksamkeit für den Raub von Kulturgut zu schaffen und gleichzeitig zum aktiven Handeln gegen ein Naziverbrechen aufzurufen. Kernzielgruppe waren junge Menschen, denen wir einen Einblick in eine lebendige, vielschichtige deutsch-jüdische Gemeinschaft geben wollten. Zudem war es uns wichtig, einen neuen Weg in der Holocaust-Bildung zu gehen und die Verbrechen der damaligen Zeit expressis verbis anhand der Suche nach gestohlenen Büchern greifbar zu machen.
Um die Teilnahme an der Suche nach den verschollenen Büchern der Hochschule attraktiv zu machen, wurde nach detaillierter Forschungsarbeit beschlossen, eine moderne, bunte Online-Ausstellung über die Hochschule und ihre Studierenden und Angestellten zu entwickeln und das Projekt über TikTok zu bewerben. Letzteres sollte den Austausch von Erfahrungen einer globalen Community von „Buchdetektiv:innen“ im digitalen Raum fördern und so mehr Aufmerksamkeit bei der jüngeren Generation für einen wichtigen Teil deutsch-jüdischer Geschichte schaffen.
Gemeinsam mit dem Team der Designagentur navos create wurde die Geschichte der Hochschule so erzählt, dass sie Anknüpfungspunkte zu aktuellen Themen bietet – etwa durch ein empathisches Porträt der ersten Rabbinerin der Welt, Regina Jonas, die tief verwurzelte Vorurteile überwand. Die individualistische und kritische Ausrichtung der Forschung und Lehre an der Hochschule und die radikale Zerstörung eines Ortes, der sich durch Diskurs und Toleranz auszeichnete, wurden betont, um ein Verbrechen sichtbar zu machen, das bis heute nachwirkt. Dabei blieb stets im Blick, wer die Menschen an der Hochschule waren und was ihren Erfahrungsraum definierte.
Mithilfe zahlreicher Expert:innen aus Wissenschaft und Bildung sowie Studierenden und Schüler:innen entstand eine mittlerweile preisgekrönte Online-Ausstellung, die seit ihrem Launch im November 2023 mehr als 44.000 Besucher:innen verzeichnet hat.
Das Projekt wurde in vielen Städten weltweit mit lokalen Pop-up-Ausstellungen beworben. Diese fanden an Orten statt, an denen Bücher der Hochschule gefunden worden waren, und sorgten mit Vernissagen und Fachvorträgen für Aufmerksamkeit in den Medien und bei der Bevölkerung. Das hybride Format der Library of Lost Books beinhaltete auch sogenannte Search Days: interaktive Veranstaltungen, bei denen Schüler:innen oder Studierende gemeinsam mit Expert:innen in Archiven und Bibliotheken nach Provenienzmerkmalen suchten. Unter anderem fanden die beliebten Search Days an der Staatsbibliothek zu Berlin, dem Leo Baeck Institut Jerusalem, der University of California in Los Angeles und am Victoria & Albert Museum in London statt. Einige unserer Partnerinstitutionen haben die Search Days als Programmangebot für junge Menschen in ihren Einrichtungen verstetigt.
Alles wird anders: 7. Oktober 2023
Neben dem globalen Zuspruch zu unserem Vorhaben wurden wir leider auch mit unerwarteten Herausforderungen konfrontiert. Der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 löste eine derart massive Hasswelle gegen jüdische Menschen in den sozialen Medien aus, dass wir eine geplante Kampagne auf TikTok absagen mussten. Wir waren damit konfrontiert, Holocaust-Themen in einer Welt zu platzieren, in welcher der Krieg im wahren Leben und in den sozialen Medien eskalierte. Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums fand sich erneut inmitten eines Konflikts wieder.
Die Frage, der wir nicht ausweichen konnten, war: Wie gehen wir mit dieser Herausforderung um? Zum einen waren wir alle, insbesondere die Kolleg:innen in Israel, mit einer Fragilität unserer Lebenswelt konfrontiert, die es uns nicht einfach gemacht hat, weiterzuarbeiten. Doch der Zusammenhalt und die Entschlossenheit unseres internationalen Teams machten den Unterschied: Wir alle waren uns sicher, dass das Projekt gerade jetzt besonders wichtig war! Unsere Partner:innen in der Tschechischen Republik, in Deutschland, in den USA, Großbritannien und in Israel sind wirklich „the extra mile“ gegangen, um die Library of Lost Books trotz der weltpolitischen Krise zu unterstützen.
Aufgrund der stark ansteigenden antisemitischen Gewalt im digitalen Raum gegen Jüdinnen und Juden entschieden wir uns dagegen, der Library of Lost Books „ein Gesicht“ auf TikTok zu geben. Es war für uns keine Option, junge Menschen einer Welle verbaler Gewalt im digitalen Raum auszusetzen. Die Idee, die Library of Lost Books auf BookTok mit Book Bucket Challenges und der Sichtbarkeit von Freiwilligen zu präsentieren, erschien uns in diesem Moment vermessen. Sicherlich haben wir auch darüber gesprochen, ob wir erst recht und gerade wegen des wachsenden Antisemitismus auf TikTok präsent bleiben sollten. Aber das Bewusstsein und die Sorge um die potenzielle psychische Belastung unserer Freiwilligen wogen schwerer im Entscheidungsprozess. Dennoch war es uns wichtig, einen digitalen Raum zu finden, in dem wir unsere historische Arbeit und die Online-Ausstellung kommunizieren konnten. Gemeinsam mit Social-Media-Expert:innen von Dawn Media wurde die Projektstrategie dahin gehend modifiziert, dass wir uns mehr auf thematische Elemente der Hochschulgeschichte konzentrieren wollten, statt Book Bucket Challenges und eine TikTok-Community von Book Detectives zu gründen. Der Instagram-Kanal @haveyouseenthisbook konzentrierte sich darauf, unsere Themen auf eine visuell ansprechende Weise zu präsentieren.
Auch die Launch-Events an den Ausstellungsstandorten waren von der Welle der Gewalt infolge des 7. Oktober 2023 betroffen: Wir hatten jedoch Glück, dass wir nur eine Veranstaltung auf einem Campus in den USA aus Sicherheitsgründen absagen mussten. Dennoch: Niemals hätten wir erwartet, Sicherheitsbriefings mit der Polizei abhalten zu müssen, bevor wir im öffentlichen Raum über ein Naziverbrechen sprechen. Eine deutliche Veränderung unserer Arbeitswelt, die uns alle nicht gleichgültig gelassen hat.
Mission (Im)Possible?
Die Frage, ob unser Anliegen im Angesicht des Krieges zwischen der Hamas und Israel eine Mission Impossible wurde, können wir mit einem klaren Nein beantworten. Obwohl wir einige Umwege in Kauf nehmen mussten, war es für alle ein bewegendes Erlebnis, erste Hochschule-Buchfunde aus den Search Days auf unserer interaktiven Karte verzeichnen zu können. Die Mühe und Belastungen der letzten Jahre haben sich allein schon in jenem Augenblick gelohnt, als wir in der National Art Library im Victoria & Albert Museum standen und dort über 50 Schüler:innen dabei zusahen, wie sie eifrig in zugegebenermaßen eher langweiligen Auktionskatalogen nach Hinweisen auf Nazi-Raubgut suchten und dann auch noch fragten, ob wir nicht noch etwas mehr Arbeit für sie hätten.
Auch die Reichweite der Library of Lost Books zeigt, dass es sich gelohnt hat, am Ball zu bleiben.
Es ist uns trotz widriger Umstände gelungen, die Werte und Hintergründe des Entstehens der Leo Baeck Institute mittels unserer Library of Lost Books sichtbar zu machen und die Langzeitauswirkungen der nationalsozialistischen Gewalt auf das Leben und die Geschichte und Kultur des deutschen Judentums mittels innovativer Techniken für eine neue Generation zu erzählen.
Vor allem aber haben wir gelernt, dass man weitermachen muss. Weil jede Person, die wir erreicht haben, die Mühe wert war.
Von Kinga Bloch (LBI London, 2019–2024), Irene Aue-Ben David und Bettina Farack (LBI Jerusalem).


