Ein Bildungsagenda-Projekt der Universität Marburg forscht zu Kontinuitäten und Verflechtungen von Anti-Schwarzen-Rassismus: Dazu arbeitet es exemplarisch mit Biografien von Schwarzen Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Mit den Projektmitarbeiterinnen Jasmin Blunt und Clara Wahl sprechen wir über kolonialrassistische Kontinuitätslinien und Leerstellen in der deutschen Erinnerungskultur. Sie berichten, wie ihr Projekt Anti-Schwarzen-Rassismus entgegentritt und in Zusammenarbeit mit BIPoC-Influencer:innen (Black, Indigenous and People of Color, BIPoC) empowernd wirkt.
Die Wurzeln des Anti-Schwarzen-Rassismus liegen in der Kolonialzeit. Wie nehmen Sie die (fehlende) Erinnerungskultur betreffend deutsche Kolonialverbrechen wahr?
Wahl: Es gibt immer noch eine Art kollektiver Amnesie: Die Verbrechen der deutschen Kolonialherrschaft werden oft verdrängt und kaum diskutiert. Eine aktuelle Studie zum Thema „Vermittlung von Kolonialismus in Schulen“ zeigt etwa, dass Lernende wenig Bewusstsein für die deutsche Kolonialzeit haben.
Blunt: Ich habe 13 Jahre lang als Gymnasiallehrkraft gearbeitet und dabei eine starke Verkürzung, Verharmlosung und Verzerrung der Kolonialzeit wahrgenommen. Auch die Studie „IMage of AFRica in EDUcation“ hat festgestellt, dass das vorherrschende Afrikabild in Schulbüchern und die teilweise noch sehr rassistische Sprache auch direkt zu rassistischen Vorfällen im Klassenzimmer führen.
Wahl: Wir müssen diese Leerstellen der Erinnerung füllen, um Anti-Schwarzen-Rassismus entgegenwirken zu können. Rassismus ist nach wie vor tief in den Denkweisen unserer Gesellschaft verankert und sehr viele Menschen sind von ihm betroffen.
Wie trägt Ihr Projekt dazu bei, die Geschichte von Schwarzen Menschen vor, während und nach dem Nationalsozialismus sichtbarer zu machen?
Blunt: Zwei der wichtigsten Handlungsempfehlungen der „UN-Dekade für Menschen afrikanischer Herkunft“ an die Bundesregierung lauten, Anti-Schwarzen-Rassismus als spezifische Form des Rassismus anzuerkennen und die deutschen Kolonialverbrechen aufzuarbeiten und erinnerungskulturell zu verankern. Es ist uns wichtig, dabei mitzuhelfen und diese kolonialrassistischen Kontinuitätslinien durch unser Projekt in den Bildungskontexten implementieren zu können. Unser oberstes Ziel ist es, in der Erinnerungskultur einen Platz für vielfältige Lebensrealitäten zu schaffen.
Wahl: Wir wirken Anti-Schwarzen-Rassismus entgegen, indem wir in unseren Bildungsmaterialien Schwarze Biografien vorstellen, die nicht nur von Unterdrückung erzählen, sondern auch von aktivem Widerstand und somit empowernd wirken.
Sind Sie bei der Recherche zu Biografien Schwarzer Menschen, die in der NS-Zeit verfolgt wurden, auch auf Schwierigkeiten gestoßen?
Wahl: Einerseits hatten wir zum Beispiel Kontakt zu verschiedenen Institutionen, die eher die Täter:innenperspektive eingenommen haben und nicht wirklich kooperativ waren. Zudem gab es in den Quellen sehr viel rassistische Sprache. Rassistische Begriffe in Suchfunktionen einzugeben war für uns, die rassismuskritisch arbeiten wollen, schwierig. Hinzu kam, dass es keine nationalsozialistische Kategorisierung der Opfergruppe Schwarzer Menschen gab. Aber viele Institutionen haben uns unterstützt und denken jetzt sogar darüber nach, wie man die Datenbanken sprachsensibler gestalten kann.
Sie wollen mit Ihrem Projekt auf partizipatorische Weise erinnern. Wie gehen Sie dabei vor?
Blunt: Unsere partizipative Erinnerungsintervention findet in der Schule und durch das digitale Erzählen auf Social Media statt. Wir arbeiten mit BIPoC-Influencer:innen zusammen, die Schwarze Biografien vorstellen. Indem wir die Innenperspektive dieser Influencer:innen aufgreifen, machen wir deutlich, dass die Wurzeln des Anti-Schwarzen-Rassismus kolonialrassistisch sind, aber die sich ständig transformierenden Diskriminierungsformen gegenwärtig immer noch auftauchen.
Wahl: Wir planen drei Workshops für Lehrer:innen und Multiplikator:innen, um unsere Rechercheergebnisse, aber auch die entwickelten Unterrichtsmaterialien zu erklären und niedrigschwellig zu vermitteln. Interessierte können uns gerne auf Social Media folgen und an Workshops oder an der Abschlusstagung am 25. und 26. November 2025 in Berlin teilnehmen. Wir wollen gerne mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch kommen.
Wie soll das Projekt im Unterricht wirken?
Blunt: Das Ziel ist, dass alle Lehrkräfte die eigene rassismuskritische Perspektive reflektieren und in den Unterricht integrieren. Sie sollen darauf achten, ob ihre Materialien noch überarbeitet werden müssen, und sich die Frage stellen, was für eine rassismuskritische und sensible Sprache im Unterricht angewendet werden soll. Die Materialien, mit denen wir arbeiten, sind so gestaltet, dass sie im Unterricht keine Retraumatisierung auslösen können. Das bedeutet nicht, dass wir Dinge auslassen. Aber wir achten sehr auf die Formulierung und behandeln immer mit, welche rassistischen oder diskriminierenden Strukturen zugrunde liegen. Die Videos, die wir gemeinsam gestalten, können sich Lehrkräfte anschauen, um zu verstehen, wie es den von Rassismus betroffenen Menschen geht, und zu reflektieren, was dies für sie – vielleicht als weiße Person – bedeutet. Aber natürlich ist diese Reflexion für alle Menschen wichtig. Ich persönlich mache als Schwarze Lehrkraft auch nicht immer alles richtig.
Was zeichnet die BIPoC-Influencer:innen aus, mit denen Sie zusammenarbeiten?
Wahl: Mit ihnen verbindet uns das Ziel, Demokratie über Bildung zu fördern und Schwarze deutsche Geschichte erzählen zu wollen. Wir haben die in diesem Bereich tätigen BIPoC-Influencer:innen angeschrieben – leider waren es gar nicht so viele, die infrage kamen.
Blunt: Leider haben BIPoC-Influencer:innen in einer weißen Dominanzgesellschaft noch lange nicht so viel Erfolg wie weiß gelesene Content-Creator:innen. Unsere BIPoC-Influencer:innen verkörpern auch die Lebensrealitäten einer postmigrantischen Gesellschaft und motivieren dadurch hoffentlich viele junge Menschen, ihre eigenen Geschichten noch einmal zu teilen und sich selbst als Teil der deutschen Gesellschaft und der Erinnerungskultur zu begreifen.
Website und Instagram-Kanal des Projekts entdecken.
Das Gespräch führte Sarah Keller, Stiftung EVZ
