Gedenkanstoß MEMO-Studie

Die Ende April 2025 veröffentlichte Gedenkanstoß MEMO-Studie zeigt: 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geraten gesellschaftliche Aufarbeitung, Wissen über Verstrickungen und das Engagement für Erinnerungskultur zunehmend unter Druck. Für die Studie untersuchten die Stiftung EVZ und das Institut für interdisziplinäre Konflikt und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld in einer repräsentativen Online-Befragung das kritische Geschichtsbewusstsein in Deutschland. Ausgewertet wurden die Antworten von 3.000 Personen mit dauerhaftem Wohnsitz in Deutschland – mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft.

Wir haben Experten um Einschätzungen und Schlussfolgerungen zu den Studienergebnissen gebeten.

Prof. Dr. Manfred Grieger, Historiker

„It’s the economy, stupid!“ Die NS-Diktatur bedurfte der Wirtschaft – und belohnte sie.

Das Wissen über das Verhalten von Unternehmen im NS fällt ähnlich ambivalent aus wie die Ergebnisse der Gedenkanstoß MEMO-Studie insgesamt. Angeblich haben sich mehr als 40 Prozent der Befragten intensiv mit der NS-Geschichte beschäftigt, doch nur ein Fünftel gibt an, über großes bis sehr großes Wissen über die „Verstrickungen“ zwischen NS-System und Wirtschaft zu verfügen. Da aber nur ein Zehntel die Größenordnung der Zwangsarbeit in der deutschen Kriegswirtschaft mit mehr als zehn Millionen Menschen korrekt angeben kann, zeigt sich in der Eigenbewertung ein gerütteltes Maß an Selbstüberschätzung.

Ein Bündel von Ursachen führt zu diesen Ergebnissen. Neben der insgesamt geringen Bedeutung, die ganz allgemein der Wirtschaft im öffentlichen Diskurs eingeräumt wird, provoziert die moralische Aufladung des Begriffs „Verstrickung“ eine Antwort, die den unterstellten Erwartungen entspricht.

Insoweit wäre es wohl eher zielführend, wenn die Beziehungen zwischen Wirtschaft und NS-Staat in den Blick genommen würden. Denn wenn gefragt wird, welche Unternehmen von den „Verbrechen der NS-Zeit profitiert“ hätten, ist wenig verwunderlich, dass fast die Hälfte der Befragten ThyssenKrupp angibt, obwohl dieses Unternehmen erst 1999 gegründet wurde. Nur ein Zwanzigstel nennt beispielsweise BMW.

Die Nennungen spiegeln somit nicht die Stellung des Unternehmens im NS-Zwangsarbeitssystem, sondern vor allem die öffentliche Tradierung von Unternehmens- und Unternehmerbildern wider. Krupp, schon als Kanonenkönig ein Synonym der deutschen Rüstungswirtschaft des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, diente in Person von Alfried Krupp als stellvertretendes Beispiel eines vom Nürnberger Militärgerichtshof verurteilten Rüstungsprofiteurs. Im Schatten dieses zum Übeltäter stilisierten Mannes entzogen sich andere Beteiligte den Blicken der Justiz und des Publikums. Denn nicht nur diejenigen Unternehmen, die KZ-Häftlinge und Jüdinnen und Juden zur Zwangsarbeit herangezogen hatten oder die wie die IG Farben beispielsweise in Auschwitz-Monowitz unternehmerisch tätig gewesen waren, hatten vom NS-System und staatlichen Rassismus profitiert. Die Gestaltung der Studie, die die Namen der Großen in Großbuchstaben zum Gestaltungselement macht, stützt unbedachterweise selbst die Ausblendungstradition.

Auch Familienunternehmen wie Bahlsen integrierten während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeit in den Betriebsablauf. Bahlsen beutete vor allem polnische und ukrainische Zwangsarbeiterinnen in seinen Fabriken in Hannover und Gera aus. Darüber hinaus betrieb Bahlsen 1942/43 im heutigen Kyjiw eine große Keksfabrik mit zwangsarbeitenden Ukrainer:innen und Russ:innen. Dass Bahlsen als einziger Mittelständler im Kreis der ansonsten genannten Großkonzerne auftaucht, dürfte analog zu Krupp ebenfalls vor allem als Reflex des medialen Blamings nach unzutreffenden Äußerungen der Unternehmenserbin anzusehen sein.

Zitat

Die Annäherung ans eigene Umfeld verursacht erkenntnissteigernde Störgefühle und untergräbt die kontingente Selbstgewissheit, entweder unbeteiligt gewesen zu sein oder an der Seite der Opfer gestanden zu haben. Denn Nationalsozialismus war nicht die Diktatur der anderen.

Christian Marx, Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie- Morde, Brandenburg an der Havel

Die Gedenkanstoß MEMO-Studie offenbart: Ein fundiertes Wissen über die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen ist in der deutschen Bevölkerung kaum vorhanden.

Aspekte wie der Zeitpunkt der „Aktion T4“ und anderer NS-„Euthanasie“-Maßnahmen, die Erfassung der Opfer, die Herkunft der Täter:innen, die Tatorte, das Ausmaß der Morde, Tötungstechniken und der Umfang der Proteste sind meist gänzlich unbekannt. 

Bei den vielen Studientagen und Führungen, die in den Gedenkstätten für die Opfer der „Euthanasie“-Morde mit etwa Schulklassen, Auszubildenden aus Sozial- und Pflegeberufen und Studierenden der Medizin oder der Sozialen Arbeit durchgeführt werden, wird deutlich, dass großes Interesse besteht, sich mit NS-„Euthanasie“ zu beschäftigen.

Insbesondere junge Menschen sind sehr häufig von der weitreichenden historischen Bedeutung dieser Verbrechen überrascht. Die Teilnehmenden der pädagogischen Angebote sind auch erstaunt darüber, dass die weltanschaulichen Grundlagen für die Morde an rund 300.000 Menschen mit Beeinträchtigungen, psychischen Erkrankungen oder sozialer „Unerwünschtheit“ aus dem 19. Jahrhundert stammen, als eugenische und rassenhygienische Vorstellungen entstanden. Fragen nach den Lebenswegen von Opfern, nach den Motivationen von Tatbeteiligten sowie nach Handlungsspielräumen der damals Beteiligten wecken großes Interesse.

Darüber hinaus stellt das Lernen über die „Euthanasie“-Morde Schlüsselwissen über weitere Bereiche der nationalsozialistischen Verbrechen bereit. Die Gaskammern der sechs reichsweiten Tötungsorte der Aktion T4, bei der in den Jahren 1940 und 1941 mehr als 70.000 Menschen ermordet wurden, stellten eine organisatorische, technische und personalpolitische Vorbedingung für die anschließende Ermordung von Jüdinnen und Juden in den Vernichtungslagern im besetzten Polen dar.

Sogenannte arische Patient:innen wurden nach inhumanen Kriterien wie Bildungsfähigkeit, Häufigkeit der Besuche durch Angehörige oder Dauer des Anstaltsaufenthalts für die „Euthanasie“-Morde selektiert. Jüdische Patient:innen hingegen wurden ab Sommer 1940 allein aufgrund der Tatsache, dass sie jüdisch waren, in die Gaskammern der Aktion T4 geschickt. Der systematische Massenmord an Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich begann mit der NS-„Euthanasie“ und nicht erst mit der „Endlösung der Judenfrage“ ab 1941. 

Mitarbeitende der sechs „Euthanasie“-Tötungsorte Bernburg, Brandenburg, Grafeneck, Hadamar, Hartheim und Sonnenstein Pirna waren maßgeblich für den Aufbau und die Leitung der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka – auch bekannt unter der Bezeichnung „Aktion Reinhardt“ – verantwortlich. Hier ermordeten sie in den Jahren 1942 und 1943 circa 1,5 Millionen meist jüdische Menschen. Was diese Täter zuvor an den Tötungsorten der NS-„Euthanasie“ „gelernt“ hatten, wendeten sie im Holocaust an.
Die hohe Relevanz einer aktiven Erinnerung an die NS-„Euthanasie“-Verbrechen in der heutigen demokratischen Gesellschaft ist für viele nicht deutlich. Behindertenpolitische Debatten stellen sich heute auch vor dem Hintergrund der damaligen Verbrechen. Es sind nicht zuletzt die Gedenkstätten für die Opfer der „Euthanasie“-Morde, die sie durch innovative Projekte zu Orten von Teilhabe, Barrierearmut und inklusiver Vermittlung entwickeln.

Zitat

Die Gedenkanstoß MEMO-Studie verdeutlicht die große Bedeutung der NS „Euthanasie“-Gedenkstätten als außerschulische Lernorte in der Region. Hier wird deutlich, dass schwere NS-Verbrechen nicht nur im besetzten Ausland, sondern auch im heutigen Wohnumfeld begangen wurden. Die Gedenkstätten ermöglichen es der Gesellschaft, den Bildungsinstitutionen und insbesondere jungen Menschen, die in der Studie festgestellten Wissenslücken zu schließen.

Joseph Wilson, Stiftung EVZ

Antisemitismus bekämpfen – aber wie? Ein Plädoyer für Bildung, Strukturen und nachhaltige Maßnahmen

Die aktuelle Gedenkanstoß MEMO-Studie zeigt ein ambivalentes Bild: Einerseits offenbart sie zum wiederholten Mal große Wissenslücken junger Menschen über den Nationalsozialismus. Andererseits spricht sie von einem bemerkenswert hohen Interesse an historischen Themen sowie einem starken Wunsch nach gesellschaftlichem Engagement. Das macht Hoffnung – steht es doch im Widerspruch zur verbreiteten Annahme, junge Menschen hätten kein Interesse mehr an der Vergangenheit. Gleichzeitig geben andere Zahlen Anlass zur Sorge. Die Werte der Zustimmung zu antisemitischen Aussagen sind erschreckend hoch – und das nicht zum ersten Mal. Schon die Bielefelder Mitte-Studie 2023, die Leipziger Autoritarismus Studie 2024 und regionale Erhebungen zeigten ähnliche Tendenzen. Doch besorgniserregend ist nicht nur das mittlerweile bekannte Ausmaß dieser Einstellungen, sondern ebenso die Tatsache, dass es uns als Gesellschaft bislang nicht gelingt, dem effektiv entgegenzuwirken.

Dabei fehlt es keineswegs an politischem Willen. Ob im Koalitionsvertrag oder in der Bundestagsresolution: Die Bekämpfung von Antisemitismus wird als wichtiges Ziel benannt. Doch politische Bekenntnisse allein reichen nicht. Antisemitismuskritik bleibt Handarbeit – mit Zeit, Expertise und nachhaltigen Ressourcen.

Was es braucht, ist zweierlei: Bildung und Strukturaufbau. Bildung, weil antisemitische Ressentiments nicht nur ein Wissensdefizit, sondern auch ein Haltungsproblem sind. Wer langfristig etwas verändern will, muss folglich Räume für kritisches Denken, Selbstreflexion und Ambiguitätstoleranz schaffen. Doch Bildung braucht Zeit – während antisemitische Gewalt im Hier und Jetzt präsent ist. Zahlen von RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus) und OFEK (Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung) zeigen, dass antisemitische Übergriffe reale, oft traumatisierende Konsequenzen für Betroffene haben – sei es in Form von körperlichen Angriffen, psychischer Belastung oder Einschränkungen gesellschaftlicher Teilhabe.

Deshalb müssen wir parallel Strukturen aufbauen, die breite Teile der Gesellschaft erreichen. Bildungsarbeit darf sich eben nicht nur auf Schulen beschränken. Sie muss auch in der Erwachsenenbildung stattfinden – etwa am Arbeitsplatz.

Zitat

Hier setzt das EVZ-stiftungseigene Projekt „Informiert, couragiert, engagiert!“ an: In Zusammenarbeit mit Unternehmen werden nicht nur historische und aktuelle Erscheinungsformen von Antisemitismus vermittelt, sondern auch konkrete Handlungsoptionen trainiert. Ziel ist, antisemitischen Stereotypen, judenfeindlichem Denken und Sprechen im beruflichen Alltag aktiv zu begegnen

Ein weiterer Ansatzpunkt ist die strukturelle Verankerung antisemitismuskritischer Perspektiven in Organisationen. Das Förderprogramm „Strukturen schaffen gegen Antisemitismus“ unterstützt derzeit 26 Organisationen dabei, tragfähige und nachhaltige Konzepte für den Umgang mit Antisemitismus zu entwickeln. Dazu gehören unter anderem Codes of Conduct, Handlungsleitfäden, Weiterbildungskonzepte sowie Verweisberatungen. Pilotprojekte in Hochschulen, Bibliotheken, Sport- und Kulturverbänden liefern dabei Best-Practice-Modelle, die auf andere Institutionen übertragbar sind.

Es ist ausdrücklich anzuerkennen, dass Bund und Länder – nicht zuletzt als Reaktion auf die Zäsur des 7. Oktober 2023 – zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt haben, um antisemitismuskritische Präventionsarbeit, Forschung und Bildung zu fördern. Diese Investitionen sind ein wichtiger Schritt, doch sie sollten auch in eine langfristige und strategisch angelegte Finanzierung überführt werden. Andernfalls droht der Verlust wertvoller Expertise, erprobter Materialien und aufgebauter Strukturen – mit der Folge, dass Maßnahmen immer wieder neu konzipiert und implementiert werden, statt auf bewährtem Wissen aufzubauen.

Erforderlich sind eine systematische Verstetigung erfolgreicher Projekte sowie die gezielte Nutzung vorhandener Ressourcen. Um Qualität und Wirksamkeit antisemitismuskritischer Bildungs- und Interventionsmaßnahmen sicherzustellen, bedarf es zudem einer konsequenten Investition in Evaluation, Wirkungsmessung und Qualitätsentwicklung. Nur durch klare Zielsetzungen und realistische Wirkungserwartungen etabliert sich ein Qualitätsstandard und lässt sich nachvollziehen, inwieweit einzelne Maßnahmen zur Bekämpfung von Antisemitismus tatsächlich beitragen. Eine solche evidenzbasierte Steuerung ist unerlässlich, um die klaffende Lücke zwischen politischen Bekenntnissen wie „Nie wieder ist jetzt“ und den alarmierenden Befunden der MEMO-Studie zu schließen.

Zahlen MEMO-Studie

  • 38,1%

    der Befragten stimmten der Forderung nach einem „Schlussstrich“ unter die NS-Zeit zu. Damit sind erstmals seit Beginn der Befragung mehr Menschen für einen Schlussstrich als dagegen.

  • Über 50%

    der Befragten konnten keinen Ort an ihrem Wohnort nennen, den sie mit der Zeit des Nationalsozialismus in Verbindung bringen.

  • 25,9%

    der Befragten sind der Auffassung, Jüdinnen und Juden nutzten die Erinnerung an den Holocaust zu ihrem persönlichen Vorteil aus.

Die gesamte Gedenkanstoß MEMO-Studie lesen

Im Sommer und Herbst 2025 unternimmt die Stiftung EVZ mit dem Projekt „Gedenkanstoß“ eine Tour durch sechs Städte (Dortmund, Bremen, Chemnitz, Pasewalk, Karlsruhe und Nürnberg), begleitet von einer Social-Media-Kampagne und einem umfangreichen E-Learning-Format für Engagierte.