Dorothea Katharina Jackson Leyseck

Lasso- und Messerwurf sowie Reitkunst zählten zu den Spezialitäten des am Anfang des 20. Jahrhunderts erfolgreichen afrodeutschen Zirkus Leyseck & Jackson. Die Inhaber:innen verheimlichten jedoch ihre wahre Identität und inszenierten sich als weiße Siedler:innen Südafrikas sowie Schwarze Südafrikaner:innen. Warum? Sie sahen sich genötigt, die kolonialrassistisch geprägten Erwartungen des Publikums zu bedienen. Zur Familie gehörte die 1885 als Tochter eines Schwarzen US-Amerikaners und einer weißen Deutschen geborene Dorothea Katharina Jackson. Die Artistin heiratete in die deutsche Zirkusfamilie Leyseck ein. Ab den 1920er-Jahren verschlechterte sich die Situation des Zirkusunternehmens aufgrund des weiter zunehmenden Rassismus. Ab 1935 waren für Künstler:innen of Color meist nur noch prekäre Engagements mit einer Sondergenehmigung möglich. 1937 sah sich die mittlerweile verwitwete Dorothea schließlich gezwungen, sich in einem Brief an das NS-Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda als deutschlandtreue Südwest-Afrikanerin auszugeben. Eine Erlaubnis zu Bühnenauftritten erhielt sie jedoch trotzdem nicht. In den 1950er-Jahren war Dorothea wieder als Unterhaltungskünstlerin tätig, bediente sich allerdings weiterhin – vermutlich aus wirtschaftlicher Notwendigkeit – der falschen Identität.

Fatima Sidibe

[Die] echten Stimmen [von Schwarzen Künstler:innen] wurden unterdrückt. Aber wir holen sie zurück!
Fatima Sidibe

Fatima Sidibe stellt auf ihrem Instagram- Account @africandiva__ in Zusammenarbeit mit einem Projekt der Universität Marburg die Biografie von Dorothea Katharina Jackson Leyseck vor: „Nur durch das Annehmen einer Identität, die dem Publikum eine Art von Authentizität des Fremden vorspiegelte, gelang es der Familie, ihren Lebensunterhalt dauerhaft zu sichern. […] Ein ähnliches Muster sehen wir [heute] bei afrodeutschen Schauspieler:innen. Diese werden überwiegend für Rollen gecastet, in denen sie Gangster, Drogendealer […] darstellen. […] Rassistische Bilder aus der NS-Zeit wirken bis heute nach.“

Im Projekt „History in Black. Eine Erinnerungsintervention“ wird exemplarisch an und mit Biografien Schwarzer Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden, gearbeitet.

Zum Weiterschauen: www.instagram.com/africandiva__

Georg Brönner

Erst sechs Jahre alt war Georg Brönner, als er 1935 wegen angeblich „unzüchtiger“ Handlungen sowie „Verwahrlosung“ unter Fürsorgeerziehung gestellt wurde und ins Vinzentinum in Würzburg eingewiesen wurde. Nachdem Georg eine Zeit lang wieder bei seinem Vater und seiner Stiefmutter gelebt hatte, kam er 1942 zurück in das Jugendheim. Er berichtete selbst:

Georg Brönner

Da lernte ich Schuhmacher bei Meister Guerberitze. Von Würzburg aus kam ich dann hierher [ins Erziehungsheim Herzogsägmühle].
Georg Brönner

Georgs leibliche Mutter war Jüdin und wurde 1942 in der „Euthanasie“- Tötungsanstalt Bernburg ermordet. Als „Halbjude“ in Fürsorgeerziehung war er mehrfacher Stigmatisierung und Repressionen ausgesetzt. 1943 erging ein Erlass, wonach alle minderjährigen jüdischen „Mischlinge 1. Grades“ in Fürsorgeerziehung im „Erziehungsheim Hadamar“ zusammengeführt werden sollten. Von insgesamt 45 dieser Kinder konnten nur fünf einer Ermordung in Hadamar entkommen. Die Nationalsozialisten töteten den 15-jährigen Georg Brönner dort am 31. Januar 1945 – vermutlich mit Medikamenten. Erst in den 1980er-Jahren begannen die Aufarbeitung der Geschichte der Tötungsanstalt in Hadamar und das Gedenken an die Ermordeten. Seit 2016 erinnert ein Stolperstein in Würzburg an das Schicksal von Georg Brönner.

Das Projekt „Verachtet – verfolgt – vergessen: Die Opfer der NS-Gesundheitspolitik – Lernen für heute und morgen!“ entwickelt mit Vertreter:innen des Sozial- und Gesundheitswesens sowie mit Angehörigengruppen Lern- und Bildungskonzepte sowie Awareness-Konzepte aus Opfer- und Täter:innenbiografien.
 
Zum Weiterlesen: www.lernort-herzogsaegmuehle.de

 

 

Robert Prince

„Wie war es, in der deutschen Armee verwundet zu werden und dabei die deutsche Sprache nicht zu sprechen?“ Diese Frage steht neben Zeichnungen auf dem Storyboard eines Schülers über den NS-Überlebenden Robert Prince. Schüler:innen aus dem elsässischen Illkirch-Graffenstaden beschäftigten sich in einem Projekt mit den Schicksalen der „Malgré-Nous“ – Menschen, die im besetzten Elsass-Lothringen während des Zweiten Weltkriegs gegen ihren Willen von der deutschen Wehrmacht zwangsrekrutiert wurden.

Einer der Zwangsrekrutierten war der 1925 in Saulxures geborene Robert Prince. Die reichsdeutsche Zivilverwaltung schickte ihn zunächst zum Reichsarbeitsdienst nach Kassel und zwang ihn 1943 zum Wehrmachteinsatz an die Grenze zwischen Deutschland und Polen. Dort musste Robert Brücken sprengen, Minen legen und räumen. Da er kein Deutsch sprach, war er zum Schweigen gezwungen. 1944 wurde er schwer am Knie verletzt und lernte während seiner Genesung einen französischsprachigen Arzt kennen, der ihm half, einen Urlaubsschein zu bekommen. Er reiste zurück ins Elsass und ging dort in den Untergrund. „Was machst du hier, Robert? Wir werden Ärger bekommen“, hörte er von seiner Großmutter in Saint- Blaise. Versteckt in einer Scheune bei seinen Eltern in Saulxures überlebte er den Zweiten Weltkrieg. Robert Prince und die anderen noch lebenden „Malgré-Nous“ werden aufgrund von Unwissenheit teilweise heute noch als Kollaborateure beschimpft.

Das Projekt „Brücke für die Zukunft – Pont pour l’avenir“ ermutigt junge Menschen in Baden und im Elsass, sich mit unterschiedlichen Sichtweisen auf die Vergangenheit und Gegenwart der Oberrheinregion und ihrer Bewohner:innen auseinanderzusetzen – mit Forschung, innovativer Biografiearbeit oder nonverbal durch Tanz.

Zum Weiterlesen: www.brueckefuerdiezukunft.de

Autorin: Sarah Keller, Stiftung EVZ