Der Klang des Überlebens: Vom musikalischen Erbe zum Anime

Zwischen 1933 und 1945 wurden mindestens 500.000 Rom:nja und Sinti:ze im NS-besetzten Europa ermordet. Viele sprechen von einer weitaus höheren Dunkelziffer. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hörte die Verfolgung jedoch nicht auf. Zwei Projekte der Bildungsagenda NS-Unrecht erinnern an das Leid, aber auch die Stärke von Rom:nja und Sinti:ze bis in die heutige Zeit.

„Die Lampe leuchtet, die Lampe brennt mitten im Lager, dort liegen auch jetzt alle unsere Roma“, singt eine alte Dame ehrerbietig, ihre Stimme ist durchdringend schön. 

Es ist die Vokalsolistin Vera Moldvaj, die zu Beginn des Dokumentarfilms „Poems of Pain and Remembrance“ Phabol Lampa singt – ein Lied, das auf sehr anschauliche Weise das Leid in den nationalsozialistischen Lagern beschreibt. 

Im weiteren Verlauf des Films werden wir erfahren, wie ihrem Vater als Kind auf dem Weg zur Massenerschießung im besetzten Serbien die Flucht gelang – als Einzigem. Widerstand im Alter von zwölf Jahren. 

Auch wenn die Ursprünge von Phabol Lampa nicht endgültig geklärt sind und es verschiedene Fassungen gibt, geht man davon aus, dass es an das Schicksal der Rom:nja im Konzentrationslager „Crveni krst“ („Rotes Kreuz“) in Niš erinnert. Dort soll es der Musiker Jakup Ašimović als 27-Jähriger komponiert und geschrieben haben. 1942 wurde er zusammen mit seinem Vater Čazim erschossen. Zuvor hatte er den Text auf einer Zigarettenschachtel aus dem Lager geschmuggelt. 

Isidora Randjelović

Die Musik wurde weit über die Mauern der Lager getragen, wie man es nur mit Musik machen kann. Und dabei gibt es nicht nur eine:n Autor:in, sondern viele.
Isidora Randjelović
Leiterin und Mitinitiatorin feministisches Rom:nja-Archiv RomaniPhen

Neue Bearbeitung für Sinfonieorchester, Chöre und Opernsänger:innen

Nachdem das Lied und mit ihm die Erinnerung jahrzehntelang mündlich weitergegeben wurden, wird es nun erstmals als Partitur für ein Sinfonieorchester niedergeschrieben. Das Projekt „Erinnerungen an Samudaripen im musikalischen Erbe der Rom:nja“ ist eine deutschserbische Zusammenarbeit des Vereins RomaniPhen mit dem Roma-Schriftstellerverband aus Serbien unter der Projektleitung von Vera Kurtić. Teil des Projekts ist auch der Film „Poems of Pain and Remembrance“, für ihn bearbeitete der Musiker und Komponist Dejan Jovanović die Lieder Phabol Lampa, E laute bashalen thaj roven sowie Lila si ma neu. In Zusammenarbeit mit dem Komponisten Konstantin Blagojević erarbeitete er neue Arrangements, um die Lieder für die Aufführung durch Sinfonieorchester, Chöre und Opernsänger:innen anzupassen. Als aktuelle Ergänzung brachten im Rahmen des Projekts ein Jugendchor und eine Band neue, eigene Lieder zur Aufführung.

Warum die Archivierung des musikalischen Erbes und insbesondere die Aufführung der Lager- und Kriegslieder so wichtig sind, drückt Isidora Randjelović so aus: 

Isidora Randjelović

Durch die Lieder wird Geschichte zu einem lebendigen Austausch zwischen Menschen. Sie geht über die abstrakten Zahlen und Fakten der Geschichtswissenschaft hinaus und macht das Vergangene auch emotional erfahrbar. Zwischen den Interpret:innen der Lieder und den Zuhörenden passiert etwas. Das, was du fühlst, ist das, was du weitergibst. Es ist zugleich eine individuelle und zwischenmenschliche Erfahrung, aber auch eine universelle Erfahrung von Leid über alle Grenzen von Zeit und Ort hinweg.
Isidora Randjelović

Randjelović betont damit die gesellschaftliche Relevanz nicht akademischer Wissensvermittlung.

Wichtig sei dabei die Frage: „Was wird weitergegeben, wenn ein Lied von einer:einem neuen Interpret:in gesungen wird? Jeder Mensch bringt seinen eigenen Schmerz mit – die zweite Generation, die dritte. Die Lieder passen sich gewissermaßen den Menschen an“, sagt Randjelović.

Etwa dann, wenn Vera Moldvaj ihre Erfahrung tiefster Armut und des Gefangenseins in ihren Gesang einfließen lässt und ein Lied um eine weitere Zeile ergänzt. Dann wird das Lied nicht nur zur Erinnerung, zum Mahnmal, sondern zum Ausdruck aktueller Erfahrungen von Ausgrenzung und Benachteiligung, aber auch ein Zeugnis von Widerstand und Überleben aus der Perspektive der Betroffenen.

Lücken in der Geschichtsvermittlung füllen

„Im Gedenken an den Völkermord muss Platz für Trauer sein, aber letztlich muss es um das Leben gehen. Darum, möglichst viele Menschen zu erreichen und zu empowern.“ sagt Radoslav Ganev, Gründer von RomAnity. 
Wichtig ist daher auch der communitybasierte Ansatz von „Unbroken“, der sicherstellt, dass Sinti:ze und Rom:nja von der Konzeption bis zur Verbreitung der Inhalte aktiv einbezogen werden – etwa beim Aufbau der begleitenden Blended-Learning-Plattform. Sie soll im Schulunterricht ab Klasse 9 eingesetzt werden und ermöglicht in Kombination mit dem Film eine fächerübergreifende, vertiefte Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sinti:ze und Rom:nja. Die Geschichtsvermittlung in den Schulen und Universitäten bietet bislang keine verlässlichen Antworten, sondern hinterlässt Leerstellen und Fragezeichen.

Und wie klingt der Sound der Überlebenden?

Rap, Klassik, Gipsy-Swing und Roma-Musik – etwa die „Roma-Hymne“ Djelem Djelem – bilden das musikalische Fundament der Anime-Produktion. Auch ein Lied, das Vanessa „Puppa“ Meinhardt, die Enkelin eines Holocaust- Überlebenden, für ihren Großvater Galo Petermann geschrieben hat, ist Teil des Soundtracks.

Und dann sind da noch die Lieder aus den Lagern, von den Polizeikontrollen, aus den Kneipen und von Familienfesten, die ihren Weg ins Heute gefunden haben.

Isidora Randjelović und Radoslav Ganev sind sich einig: Geschichte muss aus der Perspektive der Betroffenen erzählt werden. Es sind ihre Stimmen, die gehört werden müssen. Und die Nachkommen tragen das Erbe auf ihre Art mit. Als Bürgerrechtler:innen, Filmemacher:innen, Pädagog:innen, als Wissenschaftler:innen oder Sänger:innen halten sie die Erinnerung wach. Sie versuchen, etwas zu bewegen. 

„Es ist ein Weg, der so noch nicht gegangen wurde“, sagt Ganev über das „Unbroken“-Projekt. Immerhin ein Anfang. Auch wenn es noch ein langer Weg ist.

Zur Projektseite von RomaniPhen.

Autorin: Sarah Rosenau, freie Journalistin

Zitat

Djelem djelem lungone dromesa
Maladilem schukare romenza
Djelem djelem lungone dromesa
Maladilem bachtale romenza [...]
Ake vriama, usti Rom akana
Men khutasa misto kai kerasa
(„Djelem Djelem“ in der Version von
Žarko Jovanović)

Auf meinem sehr, sehr langen Weg
Traf ich viele schöne Roma
Auf diesem sehr, sehr langen Weg
Begegneten mir viele glückliche Roma […]
Jetzt ist die Zeit, steht auf, Roma, jetzt
Wir steigen hoch, wenn wir handeln

Dr. Isidora Randjelović ist Diplom-Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin, promovierte Erziehungswissenschaftlerin und Aktivistin, die sich für die Rechte von Rom:nja und Sinti:ze und Migrant:innen einsetzt. Sie ist Vorständin und Mitinitiatorin des feministischen Romnja*-Archivs RomaniPhen, Lehrbeauftragte an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin und engagiert sich in der IniRromnja, einem Netzwerk Berliner Rom:nja und Sinti:ze. 

Radoslav Ganev ist Politikwissenschaftler und widmet sich den Schwerpunkten Repräsentation ethnischer Minderheiten und politische Teilhabe benachteiligter Gruppen. Er ist Mitgründer des Studierendenverbands der Sinti und Roma in Deutschland sowie Gründer des Vereins RomAnity, dessen Ziel es ist, die Geschichte der Rom:nja und Sinti:ze aufzuklären, Klischees abzubauen und junge Talente durch Bildungsprogramme und Stipendien zu fördern.