Landwirtschaft im Dienst des NS-Regimes

„Butter, Vieh, Vernichtung – Nationalsozialismus und Landwirtschaft im Allgäu“ ist ein partizipatives Bildungsprojekt, das mit künstlerischen Formaten und einer Ausstellung Zugänge zur Thematik des NS Unrechts im südlichen Schwaben schafft. An authentischen Orten im ländlichen Raum und in der Stadt Kempten werden die Verstrickungen in den NS-Staat und die NS-Ideologie aufgezeigt. Dabei verbindet das Projekt Wissensvermittlung mit der Ermutigung zu verantwortungsvollem Handeln heute.

Es ist kalt und klamm in der „Kälberhalle“ in Kempten. Noch immer hängt Stallgeruch in dem Gemäuer. Die eisernen Anbinderinge und Stalleinbauten aus Beton sind noch im Original vorhanden. Das frühere Stallgebäude von 1931 gehört als Halle II zur heutigen „Allgäuhalle“, die 1928 für die Viehzucht errichtet wurde. Beide Hallen liegen zentral in der 70.000 Einwohner:innen-Stadt Kempten im Allgäu. Sie ist Teil eines Gebäudeensembles, in dessen zweitem Teil Kulturveranstaltungen stattfinden. In der „Kälberhalle“ selbst finden heute hin und wieder Flohmärkte statt. Nur eine Plakette erinnert an das NS-Unrecht, das sich hier ereignet hat: Von 1943 bis 1945 war die Halle ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. 650 bis 850 Zwangsarbeiter:innen waren hier untergebracht, die vor allem in den Rüstungsbetrieben in der Region arbeiten mussten – viele von ihnen im Auftrag von BMW bei der Helmuth Sachse KG. Die erwähnte Plakette wurde auf Initiative ehemaliger Häftlinge angebracht.

Mit dem Projekt „Butter, Vieh, Vernichtung“ wird jetzt die Stadt Kempten aktiv und setzt sich dafür ein, diesen authentischen Ort in einen Erinnerungsort umzugestalten, erläutert Christine Müller Horn, Leiterin der Kemptener Museen, die das Projekt zusammen mit Dr. Veronika Heilmannseder vom Verein Cultura Kulturveranstaltungen e. V. leitet. Es ergänzt die Arbeit der kommunalen Kommission für Erinnerungskultur, die seit 2021 mit Beteiligung des Instituts für Zeitgeschichte und des Heimatvereins die Geschichte der Stadt Kempten im Nationalsozialismus erforscht.

Mehr als 13 Millionen Menschen wurden bis 1945 zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt. Auch in Bayern mussten Hunderttausende Menschen aus der Sowjetunion, Polen, Frankreich und Italien unter entsetzlichen Bedingungen arbeiten. Sie waren überall sichtbar. Eingesetzt hatte man sie nicht nur in Bergwerken, in der Rüstungsindustrie, in der Bauwirtschaft, auf landwirtschaftlichen Gütern der Kirche und in Privathaushalten, sondern auch auf Bauernhöfen, also im ländlichen Raum. Gerade die landwirtschaftlichen Betriebe im Allgäu und Schwaben, die dem „Reichsnährstand“ angegliedert waren, lieferten Milch und Butter für die deutsche Bevölkerung und die Front. Da die meisten deutschen Männer an der Front waren, wurden Millionen Zwangsarbeiter:innen zur Aufrechterhaltung der Lebensmittelproduktion eingesetzt. Zugleich gab es im Allgäu und Schwaben viele Rüstungsbetriebe, die beispielsweise Motoren und Getriebe für Panzer und Militärfahrzeuge produzierten.

Das Projekt „Butter, Vieh, Vernichtung – Nationalsozialismus und Landwirtschaft im Allgäu“ hat zum Ziel, Wissen über kreative und Empathie fördernde Formate zu vermitteln und das Unrecht, das auf dem eigenen Hof und in der unmittelbaren Nachbarschaft geschah, begreifbar zu machen. Dafür beleuchtet und erforscht es drei Themenbereiche:

  • die Durchdringung der Landwirtschaft und der
    ländlichen Gesellschaft mit der NS-Ideologie
  • den Einsatz von Zwangsarbeiter:innen
  • die Verdrängung und Verfolgung jüdischer
    Familienbetriebe

Um den Opfern ein Gesicht zu geben, werden in zahlreichen Workshops und auf Social Media beispielhaft Biografien von Zwangsarbeiter:innen sowie von jüdischen Unternehmer:innen vorgestellt. Das Projekt schafft in kreativen Workshops wie Fotografie-, Musik-, Theater- und Schreibwerkstätten Erinnerungsräume, in denen die Menschen ermutigt werden, sich mit der eigenen Familien- und Hofgeschichte auseinanderzusetzen. Nahezu auf jedem Hof gab es Zwangsarbeiter:innen, was jungen Menschen heute kaum bekannt ist. 

Viele wissen auch nicht, dass Adolf Hitler 1932 in Kempten vor 15.000 bis 18.000 Menschen aus der Stadt und dem Umland auf dem heutigen Gelände der Allgäuhalle eine Wahlkampfrede gehalten hat. Das Projektteam hat darum auch gezielt über Landwirtschaftsschulen junge Landwirt:innen und Schüler:innen angesprochen. Dieser Ansatz kann dazu beitragen, eine Lücke im historischen Bewusstsein zu schließen, auf die auch die aktuelle Gedenkanstoß MEMO-Studie hinweist:

Zitat

Der Frage, ob der Wohlstand vieler Familien bis heute auf Verbrechen aus der Zeit des NS basiert, stimmten 19,3 Prozent der Befragten zu. Aber nur 2,8 Prozent gaben an, dass ihre eigene Familie von den Verbrechen aus der NS-Zeit wirtschaftlich profitierte.

Wie hat das Regime demokratische Mechanismen außer Kraft gesetzt und die Bevölkerung hinter sich versammelt? Wie gelang es den Nationalsozialisten, dass Zwangsarbeit normaler Alltag wurde und die Bevölkerung die Ausbeutung dahinter nicht hinterfragte? Wie funktionierte der NS-Staat überhaupt? Unter anderem mit diesen Fragen setzten sich die Teilnehmenden unterschiedlichen Alters in künstlerischen Workshops an drei historischen Orten auseinander: der „Kälberhalle“ in Kempten, der Milchsammelstelle Thal und dem Bahnhof Fellheim, von dem aus die jüdische Bevölkerung der Region in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurde.

Sehr wichtig ist den Projektakteur:innen auch, die Bedeutung der NS-Geschichte für die demokratische Gesellschaft der Gegenwart herauszustellen. Viele junge Menschen, so die Projektleiterinnen, würden sich in der Region gegen Nazis engagieren und das Erstarken rechtsextremer Kräfte als Bedrohungssituation empfinden. Aber sie hätten diese Entwicklungen bisher nicht mit der eigenen Familiengeschichte im Nationalsozialismus zusammengebracht. „Es ist ein Aha Moment entstanden, zu verstehen, wie die eigene Familie in das NS-Unrecht verstrickt war“, sagt Veronika Heilmannseder. Dass diese vertrauensvollen Gesprächsräume entstanden sind, in denen sich viele Menschen generationsübergreifend erstmals über die NS-Zeit austauschen und forschen, ist ein besonders positiver Ertrag des Projekts.

Parallel dazu laufen aktuelle historische Forschungen zum Nationalsozialismus im Allgäu und in Schwaben, die Ende September 2025 in einer Ausstellung in der historischen „Kälberhalle“ gezeigt werden. Der Kulturwissenschaftler Roman Tischberger von der Universität Augsburg sucht dabei nicht nur nach Dokumenten und historischen Fotos, sondern führt auch Gespräche mit Zeitzeug:innen und ihren Nachkommen. 

Alle Projektbeteiligten setzen darauf, dass mit dem Projekt und der Ausstellung die „Kälberhalle“ als ein dauerhafter Lern- und Erinnerungsort in Kempten etabliert wird. Unterstützung erfährt das Projekt durch die Schirmherrschaft von Dr. Theo Waigel, Bundesfinanzminister a. D., der mit der Region persönlich verbunden ist.

Mehr über das Projekt erfahren

Die Ausstellung „Butter, Vieh, Vernichtung – Nationalsozialismus
und Landwirtschaft im Allgäu“ ist vom
19.09.–09.11.2025 in der Allgäuhalle Kempten zu sehen.