Was braucht Bildung zu NS-Unrecht heute besonders, um zu gelingen?

Was braucht Bildung zu NS-Unrecht heute besonders, um zu gelingen? Welche Rolle spielt ein Förderprogramm wie die Bildungsagenda NS-Unrecht für eine geschichtsbewusste und demokratische Gesellschaft? Wir haben bei Akteur:innen aus Politik und Gesellschaft nachgefragt.

„Bildung zu NS-Unrecht sensibilisiert dafür, für ein friedliches gesellschaftliches Miteinander einzutreten, und kann die demokratische Haltung eines jeden Einzelnen stärken. Das ist gerade bei jungen Menschen wichtig. In Zeiten, in denen Geschichtsrevisionismus und Shoah-Relativierung eine Hochkonjunktur erleben, sind Programme wie die Bildungsagenda NS-Unrecht der Stiftung EVZ besonders wertvoll.

Es braucht insgesamt eine moderne Erinnerungs- und Gedenkkultur. Neben gut vor- und nachbereiteten Gedenkstättenbesuchen müssen digitale Formate entwickelt werden, die die Geschichten von Zeitzeugen einfangen und verarbeiten, da es bald keine Überlebenden der Shoah mehr geben wird. Spezielle Projekte zu einzelnen Biografien können zudem die abstrakt große Zahl von sechs Millionen Opfern der Shoah besser vermitteln. So schaffen wir auch ein Bewusstsein für den Antisemitismus von heute, der in weiten Teilen der Gesellschaft kaum wahrgenommen wird.“

Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden Deutschland

„Für das Menschheitsverbrechen des Holocaust an 500.000 Sinti und Roma und sechs Millionen Juden im NS-besetzten Europa steht das Vernichtungslager Auschwitz wie kein anderer Ort. Es gibt unter Sinti und Roma keine Familie, die keine Angehörigen verloren hat. Die Ideologie der Nazis von der „Herrenrasse“ hat Europa in den Abgrund gestürzt. Die Erinnerung daran hat sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Daran zu erinnern, ist keine Schuldübertragung auf die heutige Generation, sondern bedeutet, Verantwortung zu übernehmen für Demokratie und Rechtsstaat. Unsere Bildungseinrichtungen müssen jungen Menschen verstärkt die verwerfliche Ideologie der Naziverbrecher vermitteln, damit auch sie Demokratie und Rechtsstaat in Zukunft wehrhaft verteidigen.

Es gibt nur noch ganz wenige Zeitzeugen, die ihre Erfahrungen persönlich vermitteln können. In Zukunft müssen Paten dies tun, damit Geschichte erfahrbar bleibt und nicht hinter den riesigen Opferzahlen der Verbrechen der Nazis verschwindet.“

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

Das sagen unsere Partner:innen und Projektbeteiligten über ihr Projekt in der Bildungsagenda NS-Unrecht.

Das sagen unsere Partner:innen und Projektbeteiligten über ihr Projekt in der Bildungsagenda NS-Unrecht:

„Mein Vater Georgios wurde in Griechenland geboren. 1942 verschleppten ihn die deutschen Besatzer zur Zwangsarbeit nach Wien. Hier verliebte er sich in meine Mutter Elisabeth, die in der Nähe des Lagers wohnte. Wenn sie bekannt geworden wäre, hätte ihre Beziehung dramatische Folgen gehabt. Doch meine Eltern schafften es, ihre große Liebe geheim zu halten. Im August 1944 kam ich zur Welt. Als Sohn eines Zwangsarbeiters und ehemaliger Politiker ist es mir eine Verpflichtung, aktive Gedenkarbeit zu betreiben. In Deutschland und Österreich sind Rechtsextremismus und Rassismus immer noch aktuell. Warum es dringend Bildung zu NS-Unrecht braucht? Weil nur so die Jugend zu „aktiven Antifaschisten“ erzogen werden und ein weiterer Rechtsruck in unseren Ländern verhindert werden kann. Wehret den Anfängen – niemals vergessen!“

Volkmar „Hannes“ Harwanegg, Wiener Landtagsabgeordneter a. D. und Teilnehmer im Projekt „trotzdem da!“

„Mithilfe des Theaters fördern wir die transnationale Erinnerungsarbeit und setzen uns mit weniger bekannten Verfolgungsschicksalen auseinander, die sich aus konkreten Formen des Widerstands und der Kollaboration in Griechenland, Spanien und der Ukraine ergeben haben. Wir betrachten unsere Traditionen des Erinnerns aus unterschiedlichen Blickwinkeln und schaffen mit Mitteln der künstlerischen Bildung eine gemeinsam erfahrbare europäische Erinnerungsarbeit.“

David Rodríguez Peralto, Präsident der Fundación Teatro Joven, Projekt „Resistance & Collaboration: Landscapes of Devastation”

„Unser Online-Treffen mit Herrn Assael war wirklich eine einmalige Erfahrung. Besonders beeindruckt war ich von Herrn Assaels Leidenschaft, Ausdauer und Geduld, die er im Laufe der Jahre aufgebracht hat, um die Wahrheit herauszufinden, die sich hinter den Gleisen des Bahnhofs Karya befand. Die Begegnung mit dem Sohn eines Überlebenden war eine aufregende Erfahrung.“

Eleni Kroupi, Schülerin des Gymnasiums Steglitz, Teilnehmerin im Projekt „Tödliche Zwangsarbeit in Karya. Deutsche Besatzung und der Holocaust in Griechenland“

„Die Entwicklung eines Projekts, das junge Menschen als Hauptprotagonist:innen sieht, bleibt ein einzigartiges Erlebnis. Bei der Uraufführung der zeitgenössischen Oper stand der Jugendchor der Vokalhelden im Mittelpunkt, mit knapp 25 Sänger:innen zwischen 12 und 18 Jahren. Musik kann Jugendliche zu Diplomaten der Kultur werden lassen, und das war ein großer Anspruch bei diesem Projekt.“

Anisha Bondy, Komische Oper Berlin, Projekt „over and over vorbei nicht vorbei“

„Besonders erinnere ich mich an das offene und persönliche Gespräch zwischen Dylan Casteleyn und Marijke Callewaert, zwei Angehörigen von belgischen Justizverurteilten, die im Strafgefängnis Wolfenbüttel in der NS-Zeit hingerichtet wurden, mit Studierenden der TU Braunschweig und der VIVES Hoogeschool Kortrijk. Zuvor hatten sich die deutschen und belgischen Studierenden in zwei mehrtägigen Seminaren in Wolfenbüttel und in Kortrijk anhand von Akten und Objekten intensiv mit dem Thema von Justizverurteilungen und der Bedeutung von Entschädigungen für die Familienangehörigen auseinandergesetzt.“

Martina Staats, Leiterin der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel, Projekt „Ewige Zuchthäusler?!“