stolpern

Beim theaterpädagogischen Kooperationsprojekt arbeiteten Jugendliche im Alter zwischen 15 und 21 Jahren gemeinsam zum Thema Rechtsruck. Ausgangspunkt für das städteübergreifende künstlerisch-partizipative Format waren die „Stolpersteine“, eine Arbeit des Künstlers Gunter Demnig, mit der er an in der NS-Zeit verfolgte Menschen erinnert.

Begleitet wurde die Inszenierung von einem ausführlichen theaterpädagogischen Vermittlungsprogramm, einer Materialmappe und Publikumsgesprächen.

Ein nachhaltiger Beitrag zur Erinnerungskultur

Während einerseits immer mehr Menschen traditionelle Lebenswege und -formen aufgeben, über neue Macht-, Ressourcen- und Privilegienverteilung gerungen wird und Fragen gesellschaftlicher Teilhabe unabhängig von Geschlecht, sozialer oder ethnischer Herkunft, sexueller oder religiöser Identität ins gesellschaftliche Zentrum rücken, kehren auf der anderen Seite überwunden geglaubte Denk- und Sprachmuster zurück. Rassistische Attentate, verbale und physische Attacken auf Politiker:innen und Presse, Hass und Hetze gegen Personengruppen, die schon in der Zeit des Nationalsozialismus zu den Opfern zählten, gehören seit einigen Jahren leider wieder zum Alltag in Deutschland. Woran liegt das? Ist unser Gedächtnis zu schwach? Verblassen allmählich die Erinnerungen an die Schrecken der Nazizeit oder führen neue gesellschaftliche Ängste zur altbekannten Reaktion? Mit ihren Projekten will die Schaubühne nachhaltig und fundiert zur öffentlichen Debatte beitragen.

Soziale Plattform gegen Hemmschwellen und Vorbehalte

Um vielfältige Milieus auf der Bühne repräsentieren zu können, wurden Teilnehmer:innen mit möglichst unterschiedlichem sozialem Background in die Besetzung eingebunden. In diesem Sinne verstand sich „stolpern“ als soziale Plattform, auf der Hemmschwellen und gegenseitige Vorbehalte verhandelt und bestenfalls abgebaut wurden. Ein Raum, in dem der sogenannten Fragmentierung der Gesellschaft aktiv entgegengewirkt wurde, indem sie zum Gegenstand einer kritischen Recherche gemacht wurde. Die Diversität der Gruppe wurde als ihre Stärke begriffen und ihre Differenzen bildeten den Ausgangspunkt für die Grundfragen des Abends.

Gemeinsamer Probenprozess zwischen Cottbus und Berlin

In einem achtmonatigen Probenprozess setzten sich Jugendliche aus Cottbus und Berlin ausgehend von den Stolpersteinen gemeinsam mit den individuellen Schicksalen während der NS-Zeit verfolgter Personengruppen auseinander. Dabei wurden unter anderem die Perspektiven der homosexuellen Opfer des NS-Regimes beleuchtet sowie die Leidensgeschichte des sorbischen Volkes, dass sich vor allem in der Lausitz verortet. Dazu bestand eine enge Zusammenarbeit mit dem Sorbischen Institut e.V. aus Cottbus und dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg (LSVB). In verschiedenen Formaten – biografischen Familien-Recherchen, persönlichen Gesprächen mit Überlebenden, Recherchereisen in Form von Besuchen von Gedenkstätten sowie Theater-Workshops mit Vertreter:innen marginalisierter Gruppen – wurde gemeinsam reflektiert, wie diese Personengruppen bis heute Ausgrenzung erfahren. Zugleich setzten sich die Jugendlichen mit sich selbst und ihren eigenen Lebensrealitäten auseinander: Welche Vorurteile haben sie übereinander? Mit welchen Vorurteilen sehen sie sich aufgrund ihrer Herkunft konfrontiert? Und schließlich: In welcher Welt wollen sie leben? Was sind ihre Forderungen? Aneinander, aber auch an die Gesellschaft, in der sie leben? 

In „stolpern“ wurde Jugendlichen aus Cottbus und Berlin eine gemeinsame Bühne zur Verfügung gestellt. Sie sprachen nicht übereinander, sondern miteinander. Sie konfrontierten sich mit gegenseitigen Klischees, subvertierten und dekonstruierten diese. Sie benutzten den Raum, der ihnen hier zur Verfügung gestellt wurde, um ihre ganz eigenen Visionen einer Zukunft zu entwickeln, sie blickten zurück auf die Herkunft vieler dieser Klischees. Vor allem aber konfrontierten sie das Publikum mit seinen eigenen Vorurteilen: Immer wieder wurden die Zuschauer:innen auf ihre Projektionen über die Herkunft, den sozialen Background und/oder die Sexualität der Jugendlichen zurückgeworfen. 

Das Piccolo Theater

Das Piccolo-Theater in Cottbus ist seit 1991 ein Theater für Kinder und Jugendliche, das als Privattheater von der Stadt Cottbus und dem Land Brandenburg unterstützt und derzeit von Reinhard Drogla geleitet wird. Als professionelles Repertoiretheater werden dort durchschnittlich 13 Stücken gezeigt, zudem gibt es ein vielfältiges Angebot an Tanz- und Theaterpädagogik. 

Die Schaubühne

Die Schaubühne wurde 1962 gegründet. Seit 1999 wird sie von Thomas Ostermeier künstlerisch geleitet. Pro Spielzeit bringt die Schaubühne mindestens zehn neue Aufführungen zur Premiere. Daneben ist im Wechsel ein Repertoire aus über dreißig Produktionen zu sehen. 

Datenblatt

Projektpartner:in: Piccolo Kinder- und Jugendtheater Cottbus

Laufzeit: 01.10.2021 bis 31.12.2022

www.schaubuehne.de

Mehr zum Projekt

Bildungsagenda NS-Unrecht

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Die Bildungsagenda NS-Unrecht startete im Herbst 2021 mit zwei Gewissheiten: Erstens, die Generation der Überlebenden geht leider von uns. Damit können immer seltener Zeitzeug:innen von den Gräueltaten der Nationalsozialisten berichten. Zudem bewegen wir uns zunehmend, und das ist die zweite Gewissheit, in Kontexten, in denen die Grenzen zwischen Fiktion und Fakt verwischen. Unter diesen Bedingungen sind die Auseinandersetzung mit NS-Unrecht und die historisch-politische Bildungsarbeit auf neue Lernwege und innovative Vermittlungsformen angewiesen. Im Magazin der Bildungsagenda NS-Unrecht stellen wir das Förderprogramm, Projekte und aktuelle Debatten vor.