Interview mit Dr. Manfred Gentz

GROSSER ERFOLG NACH VIEL WIDERSTAND

Sie haben als Mitgründer und Vorsitzender der Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft das internationale Abkommen, das humanitäre Hilfe für frühere NS-Opfer und Rechtsfrieden für deutsche Unternehmen erzielt hat, gegen einigen Widerstand mit initiiert und begleitet. Was waren die größten Probleme, die Sie überwinden mussten?

Manfred Gentz: Wir hatten mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen. Eine der Schwierigkeiten lag darin, unseren Kollegen die moralische Verantwortung der deutschen Wirtschaft insgesamt klar zu machen, unabhängig von der Schuld einzelner Unternehmen. Das Thema Zwangsarbeit war eine Belastung, die über der deutschen Wirtschaft schwebte und das Bild der Unternehmen auch im Ausland beeinflusste. Daher war uns daran gelegen, uns zu der historischen Verantwortung zu bekennen.

 

Letztlich haben sich 6.500 deutsche Unternehmen an der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft beteiligt. Hat Sie die große Resonanz überrascht?

 

Manfred Gentz: Man muss dazu wissen, dass faktisch alle Firmen, die vor und während des Zweiten Weltkrieges größere Zahlen von Mitarbeiter beschäftigten, irgendwann auch Zwangsarbeiter hatten. Der Grund dafür war sehr einfach: Es gab keine Arbeitskräfte, und die deutschen Frauen haben die Arbeit nicht alleine geschafft. Nach entsprechenden Untersuchungen waren die Unternehmen oft selber überrascht über dieses Ergebnis. Was mich persönlich erschüttert hat: Kirchen und kirchliche Institutionen hatten auch Zwangsarbeiter, weil auch sie die Arbeitskräfte brauchten. Doch gerade die Kirchen hatten in den Nachkriegsjahren oft den moralischen Zeigefinger erhoben und haben oft erst sehr spät entdeckt, dass sie selbst betroffen waren.

 

Ein Problem bei Ihrem Vorhaben, war die Ermessung des erlittenen Unrechts.

 

Manfred Gentz: Für uns war es wichtig zu erkennen, dass die Zwangsarbeit sehr unterschiedliche Formen gehabt hat. In einigen Fällen wurden die Zwangsarbeiter fast familiär betreut, das einzige, was die Zwangsarbeit charakterisierte, war die Unfreiwilligkeit. In anderen Fällen war alles grauenhaft: Lagerhaft, schlechte hygienische Bedingungen, Misshandlungen, lange Stunden Arbeit.

 

Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Extremen ist für uns fast nicht mehr nachvollziehbar gewesen. Aber es wurde klar, dass man die verschiedenen Bedingungen bei der Zwangsarbeit nicht über einen Kamm scheren kann - wenn auch in jedem Fall ein großes Unrecht geschehen ist.

 

Vor diesem Hintergrund war es zunächst nicht einfach, die Firmen von dem Sinn und Zweck der Stiftung zu überzeugen.

 

Sie waren selbst in führender Position bei Daimler tätig, als beim Verfassen der 100-Jahre-Daimler-Jubiläumsschrift Firmenhistoriker auf die Bedeutung der Zwangsarbeiter für die Firma stießen. Sie haben sich damals ganz klar für die Aufarbeitung ausgesprochen. Eine Selbstverständlichkeit aus Ihrer Sicht?

 

Manfred Gentz: 1986 feierten wir das 100-jährige Daimler-Firmenjubiläum. In diesem Zusammenhang wollten wir die Firmengeschichte überarbeiten und erstmals sollte die NS-Zeit nicht ausgeklammert werden. Keinem, mir auch nicht, war zu diesem Zeitpunkt bewusst, wie viele Zwangsarbeiter Daimler während des Krieges hatte. Wir haben dann eine Extra-Untersuchung initiiert. Die Studie, die dabei herauskam, war – gemessen an den heutigen Maßstäben – keine wirklich gute Untersuchung, denn das Archivmaterial war schlecht und wir sind auf manche Unterlagen erst viel später, etwa bei Umbauten, gestoßen. Das klingt unglaublich, aber in den 80er und 90er Jahren gab es bei Großkonzernen wie Daimler wirklich noch unentdeckte Archivecken.

 

Daimler war das erste Unternehmen, das sich speziell dieser Thematik im Rahmen einer historischen Aufarbeitung gestellt hat. Wir hatten nicht nur die Firmengeschichte aufgearbeitet; eine Erinnerungs-Skulptur wurde in der Firmenzentrale aufgestellt und Geld für Krankenhäuser, Altenheime in Israel und in Polen gespendet. Dabei wurde nicht zwingend Wert darauf gelegt, dass das Geld nur ehemaligen Zwangsarbeitern zugute kam, wir wollten etwas für diese Institutionen tun, in denen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Betroffene versorgt wurden.

 

Was war dann der Grund dafür, noch einmal eine Initiative der deutschen Wirtschaft zu starten?

 

 

Manfred Gentz: Nach Daimler hat eine ganze Reihe von Unternehmen angefangen, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Eine sehr gute Arbeit hat Volkswagen vorgelegt. Das Bewusstsein in den Unternehmen hatte sich verändert, die Bereitschaft, etwas zu tun, hatte sich verändert. Dies war sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass die Konzerne nun jüngere Vorstände, wie mich auch, hatten, die selber nicht durch die Geschichte belastet waren.

 

Ein weiterer wichtiger Anstoß war aber auch die Gefahr wachsender Klagewellen, die vor allem aus den USA und aus Polen nach Deutschland herüberschwappten. Wobei ein Problem mit den polnischen Klagen war, dass die Zwangsarbeiter dort nicht bei Unternehmen, sondern vorwiegend in der Landwirtschaft beschäftigt worden waren.

 

In diesem Umfeld haben sich mehrere große Unternehmen zusammengefunden, die meinten, etwas tun zu müssen. Daraus entstand die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft. Es gab zwei Ziele, die wir erreichen wollten: 1. Moralische Anerkennung gegenüber den Opfern und Geschädigten, 2. Rechtsfrieden, denn vor allem die Klagen in den USA konnten unabsehbare Konsequenzen in zeitlicher und finanzieller Dimension haben.

 

Gab es Unterstützung von der Bundesregierung?

 

Manfred Gentz: 1998 hatte Bundeskanzler Helmut Kohl die Unterstützung der Initiative im Hinblick auf die notwendigen Verhandlungen mit der US-Regierung abgelehnt, mit Verweis auf die Entschädigungsgesetze der Bundesrepublik, in deren Rahmen schon in erheblichem Umfang Entschädigungszahlungen geleistet worden waren. Nach dem Regierungswechsel hat sein Nachfolger Gerhard Schröder dagegen seine Unterstützung zugesagt. Ursprünglich war es eine reine private Initiative der deutschen Wirtschaft, die erst später mit anderen Initiativen aus dem politischen Bereich verknüpft wurde.

 

Wie schätzen Sie aus heutiger Sicht den Erfolg der Auszahlungen ein?

 

Manfred Gentz: Ich glaube, und das habe ich selber zunächst unterschätzt, dass die Auszahlungen ein voller Erfolg waren. Ich hatte Zweifel, ob die relativ kleinen Beträge, die man auszahlen konnte, das Leid, das die Menschen erlitten hatten, in irgendeiner Weise ausgleichen konnten.

 

Zunächst hatten wir auch die Idee, dass die Auszahlung nach der Bedürftigkeit und Kaufkraft in den jeweiligen Ländern differenziert werden sollte. Zum Beispiel sollte ein US-amerikanischer Jude, der heute in guten, finanziellen Verhältnissen lebt, weniger oder gar keine Geldentschädigung bekommen, im Vergleich zu einem ehemaligen Zwangsarbeiter in der Ukraine, wo die Zahlungen existenziell sein konnten. Aber mit dieser Idee sind wir furchtbar auf Widerstand gestoßen. Die Claims Conference hat sich mit aller Macht dagegen gestemmt. Schließlich haben wir erkannt, dass das Wichtigste an unserer Arbeit das Zeichen der Anerkennung ist. Und letztlich waren für osteuropäische Verhältnisse die gezahlten Beträge nicht so klein, als dass sie nicht einen signifikanten, hilfreichen Unterschied gemacht hätten.

 

Zum Erfolg: Wir waren vorgewarnt, dass es zu großen Schwierigkeiten kommen könnte. Zum einen konnte der Verteilungsprozess des Geldes zum Streit führen, zum anderen hatten wir bei den Stiftungen der Bundesregierung gesehen, dass das Geld oft nicht bei den Geschädigten ankam, sondern in der Administration oder gar auf korrupten Pfaden versickerte. Daher hat die Stiftung EVZ von vornherein einen Kontrollmechanismus implementiert, der dafür sorgte, dass gut 98 Prozent aller Gelder wirklich ihr Ziel erreichten. Das war auch eine hervorragende Leistung der Mitarbeiter der Stiftung.

 

Wie Sie in Ihrer Rede anlässlich des Abschlusses der Auszahlungen an Zwangsarbeiter betonten, musste die Stiftung EVZ den Zukunftsfonds gegen große Widerstände durchsetzen. Nun hat die Stiftung den Auftrag, sich für Verständigung, Versöhnung und die Einhaltung der Menschenrechte einzutreten. Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Zukunftsaufgabe der Stiftung EVZ?

 

Manfred Gentz: Die Idee, die ich von Anfang an verfochten habe, war immer, nicht nur auf die Vergangenheit zu schauen, sondern auch die Menschen dafür zu sensibilisieren, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Nicht nur speziell der Holocaust gegen Juden, sondern Menschenrechtsverletzungen im Allgemeinen. Obwohl dieser Gedanke von Anfang an in der Stiftung verankert war, trat er natürlich zunächst hinter den Auszahlungen zurück.

 

Mittlerweile könnte die Stiftung meiner Ansicht nach auch global tätig werden. Wir können mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln sicherlich keine Massen erreichen, aber man kann Menschen zusammenbringen und Vorbehalte abbauen. Idealerweise sollen sie erkennen, dass der andere zu Unrecht unter Wert behandelt wird. Diese Verblendung findet man leider immer noch in vielen Ländern und in vielen Köpfen.

 

Zur Person

Dr. Manfred Gentz, geb. 1942 in Riga, hat als Mitgründer und Vorsitzender der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft das internationale Abkommen, das einerseits humanitäre Hilfe für ehemalige NS-Opfer und andererseits Rechtsfrieden für deutsche Unternehmen erzielt hat, mitinitiiert und begleitet. Der Stiftung EVZ war Dr. Gentz bis 2008 als Kuratoriumsmitglied verbunden. Der ehemalige Daimler-Finanzvorstand hatte und hat in vielen Aufsichtsräten deutscher Unternehmen, wie zum Beispiel Adidas, Bewag oder der Deutsche Hypothekenbank, Aufsichtsratsposten inne und wurde zuletzt zum Aufsichtsratschef der Deutschen Börse AG ernannt.