VON DEM GEFÜHL, NACH HAUSE ZU KOMMEN

EIN BEWEGTES LEBEN: DER EHEMALIGE ZWANGSARBEITER ALEXANDER DEMIDOW ERZÄHLT

Alexander Demidow, ein ehemaliger Zwangsarbeiter, war einer der belarussischen Antragsteller, die von der Stiftung EVZ eine Ausgleichszahlung für erlittenes Unrecht erhielten. Sein ungewöhnliches Leben ist geprägt von Verlust und Heimatlosigkeit und steht damit für die großen Umbrüche des 20. Jahrhunderts: Revolution, Krieg, Gründung und Zerfall der Sowjetunion.

 

"In der Sowjetunion“, sagt Alexander Demidow, "wollten alle Internationalisten sein. Ich habe mich nie als solcher gefühlt, ich habe mein Leben einfach in verschiedenen Ländern verbracht." Sein Leben? Das ist eine verworrene Geschichte. Eine, die er selbst größtenteils auch nur aus zweiter Hand kennt, von einer Historikerin, die die Lebensgeschichte seiner Familie erforscht hat.

Alexander Demidow im April 2009, Minsk
Alexander Demidow im April 2009, Minsk
Alexander Demidow im April 2009, Minsk

 

RUSSLAND, KONGO, JUGOSLAWIEN: STATIONEN EINER FAMILIE

Alexander Demidows Vorfahren waren Berater des Zaren, sie besaßen Ländereien, Güter, Privilegien – und mussten als Feinde der proletarischen Revolution wie Hunderttausende ihrer Landsleute das Land verlassen. Mit der Niederlage der antibolschewistischen Kräfte im russischen Bürgerkrieg sollte bald auch die Hoffnung auf eine Rückkehr erlöschen.

 

Ein Sohn der Familie setzte sich nach Venezuela ab, ein anderer nach Jugoslawien, wo die Tochter abgeblieben ist, ist bis heute unbekannt. Alexander Demidows Vater verschlug es nach Belgien, wo ihm ein Job als Farmverwalter angeboten wurde – in der überseeischen Kolonie Belgisch-Kongo. 1933 zeugte er dort mit einer Kongolesin einen Sohn, dem er seinen Namen gab: Alexander Alexandrowitsch Demidow. Sechs Jahre später tauschte er den Jungen bei dessen Mutter gegen eine Nähmaschine ein und nahm ihn mit nach Paris, um ihm dort eine elitäre Erziehung angedeihen zu lassen. Doch nach nur wenigen Monaten in Frankreich starb der Vater. Alexander wurde zu seinem Onkel nach Jugoslawien geschickt, wo er bis Anfang 1941 die Schule besuchte.

 

DEPORTATION UND ZWANGSARBEIT

Wie sein Vater aussah – daran hat Alexander Demidow keinerlei Erinnerung mehr. Auch nicht an sein Leben in Belgrad. Das einzige, woran er sich erinnert, ist, dass er Mitte 1941 von den Deutschen, die wenige Monate zuvor Jugoslawien überfallen hatten, in ein Arbeitslager deportiert wurde. Und auch diese Episode ist heute nur deswegen präsent, weil sich die Angst, die den Jungen während der späteren amerikanischen Bombardierungen überfiel, tief in sein Gedächtnis eingebrannt hat.

 

Das Lager befand sich in der erst 1938 gegründeten „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“, dem heutigen Wolfsburg. Alexanders Angst vor den Bomben war größer als die vor Bestrafung, und so ergriff er während eines neuerlichen Fliegeralarms die Flucht. Unterwegs wurde er von einem Uniformierten aufgegriffen, der ihn einer Bauernfamilie im Kreis Gardelegen (heute: Altmarkkreis Salzwedel) übergab. Hier wurde der Junge als Landwirtschaftshelfer eingesetzt.

"Die Jahre bei den Bauern", sagt Alexander Demidow – "das war eine gute Zeit." Es habe genug zu essen gegeben und im Sommer, da sei er mit Helmut, einem deutschen Jungen, zum Baden hinausgefahren. "Helmut war ein Freund. Mein erster richtiger Freund."

Alexander Demidow im April 2009, Minsk
Alexander Demidow im April 2009, Minsk
Alexander Demidow im April 2009, Minsk

EINE NEUE HEIMAT: BELARUS

Eines Tages hörte Demidow von russischen Zwangsarbeitern aus der Umgebung, dass die Russen auf der anderen Seite der Elbe stünden. Die sowjetischen Militärbeamten steckten den verwaisten Jungen zunächst in ein Internat für russische Soldatenkinder. Irgendwann erging der Befehl, die Bewohner in Kinderheime im grenznahen Belarus zu verlegen.

 

Am 4. April 1946 traf Alexander Demidow im Waisenhaus Nummer 12 in Minsk ein; ein 13-Jähriger der vier Sprachen beherrschte und sich freute, nun regelmäßig zur Schule gehen zu können. Nach der Schule nahm er eine Arbeit bei der staatlichen Eisenbahn an und fuhr durch die ganze Republik, um Gleise zu verlegen und Schienen auszubessern.

 

Auf einer Eisenbahnbrücke in der Nähe seines Wohnblocks traf er eine Frau, die ihm gefiel, und hielt bei den Eltern um ihre Hand an. Dass er ein Schwarzer sei, das habe sie nicht gestört. Und überhaupt – Probleme mit seiner Hautfarbe habe er nur ein einziges Mal gehabt, in Jugoslawien nämlich, als die Deutschen einmarschierten und ihn als "Neger" beschimpften. 

 

Heute lebt der inzwischen 76-Jährige mit Frau, Tochter und Enkel in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Minsker Oktjabrskij-Bezirk. Außerdem gibt es da noch einen Sohn, zwei weitere Enkel und einen Urenkel. Das Geld ist knapp: 500.000 Rubel Pension bezieht Alexander Demidow, etwa 140 Euro, "Geld, von dem man nicht leben kann", sagt er.

 

WIEDERSEHEN NACH ÜBER 60 JAHREN

 

Anfang 2002 erfuhr er bei der Stadtverwaltung, dass Deutschland Entschädigungen an ehemalige Zwangsarbeiter auszahlt. Beim Ausfüllen des Antrags half ihm der KGB – der Geheimdienst, der in Weißrussland bis heute so heißt. "Die haben gesagt, ich könne unmöglich Geld für sechs Jahre fordern", erzählt Alexander Demidow. "Ich denke, sie haben mir nicht geglaubt, dass ich so lange dort arbeiten musste. Ich war ja noch ein Kind."

 

Nein, er habe keinen Hass auf die Deutschen – „es war einfach Krieg damals“. Drei Mal ist er in den vergangenen Jahren nach Deutschland gereist, auf Einladung von – "ach, irgend so einer deutschen Organisation". Beim letzten Besuch fuhren ihn seine Gastgeber in das Dorf, in dem er als Kind auf dem Bauernhof hatte arbeiten müssen. Als er vor seiner ehemaligen Unterkunft stand, rief plötzlich jemand seinen Namen: "Alexander! Dass du hier bist – ein Wunder!" Und Helmut, sein erster Freund, fiel ihm nach über 60 Jahren um den Hals.

 

"Es mag seltsam klingen", sagt Alexander Demidow, "aber in diesem Moment hatte ich das Gefühl, nach zu Hause kommen".

 

Merle Hilbk