Doppelt diskriminiert: Sinti*ze und Rom*nja in der Corona-Pandemie

Etwa zehn bis zwölf Millionen Sinti*ze und Rom*nja leben in Europa. Sie sind die größte und am stärksten von struktureller Diskriminierung und Armut betroffene Minderheit des Kontinents. In der Corona-Pandemie hat sich ihre Lebenssituation vor allem in Süd- und Mittelosteuropa zusätzlich verschärft. Aber auch in Deutschland wurden Sinti*ze und Rom*nja Opfer öffentlicher Stigmatisierung. Dagegen engagiert sich die Stiftung „Erinnerung, Vergangenheit und Zukunft“: Seit vielen Jahren fördert sie Projekte gegen Antiziganismus und für mehr Teilhabe. Ein Ansatz, der sich gerade auch in der Krise bewährt, wie ein Beispiel aus Hagen zeigt.

Die Fernsehbilder gingen im Frühjahr 2020 um die Welt: Armee und Polizei riegeln auf dem Höhepunkt der Coronakrise in Bulgarien und Rumänien ganze Stadtviertel ab, stellen die dort lebenden Rom*nja teils ohne konkreten Anlass, teils wegen einzelner Infektionen kollektiv unter Quarantäne. Siedlungen werden scharf kontrolliert, von Drohnen überwacht und sogar vom Flugzeug aus mit Desinfektionsmittel besprüht. In der Slowakei ordnet die Regierung militärisch organisierte Massentests in Quartieren an, die von Rom*nja bewohnt werden.


Rom*nja überproportional hart von Reaktionen auf die Pandemie betroffen

Solche stigmatisierenden und oft auf rassistischen Grundannahmen beruhenden Sondermaßnahmen sind in der Coronakrise keine Seltenheit: Das Europäische Zentrum für die Rechte der Roma (ECCR) dokumentiert in einem Bericht massive Menschenrechtsverletzungen in zwölf europäischen Staaten. Ob rassistisch motivierte Polizeischikanen, Medienhetze, Abriegelung in Siedlungen und Stadtvierteln ohne ausreichenden Zugang zu Wasser oder die Verweigerung von medizinischer Hilfe – Rom*nja, schon vor der Pandemie marginalisiert und sozial ausgegrenzt, seien von den Lockdown-Maßnahmen überproportional hart getroffen worden, so das Fazit des Reports. „Das passiert, wenn niemand hinsieht“, erklärte ECCR-Präsident Đorđe Jovanović anlässlich der Veröffentlichung des Berichts Anfang September vergangenen Jahres. Die Pandemie offenbare, wie „erbarmungslos“ Polizei und Behörden in der unübersichtlichen Situation mit Minderheiten umgingen. „Der Mangel an Mitgefühl und Solidarität mit den Roma ist äußerst beunruhigend.“

© Romano Drom Hagen e.V.

Leben am Rande des Existenzminimums

Vor dem Virus sind nicht alle gleich, denn besonders marginalisierte Gruppen trifft es am Härtesten. Laut einem Bericht der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) aus dem Jahr 2018 sind 80 Prozent Rom*nja in der EU von Armut bedroht. Gerade in Mittel- und Südosteuropa leben viele Rom*nja am Rande des Existenzminimums in Elendssiedlungen auf allerengstem Raum – ohne eigenen Wasseranschluss, Kanalisation oder funktionierende Müllabfuhr. Prekäre Bedingungen, die die Rom*nja in der Pandemie zu einer Risikogruppe machen. Mehr noch: Corona hat wirtschaftliche Not und Hunger vergrößert. Öfters unter prekären Umständen tätig, gehörten Rom*nja zu den ersten, die ihre Arbeit verloren oder aufgrund der Ausgangssperren nicht mehr ausüben konnten. Auch die Bildungsungerechtigkeit verstärkte sich: Um digital am Schulunterricht teilnehmen zu können, braucht es eine gesicherte Wohnsituation und gute IT-Ausstattung. Etwas, über das Rom*nja seltener verfügen: So waren ihre Kinder während des ersten Lockdowns überproportional häufig vom digitalen Fernunterricht ausgeschlossen, wie die FRA im August berichtete.


Corona fördert Rassismus

In der Pandemie sind Rom*nja zudem mit einem noch stärkeren, unverhohlenen Antiziganismus konfrontiert: In Bulgarien etwa verbreiteten Rechtsextreme das Gerücht, dass aus Westeuropa zurückkehrende Rom*nja das Coronavirus eingeschleppt hätten. Medienberichte vermittelten den Eindruck, dass Rom*nja Ausgangssperren missachten würden. Ein Vorwurf, der Sinti*ze und Rom*nja auch in Deutschland begegnet und einen typischen Mechanismus offenlegt: In Krisenzeiten werden schnell Schuldige gesucht und vermeintlich bei Minderheiten gefunden. Organisationen wie etwa der Berliner Verein RomaTrial, der sich gegen Antiziganismus engagiert, kritisieren die öffentliche Stigmatisierung von Rom*nja etwa im Zusammenhang mit der Einhaltung von Quarantäneregeln. Aussagen und Handlungen von Politiker*innen sowie Behörden trügen dazu bei, das mediale Bild von Rom*nja als einer „schwierigen Bevölkerungsgruppe“ zu verfestigen und bestehende Vorurteile zu bestätigen, monierte der RomaTrial-Vorsitzende Hamze Bytyçi in einem offenen Brief an den Bezirksstadtrat Berlin-Neukölln.


Zusammenarbeit mit Rom*nja-Selbstorganisation entschärft Konflikte

Dass es anders geht, zeigt das Beispiel Hagen. Bereits im April wurde hier ein ganzes Wohnhaus unter Quarantäne gestellt. Das führte auch hier anfangs zu Schwierigkeiten zwischen Bewohner*innen und den Behörden: Einzelne Bewohner*innen verließen das Haus, die Polizei reagierte mit der Einleitung einer Fahndung. Doch dann schaltete sich das städtische Quartiersmanagement ein. In Zusammenarbeit mit dem Verein Romano Drom Hagen – einer von derzeit 24 Rom*nja-Selbstorganisationen und Projekten, welche die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) in Deutschland fördert – konnte vermittelt werden. Kurz darauf war die Situation entschärft. „Die Bewohner hatten Angst, ihre Jobs zu verlieren“, erinnert sich Milena Yolova, zweite Vorsitzende von Romano Drom. Tatsächlich hätten Rom*nja ihre Arbeit bei Leihfirmen aufgrund längerer Krankheit nicht behalten, so Lajos Gabor, Vorsitzender von Romano Drom. Als Minijobber, die auf 450-Euro-Basis arbeiteten, hätten sie keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Die Kündigungsfrist beträgt nur vier Wochen. In der Krise seien so viele entlassen worden.


Qualifiziertes Team aus Erstsprachler*innen als Schlüssel zum Erfolg

In dieser Situation versucht Romano Drom zu unterstützen: Seit seiner Gründung 2019 berät der Bildungsverein im Tandem mit dem Quartiersmanagement der Stadt Hagen Zugewanderte aus Südosteuropa. Die Mitglieder begleiten unter anderem bei Behördenbesuchen, helfen Anträge zu stellen, übersetzen oder vermitteln im Konfliktfall. Auch Hausaufgabenbetreuung und Sprachförderung für Kinder organisiert Romano Drom. Während des Lockdowns ist das noch wichtiger als zuvor: „Viele Kinder haben während der Schulschließung kaum zuhause arbeiten können und liegen im Stoff zurück“, erklärt Yolova. In der Corona-Pandemie hat sich diese enge Zusammenarbeit zwischen Romano Drom und Quartiersmanagement besonders als Vorteil erwiesen: „Wir hatten sofort ein gut eingespieltes und qualifiziertes Team, das die Familien in der Quarantäne unterstützen konnte“, sagt Gabriele Schwanke, Leiterin des Quartiersmanagements in Hagen. Bereits 2017 habe die Stadtverwaltung begonnen, Beschäftigte mit Romanes als Erstsprache zu gewinnen und auszubilden. Dies zahle sich nun aus. Dass der Verein Romano Drom auf die Krisensituation flexibel reagieren und in seiner Tätigkeit teilweise umsteuern konnte, dazu trug auch die Stiftung EVZ bei: Corona-bedingte Ausgaben werden anerkannt, Aktivitäten konnten verschoben oder neu geplant werden.


Unterstützung für Rom*nja-Familien in Quarantäne

Auf dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle übernahm der Verein dann zusätzlich die Betreuung von rund 70 Familien, die unter Quarantäne standen: Die Mitglieder versorgten diese nicht nur mit Informationen, Masken und Desinfektionsmittel, sie kauften auch ein, verteilten Spielzeug- und Essenspenden und unterstützten das Gesundheitsamt bei der Organisation von Corona-Tests. „Über Wochen waren wir jeden Tag zu zweit im Einsatz“, sagt Lajos Gabor. Auch jetzt, inmitten der zweiten Welle der Pandemie, sind die Vereinsmitglieder wieder unterwegs. Immer besonders gefragt: ihre Sprachkenntnisse. Ob Romanes, Rumänisch, Bulgarisch oder Ungarisch – die meisten sprechen mehrere Sprachen. Das ermöglicht Verständigung, auf beiden Seiten. „Die Familien, die wir als Romano Drom unterstützen, sehen, dass wir gut mit den Behörden zusammenarbeiten“, erklärt Lajos Gabor. Das schaffe Vertrauen – auch über die Zeit der Pandemie hinaus.


Autorin: Sandra Schmid