Familiennarrative
Angst vor Vereinnahmung v. Rechtspopulisten

Studie zur Erinnerungskultur in Deutschland: MEMO Deutschlan 2020

Wie schauen die Deutschen auf die Zeit des Nationalsozialismus? "MEMO Deutschland - Multidimensionaler Erinnerungsmonitor" geht seit 2017 Fragen rund um Erinnern an und Verantwortung für NS-Unrecht nach. Die repräsentative Befragung unter 1.000 Personen wird von der Stiftung EVZ unterstützt. Das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld führt die Studie durch.

 

Gesamteindruck der Studie: In der deutschen Gesellschaft finden sich teils deutlich verzerrte Perspektiven auf die Zeit des Nationalsozialismus.

 

Vier Themenkomplexe aus MEMO 2020 werden hier in einer Kurz-Serie vorgestellt -

Teil 3:

Welche Familiennarrative haben Eingang in die deutsche Erinnerungskultur gefunden?

 

Die Auswertung zeigt ein sehr diverses Bild: So stimmen 57,8 Prozent der Befragten eher bzw. stark der Aussage zu, dass die Geschichte der eigenen Familie ein Teil der deutschen Erinnerungskultur ist. 17,8 Prozent sagen teils/teils. 23,5 Prozent, d.h. knapp jeder Vierte sieht seine Familiengeschichte nicht repräsentiert. Ist in der sogenannten „deutschen Erinnerungskultur“ kein Platz für die Familiengeschichten, weil sie von bestimmten Themen dominiert ist? Sind die Geschichten der verfolgten Gruppen, die jahrelang um Anerkennung kämpfen mussten, heute wirklich enthalten? Werden die Geschichten der Täter*innen und der Mitläufer aktiv verschwiegen? Oder werden sie nur im privaten Kontext erzählt und sind öffentlich nicht thematisiert? Welche nicht erzählten Dimensionen der Zeit des Nationalsozialismus haben noch keinen Eingang in einen gesellschaftlichen Diskurs gefunden? Liegt es an der spezifisch „deutschen“ Erinnerungskultur? Also werden keine Familiengeschichten erzählt, die außerhalb der damaligen Grenzen des deutschen Reiches stattgefunden haben und für Menschen relevant sind, die nach 1945 nach Deutschland gekommen sind bzw. noch viel später und welche die heutige diverse Gesellschaft bilden? Diese Zahlen, insbesondere vor dem Hintergrund der gesamten Studien verdeutlichen: Die deutsche Erinnerungskultur bzw. einen Konsens über die deutsche Erinnerungskultur gibt es nicht. Wie die Umfrage in den jährlichen Befragungen seit 2018 belegt, gibt es eine Vielzahl an Narrativen; an medialen Einflüssen; an Wegen der Auseinandersetzung und des Lernens sowie an privaten und öffentlichen Praktiken der Erinnerung und des Gedenkens.

Teil 4:

Die Sorge vor dem Verlust an die Erinnerung an die NS-Zeit und deren Vereinnahmung ist berechtigt

 

Eindrücklich zeigt sich aus den erhobenen Daten: 64,6 Prozent also zwei Drittel der Befragten machen sich Sorgen, dass die deutsche Erinnerungskultur von Rechtspopulisten vereinnahmt wird. Zudem äußerte rund die Hälfte der Befragten, 50,3 Prozent, eine grundlegende Sorge darüber, dass die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus „verschwinden“ könnte, wobei diese Sorge unter älteren Befragten stärker ausgeprägt ist als unter jüngeren.


Zu den geschichtsrevisionistischen Perspektiven von Rechtspopulisten zählen neben einer Relativierung des NS-Terrors und der Verunglimpfung von Opfergruppen des Nationalsozialismus auch die Glorifizierung deutscher Täter*innen und die Überbetonung deutscher Opferschaft. Die Ergebnisse von MEMO III legen zwar nicht nahe, dass solche extrem rechten Vorstöße in weiten Teilen der Bevölkerung auf Zustimmung stoßen würden. Es lässt sich jedoch kritisch festhalten, dass sie zumindest implizit anschlussfähig wären, weil sie sich an vielen Stellen bereits in den Antworten und Perspektiven auf die Geschichte des Nationalsozialismus widerspiegeln.


Für Befragte, die einen „Schlussstrich“ unter die NS-Geschichte ausdrücklich befürworten, kann eine offene Zustimmung zu Umdeutungen der NS-Geschichte vermutet werden. Jedoch hält der größte Teil der Befragten, die Beschäftigung mit den Ursachen dafür für immanent wichtig. Sie sprechen sich grundsätzlich für eine Erinnerung an die NS-Geschichte aus und wollen sich eigeninitiativ mit dieser auseinandersetzen. Zu vermuten ist aber auch, dass es sich nicht nur um bewusste und gezielte Verzerrungen handelt. Vielmehr kann angenommen werden, dass aufgrund der zeitlichen Distanz „Erinnerungslücken“ in Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus entstanden sind und entstehen, die anfällig machen für revisionistische Tendenzen, (sozial)psychologisch motivierte Umdeutungen oder den Einfluss einzelner medialer Darstellungen der NS-Zeit.


Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist eine ganz bewusste Verzerrung und Instrumentalisierung zu erkennen. „Querdenker“, die demonstrieren und Symbole der Verfolgung von Juden*Jüdinnen für sich beanspruchen, Gleichsetzungen der aktuellen Situation mit der Verfolgung von Anne Frank und Sophie Scholl. Im ganzen Corona-Jahr wurden bei Protesten und Demonstrationen gegen die Hygieneverordnungen zur Eindämmung der Pandemie immer wieder klar antisemitische Bezüge genutzt werden. Damit wird gerade die Sichtbarmachung von Opfern des Nationalsozialismus verharmlost, in einen völlig anderen Kontext gestellt und für eigene Zwecke missbraucht.