Lesen Sie Teil 1 der Kurz-Serie zu MEMO Deutschland
"
Welcher Begriff bezeichnet das Ende des Zweiten Weltkrieges?"

Studie zur Erinnerungskultur in Deutschland: MEMO Deutschland

Wie schauen die Deutschen auf die Zeit des Nationalsozialismus? "MEMO Deutschland - Multidimensionaler Erinnerungsmonitor" geht seit 2017 Fragen rund um Erinnern an und Verantwortung für NS-Unrecht nach. Die repräsentative Befragung unter 1.000 Personen wird von der Stiftung EVZ unterstützt. Das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld führt die Studie durch.

 

Gesamteindruck der Studie: In der deutschen Gesellschaft finden sich teils deutlich verzerrte Perspektiven auf die Zeit des Nationalsozialismus.

 

Vier Themenkomplexe aus MEMO 2020 werden hier in einer Kurz-Serie vorgestellt - Teil 2

Und was hättest Du getan?

In der Studie werden verschiedene Perspektiven zu den Gruppen der Täter*innen, Opfer und Helfer*innen erfragt. Der dunkelblaue Balken illustriert die Einschätzung zu welchen Anteilen die deutsche Bevölkerung selbst in den Nationalsozialismus involviert war. Hier ergibt sich eine annähernde Drittelverteilung auf die Begriffe. Der blaue Balken zeigt, was die Befragten über die Rolle der eigenen Vorfahren wissen. Weiterhin wurde gebeten einzuschätzen, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Befragten selbst zu den Täter*innen, Opfern oder Helfer*innen gezählt hätten (hellblauer Balken). Um die Antworten nicht zu verzerren, wurden in allen drei Fällen die Begriffe „Täter“, „Opfer“ und „Helfer“ bewusst offengehalten, also nicht näher definiert, sodass den Antworten die subjektiven Interpretationen der Befragten zugrunde liegen.

 

Die Einschätzungen in Bezug auf die Gruppe der Opfer ist zahlenmäßig relativ dicht beieinander. Anders verhält es sich mit den Einschätzungen zu Täter*innen und Helfer*innen. Während eingeschätzt wird, dass 34 Prozent der deutschen Bevölkerung zu den Täter*innen gehört haben, sind es hingegen nur noch 23,2 Prozent, die von Täter*innen in der eigenen Familie sprechen. Beim Thema Helferschaft verhält es sich umgekehrt: es wird angenommen, dass nur 15,4 Prozent aller Deutschen in der NS-Zeit potentiellen Opfern geholfen haben, aber ein doppelt so hoher Anteil der Befragten berichtet von Helfer*innen in der eigenen Familie (32,3 Prozent). Aufschlussreich ist die Frage des eigenen Verhaltens – so würden sich nur 10,5 Prozent der Befragten selbst zu den Tätern und Täterinnen zählen und knapp zwei Drittel, 65,3 Prozent, hätten damals potenziellen Opfern geholfen.

 

Die Zahlen zeigen einen breiten Interpretationsrahmen. Die positive Selbsteinschätzung könnte dahingehend interpretiert werden, dass sich die Befragten kritisch mit der Geschichte auseinandergesetzt haben und damit weniger anfällig für menschenverachtende Ideologien und zivilcouragierter geworden sind. Andererseits spielen womöglich eine Überschätzung der eigenen Handlungskompetenzen sowie eine Unterschätzung des Einflusses gesamtgesellschaftlicher Prozesse eine Rolle. Eine pessimistische Lesart der Ergebnisse wäre, dass die Befragten trotz ihrer Auseinandersetzung immer noch unterschätzen, wie schnell sich gesellschaftliche Normen verschieben. Gerade vor dem Hintergrund dieser Lesart erscheint eine vielfältige Erinnerungskultur notwendig. Neben einem „Erinnern an“ braucht es ein „Auseinandersetzen mit“ damit die Komplexität historischer Ereignisse und ihrer gesamtgesellschaftlichen Relevanz verständlich ist und sich daraus Lehren für die Gegenwart ziehen lassen.