Interview: Jugendliche simulieren Nürnberger Prozesse

Vor 75 Jahren begannen die Nürnberger Prozesse. Es war das erste Mal, dass führende Repräsentanten eines Staates für ihre Verbrechen vor einem internationalen Gericht zur Verantwortung gezogen wurden - damit wurde der Grundstein für ein Völkerstrafrecht gelegt.

Die meisten von uns kennen diese Prozesse aus Schulbüchern oder Filmen. 5.500 Jugendliche aus 56 Ländern haben diese Prozesse und jene des Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien sowie des Internationalen Strafgerichtshofes für Ruanda als Strafverfolger, Verteidigerin, Richter oder Journalistin selbst erlebt – in einer Simulation des Model International Criminal Court (MICC). Das Projekt der Kreisau-Initiative stellt Gerichtsverhandlungen über Verbrechen gegen die Menschlichkeit in ihren Endphasen nach. Die Stiftung EVZ fördert das MICC in verschiedenen Projekten seit über 12 Jahren.

Über die Simulation und besondere Geschichten sprach Katrin Kowark von der Stiftung EVZ mit Kerim Somun, Projektkoordinator, Kreisau-Initiative e. V. via Zoom.

Hallo Kerim Somun! Schön, dass wir zum MICC sprechen können. Wie würdest Du die Grundidee beschreiben?

Model International Criminal Court ist eine Simulation von Prozessen des Internationalen Strafgerichtshofs. Das Projekt ermutigt junge Menschen, sich mit Menschenrechten und deren Durchsetzung im Rahmen des internationalen Strafrechts zu beschäftigen. Teilnehmende sind Schülerinnen, Schüler und Studierende aus Deutschland und Polen und anderen Ländern der Welt. MICC fördert den Austausch nicht nur über Länder-, sondern auch über Konfliktgrenzen hinweg. Bis jetzt haben MICC Veranstaltungen in Südamerika, in Afrika, in Asien, Europa und auch in Amerika stattgefunden. Insgesamt hatten über 5.500 Jugendliche aus 56 Ländern die Möglichkeit, Teil der MICC Simulation in den letzten 15 Jahren zu sein.

Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum von MICC! Da habt Ihr sicher schon einige Prozesse durchgeführt - wie wählt Ihr die Fälle der Prozesse aus?

Vielen Dank. Wir haben drei verschiedene MICC Strukturen: MICC School, MICC World Programm und MICC University. MICC University beschäftigt sich mit fiktionalen Fällen, die aber aktuelle Prozesse des Strafgerichtshofs reflektieren. Bei den ersten beiden sind es immer dieselben fünf Fälle. Die Prozesse gegen Friedrich Flick und Albert Speer sind darunter, aber auch Fälle aus dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien und dem Internationale Strafgerichtshof für Ruanda.

Das besondere an den Fällen ist, dass wir versuchen die Zeit der Prozesse zu reflektieren aber auch den Bezug zu Heute herzustellen. Daher nutzen wir den Fall Friedrich Flick sehr oft. Wenn Jugendliche z.B. aus Deutschland, Polen und anderen Ländern zusammenkommen, dann bringen diese sehr schnell die aktuelle Perspektive aus ihren Ländern ein und das unterscheidet sich zwischen vielen Ländern doch schon sehr. Viele Jugendliche verbinden und ziehen Parallelen zwischen der Geschichte und heute. Im Fall Friedrich Flick kommen wir immer dazu über moderne Sklaverei und Zwangsarbeit weltweit zu sprechen. Wir versuchen nicht nur über Geschichte zu reden, sondern auch den Übergang in die Zukunft und Gegenwart zu thematisieren. MICC ist wie eine starke Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Also der bewusste Bezug zur Lebenswirklichkeit der Jugendlichen ist Teil des Projektes.

Es gibt einen Fall, wo ich immer Gänsehaut bekomme. Wir arbeiten immer mit Simulationen, aber letztlich ist es auch für uns schwer, sich von den Emotionen zu distanzieren. Und wir wissen auch nie, was die familiären Hintergründe der Jugendlichen und ihre Motivationen zur Teilnahme sind. Vor zwei Jahren hatten wir ein deutsch-polnisches-amerikanisches-israelisches MICC. Vor dem eigentlichen Prozess gibt es eine Vorbereitungszeit, um weniger Wettstreit zu haben, sondern Multiperspektivität. Sodass sie sehen, dass es verschiedene Meinungen in der Welt gibt. Wir hatten eine jüdische Teilnehmerin aus den USA, welche die Verteidigerin von Friedrich Flick sein wollte. Und während der Simulation stand die Teilnehmerin auf und erzählte ihre Geschichte: Ihre Großmutter und ihr Großvater arbeiteten in den Fabriken von Friedrich Flick. „Und jetzt fragt ihr Euch, warum ich Verteidigerin sein wollte“, schloss sie. Und dann erzählte sie die Geschichten ihrer Großeltern, das war sehr emotional für alle. Friedrich Flick hatte Schuld, aber nicht an allem, worüber wir diskutierten. Und dann hat sie so viele neue Argumente aus dem Erleben ihrer Großeltern – auch pro Flick – angebracht, die ein großes Dilemma in den Raum gebracht haben. Sollte er verurteilt werden? Denn das ist wichtig: jede Simulation hat ein anderes Ergebnis.

Wie ist diese Simulation ausgegangen?

Die Richter waren sehr gut vorbereitet und haben ihn am Ende freigesprochen. Nicht nur wegen der Rede, sondern auch wegen der weiteren Argumente der Verteidigung.

In den 15 Jahren in denen Ihr die Prozesse durchgeführt, wie sehr hat sich die Simulation verändert?

MICC ist nicht ein Projekt, das ein klassisches Seminarformat hat, wo man etwas erzählt und alle gehen nach Hause. Heute – alle haben Zugang zu Informationen – haben wir gemerkt, dass die Jugendlichen sehr gut vorbereitet und wir nicht mehr die Klügsten im Raum sind. Wir versuchen außerdem jedes neue politische oder gesellschaftliche Ereignis, das auf der Welt irgendwo passiert, in das Programm mit aufzunehmen. Wenn die meisten sich anmelden, denken sie, wir gehen zurück in die Zeit vor 40, 50 oder 70 Jahren. Nein. Wir versuchen, es immer aus dem Heute zu betrachten. Wir nehmen die Zeitdistanz und versuchen es neu zu diskutieren.

Für uns selbst stellt die größte Entwicklung das neue Projekt „Just Now – A Toolbox for Teaching Human Rights“ dar. Fast 70 Prozent der Inhalte des MICC Projektes haben wir in kürzere, methodische Workshop-Übungen überführt. Wir haben interaktive Zeitstrahlen und Animationsfilme entwickelt. Die stellen wir Lehrkräften kostenlos zur Verfügung, damit sie über die Teilnahme hinaus die Methoden in der Bildung anwenden können. Soviel passiert heute in der Welt, es ist so dringend, dass wir das Projekt unter mehr Menschen verbreiten.

Nächste Woche wird eine Simulation digital starten – Pandemie bedingt? Wie verändert sich die Simulation im digitalen Raum?

Vor einem Monat hatten wir MICC University komplett online umgesetzt – alle Teile der Simulation – inklusive Führung durch Kreisau. Es war ausgeglichener und inklusiver, alle sind auf der gleichen Welle. Alle haben die gleichen Möglichkeiten: Kamera ein oder aus, Mikrofon laut oder leise. Mehr Menschen können digital teilnehmen, denn einige können nicht reisen, aus finanziellen oder anderen Gründen. Allerdings waren die Zeitzonen zwischen Boston und Dhaka schon herausfordernd. Und eine Kollegin, welche immer den CO2-Austoß von MICC kritisiert hat, hat mich heute erst gelobt für die Null-Emissionen in 2020.

Die Stiftung EVZ hat die Anschubfinanzierung für das MICC Projekt gegeben und 12 Jahre gefördert. Konntet Ihr das Projekt in eine nachhaltige bzw. weiterführende Finanzierung bringen?

Das Projekt ist im Herzen von vielen Menschen. So bei der Stiftung EVZ, aber auch im EU-Programm Erasmus+, der Reinhard Frank-Stiftung, der Freya von Moltke-Stiftung für das Neue Kreisau, Deutsch-Polnisches Jugendwerk und anderen. Die EVZ hat lange MICC unterstützt und dann auch für einen Ableger des Projekts im Westbalkan den Anschub gegeben. Die Kreisau-Initiative e.V. wird mit den Partnern aus dem Westbalkan ein neues Projekt durchführen, das durch das Programm der Stiftung EVZ „Jugend erinnert“ in diesem Jahr gefördert wird.

 

Vielen Dank für das Gespräch!