Interview mit Dr. Andrea Despot


Frau Dr. Despot, Sie sind seit sechs Monaten im Amt – wie lautet Ihr Zwischenfazit in Bezug auf die Herausforderungen, vor denen die Stiftung steht?

Die aktuellen Herausforderungen sind immens – und akut: Den sicher geglaubten Erinnerungskonsens gibt es so nicht mehr. Denkt man nur an die bagatellisierenden Äußerungen der AfD zur deutschen NS-Vergangenheit und dem mörderischen Unrecht. Die Grenzen des Sagbaren haben sich klar nach rechts verschoben. Sprache und Denken haben sich radikalisiert und werden es – so fürchte ich – weiter tun. Fake News und Desinformationskampagnen sind Brandbeschleuniger und bringen Gewalt vom Netz auf die Straßen. Allein in Berlin gibt es aktuell jeden Tag mehr als zwei antisemitische Vorfälle. Auch rassistisch und antiziganistisch motivierte Gewalttaten steigen stetig, hierzulande und anderenorts in Europa. Bedenklich ist auch: Das Wissen über die nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen nimmt bei jungen Menschen kontinuierlich ab. Gleichzeitig verblasst erzählte und erlebte Geschichte, Zeitzeug*innen verabschieden sich von uns...

 

Wir als Stiftung EVZ werden in unserem künftigen Handeln auf diese Herausforderungen reagieren. Die Stiftung ist in diesem Jahr zwanzig Jahre alt geworden. Natürlich bleibt sie ihrem Gründungsauftrag treu, wie er in ihrer Geburtsurkunde, dem Stiftungsgesetz, benannt wurde. Ganz besonders, wenn es darum geht, Überlebende des Holocaust und Porajmos, ehemalige Zwangsarbeiter*innen und weitere „vergessene“ Opfer von NS-Verfolgung zu unterstützen.

 

Gleichzeitig müssen wir uns fragen: Wie halten wir die Erinnerung an das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte wach und gewinnen gleichzeitig junge Menschen dafür, sich im Hier und Jetzt für Toleranz, Humanität und Menschenrechte stark zu machen? Wie arbeiten und fördern wir, um unserem Auftrag gerecht zu werden, etwa in Bezug auf die Gefährdungen im Netz? Wir haben also, so ist mein Fazit, eine ganze Menge zu tun. Für die Zukunftsagenda sprudeln viele Ideen… Innovative Ansätze und zukunftsweisende Konzepte sind in Arbeit! Mit unserem hochengagierten Team haben wir begonnen, ein konkretes Arbeits- und Förderprogramm für das dritte Lebensjahrzehnt der Stiftung zu entwickeln. Dabei fangen wir nicht bei „Null“ an, sondern profitieren von unseren Projekten, Partner*innen und Netzwerken der Stiftung.


Ihre Ausführungen beleuchten das „Was“ der Förderung. Gleichzeitig rücken gesellschaftliche Entwicklungen das „Wie“ von Stiftungsarbeit immer stärker in den Fokus. Was haben Sie sich mit Blick auf eine neue Art von Förderpraxis vorgenommen?

Wir werden mehrere Wege einschlagen: Erinnern und Lernen am Puls der Zeit – diversitätssensibel, antisemitismuskritisch, an der Lebenswelt junger Menschen ausgerichtet und sie im besten Falle einbeziehend – sind dabei das A und O! Deshalb werden wir unsere Bildungsarbeit weiter ausbauen, insbesondere mit jungen Menschen aus ganz Europa und an ganz unterschiedlichen Lernorten.
Wir rücken auch das „Handeln“, den Anspruch zu verändern, in den Vordergrund. Wir werden die Förderung von Selbstorganisationen von Sinti*zze und Rom*nja intensivieren. Ziel ist, tradierter Ausgrenzung und Diskriminierung entgegenzutreten. Den Hebel dazu setzen wir bei Bündnissen und Empowerment an.
Unsere Förderung wird eine Linie zeichnen – zwischen dem Erinnern von Vergangenem einerseits und dem Erkennen heutiger Ausgrenzung und menschenrechtlicher Gefährdungen plus die Möglichkeiten für solidarisches, mündiges Handeln andererseits. Auch werden wir unseren Fokus auf Digitalität und digitale Räume forcieren – zum Beispiel durch die Förderung handlungs- und kompetenzorientierter Angebote. Ich denke an Projekte gegen Hate Speech und Desinformation oder digitale, gamifizierte Lernformate.

Sie selbst sind Expertin für historisch-politische Bildung – wo sehen Sie die Brücken zwischen Ihrer Expertise und dem Auftrag der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“?

 

Erinnerung bietet Orientierung im Hier und Jetzt. Durch das Verstehen der Gegenwart, im Sinne von Urteilsfähigkeit, kann es uns gelingen, aus mehreren denkbaren Zukünften die „beste“ Handlungsoption für unsere demokratische Gesellschaft herauszuholen.

 

Das ist das Grundverständnis der Stiftung EVZ und dafür ist historisch-politische Bildung zentral: Um aus der Geschichte zu lernen, nach einem moralischen Kompass zu handeln, Handlungsspielräume erkennen und nutzen zu können. All dies, um sich „im Bedarfsfall“ widerständig gegen Ausgrenzung und Menschenrechte zu verhalten. Etwas zugespitzt gesagt: Lebensnahe, partizipativ angelegte historisch-politische Bildung wirkt präventiv. Diese Bildung ist in der Lage, die Verantwortlichkeit für ein inklusives und offenes Gemeinwesen im Verhaltensrepertoire des Einzelnen zu verankern.   

 

Sie erarbeiten derzeit mit dem Stiftungsteam die Zukunftsagenda 2024 – wie sind hier die nächsten Schritte und was möchten Sie in 4 Jahren erreicht haben?

 

Die Zukunftsagenda umfasst ein konkretes Arbeits- und Förderprogramm für die nächsten Jahre, Modernisierung der Förderpraxis, die Re-Organisation im Inneren der Stiftung EVZ und eine stärkere Präsenz in der Öffentlichkeit – im Sinne unseres Gründungsauftrages. 

Seit Juni 2020 hat der neue Vorstand mit dem gesamten Stiftungsteam ein neues Kapitel aufgeschlagen und nach intensiven internen Beratungen auch schon Maßnahmen ergriffen – es gehen im neuen Jahr neue Förderprogramme an den Start. In den nächsten Wochen und Monaten werden wir digitale „Runde Tische“ organisieren, um mit unseren Partner*innen und Mitstreiter*innen aus Zivilgesellschaft, Pädagogik, Wissenschaft, Kultur und Medien verstärkt in den Austausch zu gehen.
In vier Jahren wollen wir nicht nur mehr junge Menschen erreicht und wegweisende Vorhaben gefördert haben, sondern auch den genannten Herausforderungen substanziell und effektiv entgegengetreten sein. Und wir wollen Allianzen mit Partnerorganisationen schließen, um unsere Reichweite und Wirkungskraft zu erhöhen.

 

Welche Rückmeldung, welches Projekt, welche Begegnung in Ihrer neuen Wirkungsstätte hat Sie besonders erstaunt?

 

Puh, da gibt es mehr als eine Überraschung. Eine Zahl aber hat mich tief beeindruckt: Mit der Projektförderung hat die Stiftung EVZ im letzten Jahr knapp 37.000 Überlebende aller Opfergruppen erreicht, die meisten davon in Polen und Israel.