© Amélie Losier/Raum11

Interview mit Elke Braun


Elke Braun, wie sind die Stiftung EVZ und Du zusammengekommen?

 

Ich habe mich im Frühjahr 2002 auf eine Stelle als Referentin für das Programm Psychosoziale und medizinische Betreuung von NS-Opfern beworben. Zuvor hatte ich in der internationalen humanitären Zusammenarbeit Förder- und Projekterfahrungen in Osteuropa und auf dem Balkan gesammelt. Während des Studiums in Leningrad und späterer Besuche in St. Petersburg hat mich beeindruckt, wie offen und versöhnend Überlebende der Shoah und ehemalige NS-Zwangsarbeiter:innen mir begegneten. Daher habe ich mich sehr gefreut, an dieser wichtigen Aufgabe mitarbeiten zu dürfen. Das – leider sehr späte – Engagement der Stiftung für die ehemaligen NS-Zwangsarbeiter:innen war ein wichtiger Schritt in der Entschädigungsgeschichte Deutschlands, weil erstmals auch die Menschen in Osteuropa erreicht wurden.  

 

Was ist das Besondere an der Arbeit im Förderbereich der Stiftung EVZ?

 

Die Stiftung vergibt Geld, damit andere Gutes tun können. Konkret: Wir unterstützen Vereine, die sich für Überlebende der NS-Verfolgung vor Ort engagieren. Das ist eine hohe Verantwortung. Bei der Auswahl der Projekte arbeiten wir mit Expert:innen aus den Ländern Osteuropas zusammen und beraten jeden Antrag nach zuvor festgelegten Kriterien. Dann schließen wir Verträge. Am spannendsten ist jedoch die Begleitung, Vernetzung und das Monitoring der Projekte. Da haben wir die seltene Gelegenheit, Projektergebnisse zu sehen, den geförderten Menschen zu begegnen und ihre Lebenssituation, ihre Arbeit kennen zu lernen. Viele Überlebende sind auch 80 Jahre nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion immer noch ehrenamtlich in Selbsthilfegruppen aktiv.

 

Vor welchen Herausforderungen stehen die von Dir betreuten Projekte und Programme aktuell?

 

Die große Herausforderung ist die andauernde Covid-19-Pandemie. Die NS-Verfolgten, die altersbedingt nur noch wenige soziale Kontakte haben, vereinsamen noch mehr. Ängste und verfolgungsbedingte Traumata werden in solchen Krisen leicht reaktiviert. Die Projektmitarbeiter:innen müssen sehr flexibel auf diese Situation reagieren. Sie dürfen keine Besuche mehr machen, keine Physiotherapie oder Veranstaltungen organisieren. Das erforderte von allen viel Flexibilität: Psycholog:innen und Sozialarbeiter:innen haben die Klienten regelmäßig angerufen, Freiwillige die Einkäufe und Hygieneartikel an der Haustüre abgegeben. Die Projektträger organisierten digitale Teestuben, Seminare oder drehten kleine Lehrfilme zur Fortbildung der Angehörigen. Im Sommer ist es etwas leichter, weil Treffen an der frischen Luft möglich sind.

 

Aktuell haben wir uns das Ziel gesetzt, unsere Förderung noch wirkungsorientierter zu machen, um den Überlebenden ein Alter in Würde zu ermöglichen. Die NGOs müssen ihre Angebote flexibel den sich ändernden Bedarfen der alten Leute anpassen. Die Mobilität und der Gesundheitszustand der Überlebenden können sich täglich ändern. Manche sind noch im hohen Alter mit 95 Jahren aktiv, viele benötigen jedoch Pflege und Betreuung. In Belarus und Russland kommen auch noch politische Risiken für die zivilgesellschaftlichen Organisationen dazu, die Fördermittel aus dem Ausland erhalten.  

 

Was war Dein Highlight in der Arbeit für die Stiftung?

 

Davon gibt es viele. Die großen und kleinen Spenden und Nachlässe, die wir für unsere Arbeit mit den Überlebenden erhalten haben. Das tolle Engagement von hunderten Engagierten in Osteuropa. Aber vor allem: Die Begegnungen mit Überlebenden, die ich kennenlernen und ein Stück ihres Weges begleiten durfte.

Eine von ihnen, Ljudmila Wenjaminowna Kotscherzhina, hatte ihren Vater im Gulag verloren und wurde als Kind zur Zwangsarbeit nach Süddeutschland verschleppt. Sie hat 30 Jahre den Verband der ehemals minderjährigen NS-Opfer in Dnipro geleitet. Leider ist sie im März dieses Jahres an Covid verstorben.

Ihre Organisation haben wir seit dem Jahr 2003 gefördert. Ljudmila Wenjaminownas Projekt strahlte in die Region Dnipropetrovsk aus, hatte Modellcharakter für kleinere Organisationen. Sie hat die Arbeit rechtzeitig in die Hände eines engagierten Teams gegeben, so dass ihr Erbe in guten Händen ist und weiter Früchte trägt. Neben ihrem sozialen Engagement für die Überlebenden in Dnipro ist sie bis zuletzt als in einem Zeitzeug:innentheater aufgetreten und hat sich für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus sowie der sowjetischen Geschichte engagiert. Sie war ein wunderbarer Mensch, klug, mutig und weitsichtig. Ich bin froh, dass ich sie kennenlernen durfte.