© Amélie Losier/Raum11

Interview mit Martin Bock


Martin Bock, wie sind Sie und die Stiftung EVZ zusammengekommen?

Martin Bock: Ich habe mich im Sommer 2002 auf eine Stelle als Programmleiter hier im Förderbereich der Stiftung beworben und diese nicht bekommen. Doch dann, im Herbst 2002, wurde ich angerufen und gefragt, ob ich noch einen Job suche, denn in der Stiftung war eine Stelle als Leiter eines Prüfteams im Bereich der Auszahlung ausgeschrieben. Daraufhin habe ich den Verwaltungsleiter angerufen und ihn gefragt, ob er mir die Unterlagen schicken könne, was er bejahte. Da habe ich ihn gefragt, bis wann die Ausschreibungsfrist sei, und er antwortete: „bis heute Mittag um 14 Uhr – ich wäre aber bereit, diese bis morgen zu verlängern.“ Und so hatte ich mich beworben.

Und die Bewerbung haben Sie wahrscheinlich 2002 noch ausgedruckt und persönlich in die Stiftung gebracht?
Martin Bock: Ja, natürlich. Die habe ich in den Briefkasten geworfen und anschließend einen Vertrag über sechs Monate erhalten. Bevor ich am 2. Dezember 2002 die Arbeit in der Stiftung aufnahm, gab es Ende November eine Weihnachtsfeier. Ich saß neben einem älteren Herrn namens Bräutigam – damaliger Vorstand der Stiftung – und er fragte mich, wer ich sei. Ich stellte mich vor und antwortete, dass ich für die nächsten sechs Monate einen Job in der Stiftung machen würde. Darauf erwiderte er: „Hier ist bis jetzt noch jeder länger geblieben…“


… als sechs Monate. Und er hat recht behalten.
Martin Bock: Ja, er hatte recht.

 „Leiter eines Prüfteams“: Was kann man sich darunter vorstellen?
Martin Bock: Von 2001 bis 2006 gab es verschiedene Auszahlungsprogramme der Stiftung EVZ. Das bekannteste war das für ehemalige Zwangsarbeiter*innen.
Die jeweiligen Antragsteller mussten die Anträge an sechs verschiedene Partnerorganisationen verschicken. Vier von den Organisationen bearbeiten die Anträge der ehemalige Zwangsarbeiter*innen aus Osteuropa und zwei, genauer die Jewish Claims Conference (JCC) und die Internationale Organisation für Migration (IOM), übernahmen die Anträge aus den anderen Teilen der Welt.
Noch vor Ort wurden die Anträge bearbeitet und wurde über sie entschieden. Nach der Entscheidung wurden sie an die Stiftung EVZ weitergeleitet, wo überprüft werden musste, ob über diese gesetzeskonform entschieden worden war. Außerdem musste geprüft werden, ob bei verschiedenen Partnerorganisationen ähnliche Fälle und Erzählungen von Zwangsarbeiter*innen auftraten, die dann entsprechend gleich entschieden werden mussten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Zwei Brüder, der eine lebt in der Ukraine, der andere in Russland, die beide Zwangsarbeit zu leisten hatten, stellen bei zwei unterschiedlichen Organisationen einen Antrag auf Entschädigung. Sie erlebten das gleiche Schicksal und sollten entsprechend die gleiche Entschädigungssumme erhalten.
Neben diesem Auszahlungsprogramm für ehemalige Zwangsarbeiter*innen gab es noch weitere: unter anderem eines für sogenannte „sonstige Personenschäden“. Entschädigungsberechtigt waren Opfer medizinischer Versuche zur Zeit des Nationalsozialismus und Menschen, die als Kinder Opfer des Regimes wurden.
Während es für dieses Programm ein Prüfteam gab, gab es für die Zwangsarbeiter*in-Entschädigung drei Teams, die regelmäßig entschiedene Anträge, Ablehnungen und Bewilligungen geschickt bekamen und diese auf Dopplungen prüften und in die Organisationen fuhren, um stichprobenartig die Anträge zu sichten und zu kontrollieren.
Als Leiter des Prüfteams war das jahrelang meine Aufgabe in der Stiftung – erst im Bereich für „sonstige Personenschäden“, später dann für Anträge bei der IOM in Genf und bei der JCC in Frankfurt und der Stiftung Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds.

Die Fördertätigkeit war bereits seit Gründung ein kleiner Teil der Stiftungsarbeit und wurde irgendwann zum sichtbarsten, vielmehr zum ausschließlichen.
Martin Bock: Genau, nach dem Ende der Auszahlungen ging es darum, zu überlegen, in welchem Format die Förderung stattfinden sollte. Erst dann ist die Säulenstruktur der Förderung entstanden: Erinnerung, Verantwortung und Zukunft – also Geschichte, Menschenrechte und humanitäre Projekte. Und dann ging es darum, eine typische Förderstiftung aufzubauen.


Wie viele Positionen und Stationen haben Sie bis heute in der Stiftung gehabt?
Martin Bock (lacht): Ich war Prüfteam-Leiter, dann Bereichsleiter, dann wurde ich der dritte Teamleiter im Förderbereich, wurde dann Programmleiter, dann wechselte ich zur Verwaltung und war zuständig für Anfragen zum Archiv und zur Entschädigungszahlung, was ich ohnehin nebenher die ganze Zeit getan habe, und jetzt bin ich aktuell im Vorstandsreferat.


Das sind dann jetzt sieben unterschiedliche Positionen?
Martin Bock: Ja, ich habe auch die Prüfteams im Auszahlungsbereich gewechselt. Zwischen fünf und sieben verschiedene Positionen habe ich wohl in den Jahren besetzt.


Welche Rückmeldungen, Begegnungen oder Projekte haben Sie in den 18 Jahren besonders beeindruckt?
Martin Bock: Das, was mich am meisten bewegt hat, waren die Begegnungen mit Überlebenden oder mit Vertretern und Vertreterinnen der Partnerorganisationen.
So saß ich einmal mit einem Ehepaar und einem Herrn beim Abendessen zusammen. Die drei hatten den Holocaust überlebt und kannten sich schon seit ihrer Inhaftierung im Ghetto Łódź. Die beiden Herren unterhielten sich über ihre Zeit im Ghetto, wie sie Schuhnägel anfertigen mussten. Beide sprachen darüber wie über fröhliche gemeinsame Arbeitserinnerungen. Die Ehefrau sagte zu mir „die beiden werden immer albern, wenn sie über das Ghetto reden“. Das hat mich in mehrfacher Hinsicht berührt und zum Nachdenken gebracht. Zum einen zeigte es mir, dass sie einen Weg gefunden hatten, mit diesem schweren Schicksal zu leben und die Kraft hatten, es umzudeuten und darüber zu lachen. Zum anderen musste ich an viele Begegnungen mit Kindern von Holocaust-Überlebenden denken, die mit der Sprachlosigkeit, den Verletzungen und Albträumen ihrer Eltern aufgewachsen sind und davon selbst traumatisiert wurden. Die hatten und haben keine Deutungshoheit über das Schicksal ihrer Eltern und kaum eine Möglichkeit, ihren Frieden zu finden. Ich glaube, das ist der Grund, weshalb die Nachkommen der Opfer oft sehr fordernd und zornig in Gesprächen waren.
Es gab viele sehr beeindruckende Persönlichkeiten, die ich kennengelernt habe, und darüber könnte ich stundenlang erzählen. Um nur zwei zu nennen: Noach Flug, ehemaliger Kurator und Vertreter der Claims Conference und Vorsitzender des Internationalen Auschwitzkomitees, der zu jeder Kuratoriumssitzung in Begleitung seiner Frau kam. Die beiden waren unzertrennlich und ich dachte mir manchmal: so möchte ich mal alt werden.
Ein Projekt, das sich mir besonders eingeprägt hat, kommt von der „Projektgruppe Zwangsarbeit“, die mit Schulklassen zu dem Thema „Zwangsarbeit vor Ort“ Forschungen anstellte. Die Schüler*innen gingen los und führten Interviews, befragten Eltern nach Zwangsarbeit vor Ort und trugen ihre Ergebnisse in den Schulen vor. Jedes Mal kamen Schreiben von Anwälten, die zu verhindern versuchten, dass Bilder von Institutionen oder Geschäften in den Städten, wie bspw. Metzgereien, mit Zwangsarbeit in Verbindung gebracht würden. Die Schüler*innen haben immer ganze Gemeinden aufgemischt und tolle Projekte realisiert.


Alles Gute für Ihre Arbeit und vielen Dank für das Interview!