80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941

Am 22. Juni 1941 überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion und begann damit einen rassistisch motivierten Vernichtungskrieg. Der Feldzug hatte das Ziel der Annexion von „Lebensraum“ sowie die wirtschaftliche Ausbeutung der eroberten Gebiete und der dort lebenden Bevölkerung als Zwangsarbeiter:innen. Die SS beging zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung, denen mehr als eine halbe Million jüdische Menschen, Sinti:ze und Rom:nja, Kriegsgefangene und politische Häftlinge zum Opfer fielen. Die Stiftung EVZ erinnert und erzählt in den kommenden Tagen die Schicksale der Opfer, die bis heute in der Erinnerungskultur unterrepräsentiert sind: sowjetische Kriegsgefangene und die sogenannten „Ostarbeiter:innen“.

Foto: Lesya Kharchenko

Erinnerungen von Olga Chebotaryova

 

„Ich wurde 1929 in Wizebsk, Belarus geboren. Mein Vater arbeitete bei der Eisenbahn, meine Mutter war Hausfrau. Unsere Familie hatte fünf Kinder - drei Söhne und zwei Töchter. Niemand erwartete einen Krieg.

Aber am 22. Juni 1941, um 5 Uhr morgens, begann die Bombardierung von Wizebsk, die Sirenen ertönten. Sie bombardierten einen Flugplatz in der Nähe. Es war dunkel vom Rauch, überall explodierten Granaten. Die Leute versteckten sich in den Schluchten.

Einige Tage später kamen die Deutschen in die Stadt. Die Verhaftungen begannen sofort und ganze Familien wurden weggebracht. Es gab viele Gefangene. Die Verwundeten wurden erschossen. Tote Frauen und Kinder wurden in Schluchten begraben. In Wizebsk organisierten die Deutschen ein Konzentrationslager, das sogenannte „5. Regiment“, und internierten dort fast die gesamte Bevölkerung - Frauen, Kinder, ältere Menschen. Diese Leute wurden gesammelt, um nach Deutschland geschickt zu werden.

Olga und ihre Mutter und jüngere Schwester waren 3 Monate in diesem Lager. Sie wurden mit Balanda gefüttert [eine wässrige Suppe] und erhielten einmal am Tag 300 Gramm abgestandenes dunkles Brot. Nach einiger Zeit schickten die Deutschen alle in das polnische Lager Treblinka, wo eine Selektion durchgeführt wurde, die alten und kranken Menschen wurden ermordet. Olga, ihre Schwester und Mutter wurden dann in ein Quarantänelager geschickt, wo sie 3 Monate verbrachten.

Nach der Quarantäne wurden sie von der Arbeitsvermittlung zum Verkauf angeboten- vier Mark pro Person. Sie wurden von einem körperlich behinderten Bauern gekauft, der ohne Arm vom Krieg zurückkehrte. Die Farm war groß und versorgte die Wehrmacht mit Lebensmitteln - Milch, Fleisch, Gemüse. Viele Zwangsarbeiter:innen verschiedener Nationalitäten arbeiteten dort- lebten in Baracken, schliefen in Dreietagenbetten und hatten nur eine Strohmatratze und eine Decke. Die Kleidung war gestreift und die Schuhe aus Holz.“

Erinnerungen von Oleksandr Pavlovich Khomenko

Oleksandr Pavlovich Khomenko ist 1923 in der Ukraine im Gebiet Shytomyr geboren.
Er war drei Jahre lang sowjetischer Kriegsgefangener in Lagern in Bayern. Nach dem Krieg arbeitete er als Physik- und Mathelehrer. Er wird von unserem Projektpartner KONTAKTE-KOHTAKTbI e. V. in Kooperation mit der Stiftung „Verständigung und Toleranz“ in Kiew unterstützt. Sie sind seit 2006 in Kontakt. Seine Briefe kann man sofort erkennen an der immer noch typischen festen, kleinen Handschrift. Er schrieb: „Die Zustände im Lager und die Pflicht gegenüber der Heimat trieben uns zur Flucht; ich habe mehrmals die Flucht versucht, aber jedes Mal ohne Erfolg. So bin ich im April zusammen mit drei anderen aus dem Arbeitskommando in der Fabrik Isar geflohen. Wir schafften es bis zur Donau südlich von Straubing, aber weiter kamen wir nicht.“
Er wurde nach jedem Fluchtversuch mit Einzelhaft und Verlegung in ein Strafkommando bestraft.
2020 bekamen er und seine Frau eine neue Spüle, eine Therme in der Küche und einen neuen Wasseranschluss und nach langer Zeit haben beide wieder fließendes Wasser.