Veranstaltungsbericht

Die Erinnerung Leben

Heute vor 75 Jahren begann die Blockade der Stadt Leningrad durch die deutsche Wehrmacht. Die Belagerung dauerte zweieinhalb Jahre und kostete über eine Millionen Menschen das Leben. Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) ließ am 6. September eine Zeitzeugin zu Wort kommen, um an den Jahrestag zu erinnern.

Dr. Irina Burghardt hat keine weite Reise hinter sich, als sie das Podium im Foyer der Stiftung EVZ in der Lindenstraße betritt. Sie lebt schon seit vielen Jahren in Berlin. 1937 geboren, hat sie als kleines Kind die Belagerung Leningrads überlebt. In Berlin wohnen um die sechzig „Blokadniki“, wie sich die Überlebenden der Blockade selbst nennen. Nicht wenige von ihnen sitzen an diesem Abend im Publikum. „Lebende Erinnerungen“, so heißt ihre Gruppe, die sich im Verein „Club Dialog“ regelmäßig trifft. Die Stiftung EVZ unterstützt dieses Projekt seit 2016.

 

In seiner Begrüßung weist der Stiftung EVZ Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Eberhardt darauf hin, dass es innerhalb der deutschen Erinnerungskultur immer noch schwer falle, den Blick nach Osten zu richten und das Ausmaß des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges zu begreifen.

 

Dr. Andrea Zemskov-Züge, die den Einführungsvortrag hält, bestätigt diesen Eindruck. Die Blockade von Leningrad sei - vor allem in Westdeutschland - lange nicht als bewusst herbeigeführte humanitäre Katastrophe betrachtet, sondern eher als militärisches Ereignis gesehen worden, so die Historikerin.

 

Die Erinnerungen von Irina Burghardt sind die eines Kindes. Sie war vier Jahre alt, als sie mit ihren Eltern in die Blockade geriet. Es sind Bilder, Geräusche, Gerüche, die bis heute lebendig sind. Da ist das laute Schnarchen des todkranken Onkels, der zur Zeit der Hungersnot bei der Familie war und schließlich an Entkräftung starb. Sein Leichnam lag noch einige Tage im dunklen Flur der Wohnung, bevor er zu einem der Sammelpunkte gebracht werden konnte. Noch heute graust es Frau Burghardt vor dunklen Räumen. Da ist der Sack Kartoffeln, der der Familie buchstäblich das Leben gerettet hat. Der Vater hatte ihn ertauscht und streng über die Austeilung der Rationen gewacht. Eine Kartoffel am Tag bekam die kleine Irina zusätzlich zu den 125 Gramm Brot. Frau Burghardt möchte viel erzählen, ihre Geschichte mitteilen. Die Erinnerungsfragmente verbinden sich mit Berichten der Eltern, mit Erklärungen und Einordnungen, die später dazugekommen sind. Es ist ein Mosaik des Schreckens, das sich auftut. Anja Kräutler, Stiftung EVZ Programmleiterin, die das Gespräch moderiert, versucht einfühlsam den Erinnerungsstrom in eine Bahn zu lenken, sodass die Zuhörer im Publikum das Gehörte einordnen können.

 

Dr. Natalia Roesler, die ebenfalls auf dem Podium sitzt, kennt diese und auch die anderen Geschichten der „Blokadniki“ sehr gut. Sie ist Projektleiterin bei „Club Dialog“ und ist beeindruckt von der Energie und dem Mut der Mitglieder von „Lebendige Erinnerungen“. Um so ernüchternder ist es für sie, dass diese alten Menschen nicht viel zum Leben haben. Das liegt unter anderem daran, dass sie in Deutschland nicht als offizielle Opfergruppe anerkannt sind. So werden ihnen beispielsweise Zahlungen, die sie vom russischen Staat bekommen von ihrer Rente in Deutschland abgezogen.

 

Inzwischen ist der offizielle Teil der Veranstaltung vorbei, doch eine weitere alte Dame meldet sich  energisch zu Wort. Auch sie möchte von ihren Erlebnissen berichten. Sie bekommt das Mikrofon und beginnt zu erzählen. In den Reihen der Gäste von Club Dialog rumort es. Dr. Leonid Berezin, selbst Blockade-Überlebender übernimmt die Moderation und beruhigt die Gemüter. Er verweist auf das nächste anstehende Treffen der „Lebendigen Erinnerungen“, auf dem jede und jeder Zeit zum Erzählen bekomme. Das Erinnern an das Unfassbare beschränkt sich eben nicht auf diesen einen Abend. Für die Überlebenden findet es jeden Tag statt.


Autorin: Anna Lena Vaje