© Stadtarchiv Weiden
Das Projekt untersucht die Bahn als System des NS: lokal an der Strecke Weiden–KZ Flossenbürg und übergreifend durch die Analyse von über 100.000 Gefangenentransporten im Storytelling-Format.
In der bayerischen Oberpfalz liegt der kleine, malerische Ort Flossenbürg. Viele, die einmal dort gewesen sind, beschreiben ihn als eine etwas verschlafene Postkartenidylle: eine hügelige Landschaft, über der erhaben eine Burgruine thront. Zu ihren Füßen schmiegen sich die Häuser des Ortes an den Hang. Rundherum liegen kleine Weiher und Wälder – und vor allem sehr viel Gestein.
Die Zuganbindung ist zunächst nicht optimal: Zwar führt eine Eisenbahnstrecke direkt nach Flossenbürg, sie wird jedoch vorerst ausschließlich für Gütertransporte genutzt, insbesondere für den Transport von Granit. Urlauber fahren in Richtung Flossenbürg mit einer „Zuckelbahn“, wie sich ein Zeitzeuge an den kleinen Zug in den 1930er Jahren erinnert. Sie müssen jedoch in der Stadt Floß aussteigen und die verbleibenden Kilometer zu Fuß zurücklegen – stets bergauf.
1939 wird an den Wochenenden ein Regionalzug eingeführt, der direkt nach Flossenbürg fährt. Der zentrale Verkehrsknotenpunkt der Region bleibt jedoch der Bahnhof Weiden in der Oberpfalz, an dem regelmäßig Hunderte, manchmal Tausende Menschen aussteigen müssen. Sie sind keine Urlauber und kommen auch nicht freiwillig nach Weiden. In alten Kursbüchern steht neben Weiden der Vermerk: „Bhf. KZ.-Lager Flossenbürg“.
Zwischen 1938 und 1945 waren im Konzentrationslager Flossenbürg und seinen Außenlagern etwa 84.000 Männer und 16.000 Frauen inhaftiert, unter ihnen auch Kinder und Jugendliche. Etwa ein Drittel von ihnen kam ums Leben. Doch die Entmenschlichung der Häftlinge begann nicht erst an den Toren des Konzentrationslagers, sondern spätestens auf dem Weg dorthin – meist in aller Öffentlichkeit, im Kreislaufsystem der modernen Gesellschaft, das zivile Reisende und KZ-Gefangene gleichermaßen nutzten: auf der Eisenbahn.
Das Projekt beschäftigt sich mit den Häftlingstransporten in das Konzentrationslager Flossenbürg und aus dem Lager heraus. Wir haben Daten zu insgesamt mehr als 100.000 transportierten Gefangenen analysiert und daraus ein Bild davon entwickelt, wie das System der Häftlingstransporte funktionierte. Die Ergebnisse des Projekts werden demnächst in einem Storytelling-Special auf dekoder.org veröffentlicht.
Eine Erkenntnis wollen wir jedoch vorwegnehmen: So abgeschieden Flossenbürg auch erscheinen mag – die Geschichte seines Konzentrationslagers spielte sich nicht außerhalb der Gesellschaft ab. Sie vollzog sich unter den Augen zahlreicher Menschen, die ebenfalls die Eisenbahn als Transportmittel nutzten. Gerade diese Gleichzeitigkeit von alltäglichem Leben und systematischer Entmenschlichung entlarvt die Erzählung von der „unwissenden Zivilbevölkerung“ als das, was sie ist: eine Mär.
Das crossmediale Projekt „Letzter Halt: Flossenbürg“ widmet sich der Geschichte der heute teilweise nicht mehr existierenden Eisenbahnstrecke von Weiden nach Flossenbürg in der Oberpfalz. Seit 1938 wurde sie für den Transport von Zehntausenden KZ-Häftlingen sowie für den Abtransport der Erzeugnisse ihrer Zwangsarbeit genutzt. Die Strecke Weiden–Flossenbürg entwickelte sich zu einer der wichtigsten Verbindungen zwischen dem KZ-Flossenbürg und anderen Lagern.
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dekoder wurde zweimal mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet, zuletzt 2021 für seine wissenschaftsbasierten Specials. 2024 war dekoder mit dem Projekt „Der Krieg und seine Opfer“ zur Geschichte der zivilen Opfer im deutsch-sowjetischen Krieg für den Preis nominiert. Außerdem erhielt dekoder 2021 den Karl-Wilhelm-Fricke-Preis für herausragendes Engagement für Freiheit, Demokratie und Zivilcourage.
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