© AKuBiZ e.V.
Das Projekt beleuchtet die Sächsische Schweiz als Ort von NS-Zwangsarbeit und Gewalt. Radtouren, ein Radführer und ein Gedenkzeichen in Königstein machen die Geschichte sichtbar.
Das Projekt „Verborgene Stationen – Zwangsarbeit in der Sächsischen Schweiz“ widmet sich der nationalsozialistischen Geschichte der Region. Bis 1939 war die Sächsische Schweiz ein beliebtes Reiseziel, dessen touristische Entwicklung von den Nationalsozialist:innen gezielt gefördert wurde. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs verschob sich der Schwerpunkt jedoch deutlich: Anstelle von Urlaubsgästen kamen nun Soldaten zur Erholung und ab der zweiten Kriegshälfte zunehmend Zwangsarbeiter:innen. In mehreren Untertageverlagerungen der Region sollte vor allem synthetisches Benzin produziert werden. Allein in Königstein arbeiteten über 1000 Zwangsarbeiter:innen in Stollen, in denen Hydrierwerke errichtet werden sollten. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Reichsbahn. Sie diente der Deportation von Häftlingen und sollte auch die Endprodukte abtransportieren.
Die Basteibrücke. Vom Ferdinandstein gesehen. Nach einer Aufnahme von Römmler und Jonas in Dresden
Die Sächsische Schweiz wurde Anfang des 19. Jahrhunderts touristisch erschlossen. Zunächst reiste vor allem das wohlhabende Bürgertum an, doch mit dem Aufkommen von Bergsport sowie Bahn- und Busverbindungen kamen gegen Ende des Jahrhunderts auch Besucher:innen aus dem Arbeiter:innenmilieu. Auch nach dem Ersten Weltkrieg blieb die Region ein beliebtes Ausflugsziel. Nach 1933 änderte sich daran wenig: Trotz der zeitweisen Ablehnung des Namens „Sächsische Schweiz“ wurde der Tourismus weiter gefördert, etwa durch Urlaubsangebote der NS-Organisation „Kraft durch Freude“, die Erholung und körperliche Betätigung im Sinne der Ideologie propagierte.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wandelte sich die Region deutlich. Statt Tourist:innen prägten Militär und Kriegsinfrastruktur das Bild: Auf der Festung Königstein entstand ein Kriegsgefangenenlager, Soldaten nutzten die Region für Fronturlaub oder Genesung, und Zwangsarbeit war verbreitet. Zudem gewann die Sächsische Schweiz für die Rüstungsindustrie an Bedeutung.
Ab 1943 verlor die deutsche Luftwaffe zunehmend die Kontrolle über den Luftraum, wodurch alliierte Bombardierungen deutscher Städte und Rüstungszentren stark zunahmen. Als Reaktion wurde die Rüstungsindustrie verlagert – zunächst in ländliche Gebiete, später auch untertage. Sachsen bot dafür durch seine Lage und bestehende Infrastruktur günstige Bedingungen und lag lange außerhalb der Reichweite alliierter Bomber.
Bereits seit Mitte der 1930er-Jahre wurde im Zuge der Autarkiepolitik die Produktion synthetischer Treibstoffe aus Braunkohle ausgebaut, ergänzt durch die Nutzung rumänischer Erdölfelder. 1944 gerieten diese jedoch durch das Vorrücken der Roten Armee in Gefahr, während gleichzeitig die Hydrierwerke im Reich verstärkt bombardiert wurden.
Im Rahmen der Operation „Big Week“ griffen alliierte Bomber gezielt die deutsche Treibstoffproduktion an. Mehrere Großangriffe im Mai 1944 zerstörten wichtige Anlagen und führten bis Ende des Monats nahezu zum Zusammenbruch der Benzinversorgung im Deutschen Reich.
Im Juni 1944 wurde als Reaktion auf den Zusammenbruch der Treibstoffversorgung der Mineralölsicherungsplan (Geilenberg-Programm) unter Leitung von Edmund Geilenberg beschlossen. Ziel war es, Hydrierwerke zu schützen und ihre Produktion untertage zu verlagern. Dafür wurden rund 350.000 Menschen eingesetzt, darunter etwa 100.000 KZ-Häftlinge, die Stollen ausbauen oder neu anlegen mussten.
Die Verlagerung war bereits 1943 diskutiert, aber zunächst verworfen worden. Nach der Zerstörung wichtiger Brabag-Werke wurde sie jedoch umgesetzt. Im Oktober 1944 fiel die Entscheidung, auch Anlagen in die Sächsische Schweiz zu verlegen, darunter bei Königstein sowie in der Herrenleite und im Polenztal. Dort sollten unterirdische Produktionsstätten für synthetisches Benzin und Schmierstoffe entstehen.
Im Rahmen des Geilenberg-Programms entstanden in der Sächsischen Schweiz mehrere Untertageprojekte zur Treibstoffproduktion. Dafür wurden Anfang 1945 KZ-Außenlager in Mockethal-Zatzschke, Porschdorf und Königstein eingerichtet, die dem KZ Flossenbürg unterstanden. Die Häftlinge mussten Stollen ausbauen, Gleise verlegen und schwere Bauarbeiten leisten.
Das größte Lager befand sich in Königstein, wo ab November 1944 Transporte mit KZ-Häftlingen eintrafen. Sie wurden zunächst provisorisch untergebracht und später in eigens errichteten Lagern interniert. Die Zwangsarbeit war geprägt von langen Fußmärschen, schweren körperlichen Arbeiten und extremen Arbeitszeiten.
Auch in Mockethal-Zatzschke und Porschdorf wurden Häftlinge eingesetzt, um Untertageanlagen für die Produktion von synthetischem Benzin und Schmierstoffen vorzubereiten.
Im Lager Königstein lebten wir unter sehr schweren Lebensbedingungen. Die Verpflegung setzte sich zusammen aus Rüben mit Wasser sowie aus einer 200gr. Ration Brot. Die Arbeit in der Steingrube war sehr schwer. Von den Unterkünften bis zur Arbeitsstätte waren es 5km. Auf dem Rückweg mussten wir noch 2 schwere Steine tragen und wenn einer der Häftlinge keinen Stein mitnahm, schlug man ihn. Im Winter hatten wir nur dünne Drilliche, sog. Streifenanzüge an, an den Füßen trugen wir Holzschuhe.
Für die unterirdischen Hydrierwerke wurde parallel eine neue Infrastruktur aufgebaut, vor allem für den Abtransport von Schutt und den späteren Transport von Treibstoffen. Die Anlage „Schwalbe II“ lag günstig an der Bahnstrecke Dresden–Děčín. Der Bahnhof Rathen sollte zum Verladebahnhof ausgebaut und durch neue Gleise mit den Stollen verbunden werden. Innerhalb und vor den Stollen wurden Feldbahnen verlegt; KZ-Häftlinge mussten den Abraum meist per Hand verladen.
Der Stollenausbau wurde an mehrere Firmen vergeben, wobei vor allem deutsche Bergarbeiter für Bohr- und Sprengarbeiten eingesetzt wurden, während KZ-Häftlinge vor allem außerhalb der Stollen arbeiteten.
Ab März 1945 übernahm die IG Farben die Baustelle und plante eine Erweiterung der Anlagen unter dem Tarnnamen „Orion“. Dazu gehörten der Ausbau des Bahnnetzes und weitere Bauprojekte, die jedoch bis Kriegsende nur teilweise umgesetzt wurden, auch wegen Schwierigkeiten beim Grundstückserwerb.
In Königstein sah ich nur 2 Tote, einen Franzosen, er hatte den Schädel mit einem Stein durchschlagen und der andere Häftling verstarb offensichtlich durch Unterkühlung oder durch Erschöpfung.
Die Lebensbedingungen der Häftlinge in Königstein waren äußerst hart: unzureichende Ernährung, schwere körperliche Arbeit und Gewalt prägten den Alltag. Zeitzeugen berichten von langen Märschen zur Arbeit, mangelhafter Kleidung und Misshandlungen.
Arbeitsunfähige Häftlinge wurden in andere Lager wie Flossenbürg oder Leitmeritz deportiert, oft per Bahn. Viele starben dort an Entkräftung, Krankheit oder den Folgen der Haft. Insgesamt kamen zahlreiche Häftlinge sowohl in Königstein als auch nach ihrer Verlegung ums Leben.
Die Arbeit an der Anlage „Schwalbe II“ war zusätzlich durch gefährliche Bedingungen im brüchigen Sandstein und fehlenden Schutz lebensbedrohlich. Fluchtversuche wurden hart bestraft und führten oft zu Repressalien gegen andere Häftlinge.
Im März 1945 wurde das Lager Königstein geräumt; die verbliebenen Häftlinge wurden nach Leitmeritz deportiert. Auch in den letzten Kriegswochen starben viele von ihnen. Die Eisenbahn spielte dabei eine zentrale Rolle für die Deportationen und den Einsatz der Häftlinge in der Rüstungsindustrie.
Alfonso Cavedale. Cavedale stirbt an den Folgen von Zwangsarbeit und Gewalt im KZ-Außenlager Königstein. Datum unbekannt.
© AKuBiZ e.V.
Häftlinge, die aufgrund von Krankheit, mangelhafter Versorgung, Verletzungen oder der allgegenwärtigen Gewalt nicht mehr als arbeitsfähig galten, wurden in der Regel in das Hauptlager Flossenbürg oder in das KZ-Außenlager Leitmeritz nahe der tschechischen Grenze überstellt. Im Dezember 1944 und im Januar 1945 fanden zwei Transporte mit arbeitsunfähigen Häftlingen statt, die in Leitmeritz registriert wurden. Aufgrund der vorhandenen Gleisanbindung ist davon auszugehen, dass diese Deportationen per Bahn erfolgten.
Weitere Häftlinge aus Königstein sind in den Sterbebüchern des KZ Flossenbürg verzeichnet, was darauf hindeutet, dass es zusätzliche Transporte gegeben haben muss. Auf welchem Weg diese Überstellungen erfolgten, ist jedoch nicht bekannt. Unter den dort registrierten und verstorbenen Häftlingen befand sich auch Alfonso Cavedale. Nach dem Kriegsaustritt Italiens im September 1943 kehrte er in seine Heimatgemeinde Bicinicco im Nordosten Italiens zurück. Dort wurde er denunziert, infolgedessen verhaftet und am 25. April 1944 in das KZ Buchenwald deportiert. Als Zwangsarbeiter in den Brabag-Werken bei Böhlen eingesetzt, erreichte er im November 1944 mit dem ersten Transport Königstein. Sein Tod ist für den 4. April 1945 im KZ Flossenbürg dokumentiert; Alfonso Cavedale wurde 30 Jahre alt.
Alfonso Cavedale gehört zu den wenigen Betroffenen, deren Lebensgeschichte fragmentarisch überliefert ist. Für die Mehrzahl der Opfer liegen keine vergleichbaren biografischen Informationen vor. Insgesamt starben in Königstein und auf der Baustelle bei Rathen mindestens 51 KZ-Häftlinge. Weitere 28 Häftlinge verstarben nach ihrer Überstellung in das KZ-Außenlager Leitmeritz, 50 weitere im KZ Flossenbürg.
Nach 1945 nutzte zunächst die Rote Armee das Lager in Königstein, danach wurden die Baracken von Anwohner:innen abgebaut und wiederverwendet. Die Stollenanlagen blieben weitgehend aufgegeben, während Gleise und Materialien demontiert wurden.
In der Folgezeit dienten die Stollen zeitweise als Munitionslager der NVA, später auch wissenschaftlichen Zwecken. Heute sind Teile der Anlage in Nutzung, insgesamt jedoch kaum bekannt und vor allem ein Rückzugsort für Tiere.
Trotz der Lage in einem stark besuchten Tourismusgebiet gibt es vor Ort nur wenige Hinweise auf die NS-Geschichte. Die Überreste der Lager und Stollen sind größtenteils überwachsen und kaum sichtbar.
AKuBiZ e.V. ist ein 2001 von Jugendlichen gegründeter Verein aus Pirna und arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der historisch-politischen Bildungsarbeit. Unsere Themenschwerpunkte sind Demokratieentwicklung, Lokalgeschichte des LK Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und Gedenk- sowie Erinnerungsarbeit. Dabei liegt unser Fokus auf jüdischer Geschichte, Orten nationalsozialistischer Verbrechen, Zwangsarbeit und antifaschistischem Widerstand. Jedes Jahr organisieren wir mehr als 50 Veranstaltungen. Dazu gehören Gedenkveranstaltungen, Wanderseminare, Fahrradtouren, Stadtrundgänge, Workshops und Bildungsfahrten. Wir erstellen und zeigen Ausstellungen, organisieren Lesungen und veröffentlichen Informationsbroschüren sowie Bücher. Im Projekt gedenkplaetze.info, einem historischen Atlas, machen wir Lokalgeschichte sichtbar. Unsere Angebote richten sich an Erwachsene und Jugendliche aus der Region. Wir arbeiten aktuell mit 3 hauptamtlichen Mitarbeiter*innen in 2 geförderten Projekten und ca. 8 ehrenamtlichen Mitgliedern.






