Deutsches Theater in Göttingen GmbH

Mit dem Projekt »neunzehnhundertzweiundvierzig« vergeben wir am Deutschen Theater Göttingen einen Stückauftrag, der NS-Deportationen am Alten Güterbahnhof mit seiner heutigen Nutzung verbindet und nach heutiger Verantwortung fragt.
Deutsches Theater in Göttingen GmbH
Projektträger

neunzehnhundertzweiundvierzig

Am 21. Juli 1942 macht sich eine Gruppe von 50 Menschen vom Albani platz zum Bahnhof auf. Es sind bis auf wenige Ausnahmen die letzten  Göttinger Jüdinnen und Juden, die nach Theresienstadt deportiert werden. Eine von ihnen ist die 84-jährige Anna Rosenberg. In seinem Rechercheprojekt lässt Autor und Regisseur Gernot Grünewald in einem Audiowalk diesen letzten Weg begehen. Er befragt den Beginn von Ausgrenzung und Gewalt, zieht Parallelen ins Heute und erzählt die Geschichte von Entrechtung und Vernichtung. Die Gegenwart wird dabei permanent mit Vergangenheit überschrieben und so anders und neu reflektierbar gemacht. Ziel des Weges ist der alte Güterbahnhof, an dem das Deutsche Theater Göttingen heute Kultur produziert. Die Probebühne liegt direkt neben den Schienen, auf denen die Menschen deportiert wurden und zeitgleich tausende Menschen aus Osteuropa nach Göttingen gebracht wurden und zur Arbeit gezwungen wurden. Vier Schauspielerinnen erzählen uns ihre Geschichten.

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neunzehnhundertzweiundvierzig MemoRails Göttingen

Am 21. Juli 1942 macht sich eine Gruppe von 50 Menschen vom Albaniplatz zum Bahnhof auf. Es sind bis auf wenige Ausnahmen die letzten Göttinger Jüdinnen und Juden, die in der Stadt verblieben sind und die jetzt über Hildesheim und Hannover nach Theresienstadt deportiert werden. Eine von ihnen ist die 84 jährige Anna Rosenberg. In seinem Rechercheprojekt lässt uns der Autor und Regisseur Gernot Grünewald in einem Audiowalk den letzten Weg dieser Frau noch einmal gehen. Er befragt den Beginn von Ausgrenzung und Gewalt, zieht Parallelen ins Heute und erzählt die Geschichte einer Familie und mit ihr eine von Entrechtung, Emigration und Vernichtung. Die Gegenwart wird dabei permanent mit Vergangenheit überschrieben und so anders und neu reflektierbar gemacht. Ziel des Weges ist der alte Güterbahnhof, an dem das Deutsche Theater Göttingen heute Kultur produziert. Die Probebühne liegt direkt neben den Schienen, auf denen die Deportierten die Stadt nach Osten verlassen haben, den Schienen, auf denen zeitgleich tausende Menschen aus Osteuropa zurück nach Göttingen deportiert und hier zur Arbeit in Haushalten, Rüstungsbetrieben und einer Großwäscherei gezwungen wurden. Vier Schauspielerinnen erzählen die Geschichten von Menschen, die, nachdem die Juden deportiert worden sind, in dieser Stadt über Jahre ausgegrenzt und zur Arbeit gezwungen wurden.

Familie Rosenberg

Die Geschichte der jüdischen Familie Rosenberg ist eng mit der Stadt Göttingen verbunden und spiegelt zugleich die allgemeinen Mechanismen von Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung wider. Mitglieder der Familie lebten über Jahre hinweg als anerkannte Bürgerinnen und Bürger in Göttingen, waren wirtschaftlich und sozial in das Stadtleben integriert und übten Berufe im Handel und Handwerk aus. Ihre Lebenswege zeigen, dass jüdisches Leben in Göttingen bis 1933 ein selbstverständlicher Teil der städtischen Gesellschaft war. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich die Situation der Familie Rosenberg grundlegend. Schrittweise wurden ihre Mitglieder durch antisemitische Gesetzgebung und lokale Maßnahmen aus dem öffentlichen Leben gedrängt: Berufsverbote, wirtschaftliche Boykotte und soziale Isolation führten zu existenziellen Einschnitten. Wohnungen und Geschäfte gingen verloren, Kontakte zu nichtjüdischen Nachbarn brachen ab oder wurden durch Angst und Anpassung ersetzt. Die Recherchen belegen, dass Angehörige der Familie Rosenberg schließlich Opfer der Deportationen wurden. Sie wurden aus Göttingen verschleppt, wobei der Güterbahnhof als zentraler Ausgangspunkt diente. Für mehrere Familienmitglieder enden die archivalisch rekonstruierbaren Spuren in den Deportationslisten; ihr weiterer Weg führt in Ghettos und Lager, aus denen viele nicht zurückkehrten. In einigen Fällen bleiben Todesumstände und -orte ungeklärt, was die fragmentarische Überlieferung und das systematische Auslöschen von Biografien widerspiegelt. Die Verbindung zwischen dem Güterbahnhof Göttingen und der Geschichte der Familie Rosenberg verdeutlicht, wie abstrakte historische Prozesse konkret vor Ort wirksam wurden. Die Deportationen waren kein fernes Geschehen, sondern wurden mitten in der Stadt vorbereitet und durchgeführt. Die individuelle Geschichte der Familie Rosenberg macht deutlich, dass hinter den Zahlen der Deportierten konkrete Menschen, Beziehungen und Lebensentwürfe standen. Die Ergebnisse der historischen Recherchen unterstreichen die Notwendigkeit, sowohl Orte wie den Güterbahnhof als auch einzelne Familiengeschichten dauerhaft in die lokale Erinnerungskultur einzubinden. Sie ermöglichen eine personalisierte Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik und tragen dazu bei, das Bewusstsein für Verantwortung, Erinnerung und historisches Lernen in der Gegenwart zu stärken.

Wer sind wir?

Das Deutsche Theater Göttingen gGmbH (DTG) in Tradition des Stadttheaters von 1890 ist zentraler Kulturträger von Stadt und Landkreis. Barrieren abzubauen und gesellschaftliche Teilhabe zu stärken sind Kernstücke des Spielplans. Das Haus setzt sich durch Stückaufträge mit historischen und aktuellen Ereignissen auseinander - sei es Nationalismus, Diskriminierung oder soziale Ungerechtigkeit: »Die Nutznießer« dokumentierte die Verfolgung jüdischer Göttinger*innen; »Das Deutsche Haus«, thematisiert rechte Netzwerke. Daneben überlassen wir die Bühne Akteur*innen der Stadtgesellschaft: Göttinger Tageblatt Forum (städtische Themen), Göttingen X (Initiativen machen ihre Belange sichtbar). Zudem gestalten wir Aktionen zur Stärkung der Demokratie (Demokratietag mit lokalen Initiativen, Fotoaktionen, Lesungen). Daneben setzte das DTG als erstes öffentliches Theater mit Gemeinwohlökonomie-Zertifizierung Maßstäbe in Nachhaltigkeit.

https://www.dt-goettingen.de/