Interview Radu Marian

ROMA HABEN EINE TOLERANTE KULTUR

Sie kommen aus einer Familie, die in der Hauptstadt Moldawiens gelebt und zu Hause anstatt Romanes Rumänisch gesprochen hat. Wie definieren Sie, der nicht vom Dorf sondern aus der Großstadt kommt, Ihre Roma-Identität? 

Ja, ich bin ein Stadtjunge. Ich entstamme keiner traditionellen Roma-Familie. Meine Mutter ist eine Romni und mein Vater ein Rumäne, wir sind eine gemischte Familie. Obwohl ich kein Romanes spreche, spüre ich meine Roma-Wurzeln und fühle mich auch als Teil der Roma-Gemeinschaft. Was mir am meisten an dieser Gemeinschaft gefällt ist die Tatsache, dass wir sehr tolerante Menschen sind. Mir ist auch das Singen äußerst wichtig. Häufig werde ich eingeladen, auf Festen und Veranstaltungen aufzutreten. Nichts desto trotz verfolge ich mit großem Interesse die Ereignisse an der Wall Street und im Finanzgeschäft. 

 

Was ist der größte Vorteil, den Ihnen das Stipendium gebracht hat? 

Für mich war es die Hauptfinanzquelle, die mir die Fortsetzung meiner Ausbildung ermöglicht hat. An meiner Universität betragen die Studiengebühren jährlich 800 Dollar. Zudem bot mir das Stipendium jede Menge Gelegenheiten, neue Leute kennen zu lernen und neue Kommunikationswege zu erschließen. Ich denke häufig darüber nach, wie man die Probleme der Roma lösen könnte, sowohl in meiner Gesellschaft als auch im Ausland. Dieses Stipendium gab mir die Gelegenheit, vielen anderen jungen Roma aus dem Ausland zu begegnen und zu erfahren, wie sie leben und worin ihre Probleme sind. 

 

Was sind die Hauptprobleme junger Roma in Moldawien? 

Ein Mangel an Informationen. Es klafft eine große Lücke zwischen den Menschen in der Stadt und denen auf dem Land. Für mich war es einfach, Informationen über das Stipendium zu erhalten. Ich bin ins Internet gegangen, ich bin gut vernetzt und gut informiert. Aber ich kann mir nur schwer vorstellen, wie ein gewöhnlicher Roma-Junge vom Dorf an die nötigen Informationen für diese Chance gelangen soll. Es gibt zwar einen Koordinator, aber eine Menge Roma haben noch nie von diesem Programm gehört. Sogar wenn sie darüber informiert sind, fehlt ihnen der nötige Anreiz oder sie haben einfach nicht die Mittel, sich zu bewerben. Manche können weder lesen noch schreiben, andere wiederum besitzen keinen Computer. 

 

Wie könnte das Programm verbessert werden?

Es ist wichtig, mehr Begegnungs- und Kommunikationsmöglichkeiten für Roma und Nicht-Roma zu schaffen, denn dies würde zur Überwindung vieler Stereotype beitragen. Ich bin davon überzeugt, dass ich an meiner Universität die gängige Vorstellung über Roma positiv beeinflusst habe. Einige meiner Kommilitonen dachten, dass alle Roma stehlen würden und keine Häuser hätten. Aber ich bin kein Dieb und sie sollten eine ganze Gemeinschaft nicht aufgrund eines einzelnen Beispiels beurteilen. Ich glaube es wäre hilfreich, wenn sich alle Stipendiaten einmal im Jahr mit Nicht-Roma Studenten treffen würden. Das würde dazu beitragen, einige der Vorurteile gegenüber der Roma-Gemeinschaft abzubauen. 

 

Welchen Traum haben Sie für Ihre Zukunft? 

Mein Traum wäre es, eines Tages den Friedensnobelpreis zu erhalten. Ich würde auch gerne Politiker in meinem Land werden und die Gesellschaft verändern.

 

Das Interview führte Gemma Pörzgen im Juli 2011 in Berlin. 
Übersetzung aus dem Englischen: Mike Plitt

Radu Marian

Radu Marian wurde 1990 in Chişinău (Republik Moldau) geboren. Er hat einen Universitätsabschluss in Management und Wirtschaft und studiert derzeit an der Akademie der Wirtschaftswissenschaften. Marian arbeitet auch bei IQ-Lab, einem amerikanischen Unternehmen für Online-Dienstleistungen. Außerdem verfügt er über Erfahrung als Brand-Designer, indem er Logos für diverse Organisationen und Veranstaltungen kreierte. Marian spricht Rumänisch, Englisch, Russisch und Spanisch.