Interview Tatiana Timchenkova

ICH HABE GEMISCHTE GEFÜHLE BEZÜGLICH DEUTSCHLAND

Was macht Sie als Romni aus? 

Meine Seele, mein Blut, meine Kultur. Ich bin sehr stolz auf meine Romni-Identität. Ich komme aus einer traditionellen Roma-Familie. Ich habe nie einen Kindergarten besucht. Obwohl er nur wenige Meter entfernt war, hatte ich Angst, dorthin zu gehen. Später wollte ich dann in die Schule gehen, weil ich anfing, mich zu Hause zu langweilen. Mein Bruder war 14 Jahre älter als ich. Zu Beginn war es sehr schwierig in der Schule. In der ersten Klasse wurde ich verprügelt und die Kinder beschimpften mich abfällig als ,,Zigeuner‘‘. Aber dies motivierte mich nur, noch härter zu lernen um gute schulische Leistungen zu erbringen. 

 

Wie wichtig war das Stipendium für Sie? Hat es Ihnen Möglichkeiten eröffnet, die sie andernfalls nicht gehabt hätten? 

Definitiv. Ich ging zwecks meines Bachelorstudiums nach St. Petersburg und lebte während der Studienzeit bei meiner Tante. Sie half mir sehr, indem sie für die Lebensmittelkosten aufkam und mich bei sich zu Hause aufnahm. Jedoch ging meinen Eltern nach einem Jahr das Geld aus, mit dem sie mich bis dahin bei meinem Studium finanziell unterstützt hatten. Bei einem Menschenrechtstraining hörte ich von dem Programm und habe mich für das Stipendium beworben. Dabei empfand ich es als komisch, dass ich meine Roma-Abstammung nachweisen sollte. Ich musste zur Polizei gehen, wo mir ein Stück Papier ausgestellt wurde, das dies bestätigte. Bis dahin habe ich mir nie Gedanken gemacht, wie ich meine Identität beweisen könnte. Ich sprach Romanes, wuchs in einer Roma-Familie auf – niemand hat bis dato mehr Beweise von mir gefordert. Als ich die Zusage für das Stipendium erhielt, wurde mein BA-Studium vier Jahre lang gefördert, was mich sehr motivierte und mir eine Menge Selbstvertrauen gab. 

 

Hatten Sie an der Universität ähnliche Probleme wie auch zu Ihrer Schulzeit? 

Einige Studenten und Professoren hatten Roma gegenüber sehr viele Vorurteile. Wenn etwas Kriminelles in Russland geschieht, dann machen die Menschen sofort die Roma dafür verantwortlich. Hier kommt die fehlende Kenntnis der Roma über Ihre Menschenrechte und die möglichen Mittel, diese zu schützen, ins Spiel. Ich persönlich denke, dass Menschenrechtsorganisationen sich viel aktiver in die Menschenrechtsbildung einbringen müssen, insbesondere für junge Roma. 

 

War Ihre Familie vom Holocaust betroffen? 

Ja, meine Großmutter ist eine Holocaustüberlebende. Mein Vater erzählte mir, dass die Nazis bei ihrer Ankunft in Alexandrovka, einer Stadt nahe Smolensk, mit dem Töten von Roma anfingen und diese in Massengräber warfen. Als sie meine Großmutter samt ihrer sechs Kinder mitnahmen, einschließlich meines Vaters, befahl ihr einer der Nazis wegzulaufen. Ich weiß nicht, was mit dem Mann los war, aber dank ihm bin ich heute auf der Welt. 

 

Stellt dies noch immer ein Trauma für Ihre Familie dar? 

Ja, es kann nicht so einfach vergessen werden. Jedes Jahr suchen wir das Denkmal auf und erinnern der Toten in den Massengräbern. 

 

Bei der Präsenz deutscher Grausamkeiten in ihrer Familiengeschichte muss es doch befremdlich für Sie sein, ein Stipendium von einer deutschen Stiftung zu erhalten, die Ihnen eine eigene Karriere ermöglichen möchte? 

Ich finde das gut. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich zunächst gemischte Gefühle, schließlich bin ich mit dieser Familiengeschichte aufgewachsen. Meine Großmutter hat nie eine Entschädigung von Deutschland bekommen. Jetzt bekomme ich ein deutsches Stipendium.

 

Das Interview führte Gemma Pörzgen im Juli 2011 in Berlin. 
Übersetzung aus dem Englischen: Mike Plitt

Tatiana Timchenkova

Tatiana Timchenkova wurde 1986 in Smolensk (Russland) geboren. Sie kommt aus einer Roma-Familie, die zu Hause Romanes spricht. Sie war eine der ersten Stipendiatinnen aus Russland, wo sie das Studium der Internationalen Beziehungen an der Universität St. Petersburg abschloss. Gerade absolviert sie ihr zweites Masterstudium in Pisa (Italien), wo sie das Fach ,,Menschenrechte und Konfliktmanagement‘‘ studiert. Sie spricht sechs Sprachen: Russisch und Romanes (ihre Muttersprache), English, Bulgarisch, Mazedonisch und Polnisch.