Interview Olena Fiudr

MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN GEGEN ROMA MACHEN ANWÄLTE FÜR DIE ROMA-GEMEINSCHAFTEN NOTWENDIG

Die meisten der Stipendiaten in diesem Programm studieren Jura. Wieso ist es so wichtig für Roma, sich auf Jura zu spezialisieren? 

Wir müssen Jura studieren, weil es sehr viele Menschenrechtsverletzungen gegen Roma in der Ukraine gibt. Viele ukrainische Anwälte wollen nicht mit Roma und deren Gemeinschaften zusammenarbeiten. Sie lassen sich von den gängigen Stereotypen und Vorurteilen gegenüber Roma leiten. Deshalb ist es besser, wenn man selbst aus der Roma-Gemeinde kommt, weil man so ein ganz anderes Vertrauensverhältnis aufbauen kann. Ich entschied mich, Anwältin in meiner Gemeinschaft zu werden und gegen die Stereotype anzugehen.

 

Wieso ist es wichtig, gut ausgebildete Roma wie Sie als Vorbilder zu haben? 

Es ist äußerst wichtig. Einige Jahre zuvor haben sich nur ein oder zwei Personen für ein Stipendium des Roma Education Fund beworben, aber jetzt wissen viele Leute von dieser Möglichkeit. Die Menschen in meiner Gemeinde sehen, dass ich eine Karriere habe und über die Chance verfüge, ins Ausland zu gehen. Die Stiftung hat mich bei Reisen unterstützt, was auch meine Perspektiven und meine Träume verändert hat. Vorher wollte ich als Staatsanwältin arbeiten, aber jetzt sehe ich, dass es auch andere Möglichkeiten gibt. 

 

Ist es besonders für weibliche Roma schwierig, Karriere in der Ukraine zu machen? 

Ja, deshalb ist es wichtig gute Vorbilder zu haben. In meiner Gemeinschaft sind viele Leute stolz auf meinen Werdegang. Sie nutzen mein Wissen und sagen mir, wie wichtig es sei, eine erfolgreiche Romni zu sehen. In vielen Familien sind Frauen nur Mütter und Hausfrauen ohne jegliche Ausbildung. 

 

Die meisten der Stipendiaten kommen aus der Ukraine. Wieso? 

Wir haben viele Roma-NGO’s in der Ukraine, die über Fördermöglichkeiten informieren. In der Ukraine leben Roma sehr konzentriert in gewissen Regionen, so gibt es z.B. 5000 Roma in der Region Tscherkassy. Wir treffen uns auf Hochzeiten oder bei anderen Veranstaltungen und erzählen einander von dem Programm. Die International Renaissance Foundation leistet zudem zusammen mit Roma-NGO’s in der Ukraine Informationsarbeit. 

 

Rund 60 Prozent der Studenten sagen, dass sie ohne das Stipendium nicht in der Lage gewesen wären, zu studieren. Was halten Sie davon? 

Ich bin überrascht. Ich hätte die Zahl auf 100 Prozent geschätzt. Die meisten Roma-Studenten können es sich nicht leisten, auf eigene Kosten in der Ukraine zu studieren. Jedes Jahr hebt die Regierung die Studiengebühren an. Es ist sehr teuer. Meine Schwester wollte ihren Master machen, das kostet 2000 Euro pro Jahr. Zudem gibt es für Roma keine staatlichen Stipendien. Wir haben ein Problem mit unserer Regierung, da sie sagen, dass nur 40.000 Roma im Land leben, während unsere NGO’s die Roma-Bevölkerung in der Ukraine auf 400.000 schätzen. Laut der Regierung gibt es gar kein Problem mit den Roma.

 

Das Interview führte Gemma Pörzgen im Juli 2011 in Berlin. 
Übersetzung aus dem Englischen: Mike Plitt

Olena Fiudr

Olena Fiudr, geboren 1978 in der Ukraine, kommt aus einer gemischten Familie, denn ihre Mutter ist Romni. Sie arbeitet als Rechtsanwältin und studierte Strafrecht am Kiewer Institut für Innere Angelegenheiten. Zudem arbeitet Fiudr als Freiwillige in der Roma-Gemeinschaft der Zentralukraine mit örtlichen NGOs zusammen. Sie eröffnete ihr eigenes Anwaltsbüro und ist als Beraterin in ihrer Roma-Gemeinschaft tätig. Sie spricht Ukrainisch, Russisch, Romanes und Englisch.