Interview Costel Bercus

BILDUNG EINER ROMA-ELITE, DIE DER VERGANGENHEIT IN DER ZUKUNFT GEDENKT

Was macht dieses Stipendienprogramm so einzigartig? 

Es ist einzigartig, weil der Anteil von Roma an der Hochschulbildung sehr klein ist. In manchen Ländern haben kaum zwei Prozent der Roma einen Hochschulabschluss, was unsere Hauptsorge ist. Das Programm richtet sich an drei Länder, nämlich Moldawien, Russland und die Ukraine. Es ist limitiert, weil die Nachfrage nach Stipendien die verfügbaren Ressourcen übersteigt. Wir vergeben ungefähr 150 bis 180 Stipendien pro Jahr. 

 

Wieso ausgerechnet diese drei Länder? 

Die deutsche Stiftung ,,Erinnerung, Verantwortung und Zukunft‘‘ versucht Menschen zu motivieren, die Vergangenheit zu erinnern. Sie möchte den Aufbau einer Elitegeneration unterstützen, die ihren Anteil zum Erhalt dieser Erinnerung in der Zukunft leistet. Russland, die Ukraine und Moldawien sind Länder, in denen die Roma-Bevölkerung in der Vergangenheit besonders gelitten hat. 

 

Wie wichtig ist die Unterstützung einer Roma-Elite für die Inklusion der Roma-Gemeinschaft in die Gesellschaft? 

Naja, es verhält sich ähnlich wie mit anderen Minderheiten und anderen Nationen. Ohne eine Elite gibt es keine Nation. Leider fehlt den Roma noch immer eine große Menge von Menschen, die ein bestimmtes intellektuelles Niveau erreicht haben und anderen Roma bei der Integration helfen könnten. Diese Art von Stipendium ermöglicht es Menschen, sich in der Gesellschaft als Anwälte, Ärzte oder Wissenschaftler zu etablieren. Solche Leute verändern die vorherrschende Mentalität und Stereotype in der Gesellschaft, dass Roma immer arm seien und nicht zur Schule gehen wollen. Mit der Entstehung von Vorbildern verbessern sich die Lebensbedingungen von Roma, gleichzeitig werden die in der Mehrheitsgesellschaft weit verbreiteten, negativen Einstellungen ihnen gegenüber angegangen. 

 

Ist dieses Stipendienprogramm nicht eigentlich eine Maßnahme, die von den Regierungen der Ukraine, Moldawiens und Russlands angeboten werden müsste? 

Sie sollten eigentlich, aber sie tun es nicht. Die Regierungen wollen nicht für die Kosten einer besseren Integration aufkommen. Einige von ihnen, wenn auch nicht alle, wollen die Roma da behalten, wo sie gerade sind. Es ist sehr schade, weil die Kosten für die Exklusion die Kosten für die Inklusion und eine bessere Ausbildung von Roma bei weitem überschreiten. 

 

Ist es schwierig, das Verständnis und die Mentalität in diesen Ländern zu verändern? 

Es klafft eine signifikante Lücke zwischen dem öffentlichen Diskurs, dem wirklichen politischen Engagement sowie dem täglichen Leben der Menschen. Die Regierungen müssen den Worten Taten folgen lassen und von Aktionsplänen zu lokalen Initiativen übergehen. Darin besteht das große Hindernis, das es zu überwinden gilt. Aber das Hauptproblem ist die oberflächliche Art und Weise, mit der die Regierungen die Probleme der Roma-Gemeinschaft angehen. Wir müssen mehr tun, um eine qualitativ hochwertige Ausbildung zu gewährleisten. Es muss verstanden werden, dass dies im Interesse der gesamten Gesellschaft wäre und dass nicht nur die Roma davon profitieren würden. Wieso sollte eine Regierung seine Bevölkerung ungebildet lassen? 

 

Das Interview führte Gemma Pörzgen im Juli 2011 in Berlin. 
Übersetzung aus dem Englischen: Mike Plitt

Costel Bercus

Costel Bercus ist ein rumänischer Roma, der die Fakultät der Internationalen Beziehungen und Europastudien an der Spiru Haret Universität in Bukarest absolvierte. Er ist seit 1997 ein engagierter Menschenrechtsaktivist in Rumänien und heute Vorsitzender des Roma Education Funds, der sich unermüdlich für die Schließung der Bildungslücke zwischen Roma und Nicht-Roma einsetzt. Des Weiteren war er auch als internationaler Berater tätig, indem er fachliche Unterstützung bei der Entwicklung einer Roma-Inklusionspolitik in verschiedenen Ländern leistete.