Förderprogramm

Latscho Diwes

Ein Förderprogramm für Überlebende des NS-Genozids an den Roma

Die Überlebenden des Genozids an den Roma in Osteuropa leben oft in Armut, sind gesellschaftlich ausgegrenzt und diskriminiert. Bis vor Kurzem zählten sie zu den „vergessenen Opfern“ der NS-Verfolgung. Sowohl in ihren Heimatländern als auch international gibt es kaum Unterstützung für diese Zielgruppe. Auch die Stiftung EVZ konnte sie mit anderen humanitären Förderprogrammen nicht erreichen. Um den Rom*nja, die unter dem Nationalsozialismus gelitten haben, direkt zu helfen, wurde 2016 das Förderprogramm „Latscho Diwes“ ins Leben gerufen.

In den Jahren 2016 bis 2019 wurden 46 Projekte mit insgesamt 2.339.000 € in neun Ländern (Belarus, Moldawien, Nordmazedonien, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Ukraine) gefördert.

In 2020 ist die Förderung von 16 Projekten mit einem Gesamtvolumen von 730.000 € geplant.

Programmziele

  • Überlebende des Genozids an den Rom*nja haben und nutzen den Zugang zu vorhanden medizinischen, sozialen und anderen Leistungen
  • Sie und ihre Angehörigen leiden weniger materielle Not, ihre Gesundheit ist stabil
  • Sie nehmen am sozialen Leben teil und fühlen sich wertgeschätzt

Projektaktivitäten

Für die unmittelbaren Bedürfnisse der älteren Rom*nja:

  • Aktivitäten zur Verbesserung der physischen und psychischen Gesundheit der Überlebenden
  • Beratung und Unterstützung bei Zugang zu staatlichen Leistungen
  • Serviceleistungen, die die Überlebenden in ihrem täglichen Leben entsprechend ihren Bedürfnissen unterstützen
  • Möglichkeiten der sozialen Teilhabe, insbesondere für wenig mobile oder nicht mobile Überlebende

 

Für die Stärkung der Familien, Helfer*innen und Betreuer*innen der älteren Rom*nja

  • Trainings und Beratungen für pflegende Angehörige, ehrenamtliche Helfer*innen und Fachleute
  • Beratung und Mentoring lokaler Roma-Führungskräfte, Selbstorganisationen oder Initiativen bei der Verwaltung und Umsetzung von sozialen Projekten für ältere Roma*nja
  • Aktivitäten zur Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Expert*innen und lokalen Organisationen, Verwaltung u. ä.
  • Stärkung der lokalen Rom*nja-Gemeinschaft, insbesondere Familienangehörigen von Überlebenden, z.B. durch berufliche Weiterbildung mit anschließender Beschäftigung im Projekt und Unterstützung bei der Selbstversorgung mit Agrarprodukten

 

 

Projekte in Russland, Ukraine, Belarus und Moldawien

Lobbyarbeit zugunsten von Roma Überlebenden in der Republik Moldau

Wegen der Arbeitsemigration der jüngeren Familienangehörigen haben viele betagte Rom*nja in Moldawien, insbesondere wenig und nicht mobile, kaum soziale Kontakte. Sie fühlen sich einsam und hilflos. Der Träger – der Verein jüngerer Roma „Tarna Rom“- will diese Situation lindern und nutzt dabei seine bisherigen Erfahrungen in der Interessensvertretung von Roma Communities. Er plant, durch seine Aktivitäten vor allem konkrete Hilfen vom Staat zu erzielen: Das Ministerium für Arbeit und Soziales sollte mindestens in drei Ortschaften Stellen von Sozialarbeitern für betagte Roma einführen und die kommunalen Verwaltungen Kuren und finanzielle Sozialleistungen für sie ermöglichen. Außerdem werden die Begünstigten mit Lebensmitteln, Medikamenten, Heizmaterial, Betten und Matratzen versorgt, ihre Häuser werden repariert. Dabei bekommt der Träger die Unterstützung von Freiwilligen vor Ort. Das Projekt wird in acht kleinen moldawischen Städten und ihrer Umgebung zur Unterstützung von 80 Überlebenden des Genozids an den Rom*nja durchgeführt.

 

 

Nachhaltige Unterstützung von Überlebenden des Genozids an den Rom*nja in Russland

In Samara, Nowokujbyschewsk und Tschapajewsk wird die Lebenssituation von 60 Rom*nja, die vor 1945 geboren wurden, dauerhaft positiv verändert. Die Mitarbeite und Freiwilligen der NGO „National-kulturelle Roma Autonomie“ helfen ihnen beim Abschluss von Krankenversicherungen und dem Zugang zu kostenlosen medizinischen Untersuchungen, was die medizinische Versorgung der Begünstigten verbessert. Gemeinsame Treffen mit Vertreter*innen von relevanten staatlichen Behörden gibt ihnen die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse direkt vorzutragen und über vorhandene Leistungen informiert zu werden. Die alten Rom*nja und ihre Familien werden zudem bei der Hühnerhaltung unterstützt. Dadurch wird nicht nur die materielle Lage der Projektbegünstigten, sondern auch ihr körperlicher und emotionaler Zustand verbessert – da sie sich an der Haltung der Hühner aktiv beteiligen, werden sie beweglicher und fühlen sich gebraucht. An der Unterstützung der wirtschaftlichen Aktivitäten nach dem Projektende sollten sich staatliche Strukturen beteiligen. Um die Auswirkungen der Corona Pandemie zu lindern werden die Begünstigten einmalig mit Lebens-, Hygiene- und Desinfektionsmitteln sowie Schutzmasken und Vitaminen unterstützt.

 

 

Projekte in Mittel- und Südosteuropa

RUMÄNIEN: Social Integration and Development Association Muntenia, Feteşti, Kreis Ialomiţa

Angesiedelt in der rumänischen Gemeinde Fetești im Kreis Ialomița betreut die Rom*nja-Organisation „Social Integration and Development Association Muntenia“ 55 Überlebende des Genozids an den Rom*nja auch in den Landkreisen Calarasi, Ilfov, Braila, Constanta und Tulcea. Die Hochbetagten erhalten humanitäre Einzelfallhilfen wie Kleidung und Lebensmittelgutscheine. Sie werden auch regelmäßig medizinisch betreut. Auf das Verfolgungsschicksal der alten Rom*nja wird durch einen Wettbewerb mit insgesamt acht Schulen aufmerksam gemacht, wodurch die Geschichte und die Erinnerungen der Überlebenden anerkannt wird. Darüber hinaus wird durch die Errichtung von fünf Gedenktafeln in verschiedenen Communities auf die Verfolgung der Rom*nja aufmerksam gemacht.

 

 

SERBIEN: Association of Roma Intellectuals, Vladičin Han

Die Organisation "Association of Roma Intellectuals" betreut 84 Überlebende des Genozids an den Rom*nja in den zwei südserbischen Gemeinden Vladičin Han und Surdulica. Die Begünstigten erhalten soziale, medizinische und juristische Beratung und Unterstützung. Im Dorf Prekodolce bei Vladičin Han wird ein Sozialzentrum betrieben. Hausbesuche bei immobilen hochbetagten Menschen werden in den beiden Gemeinden organisiert. Neben dem Sozialzentrum in Prekodolce werden für die Begünstigten einmal im Monat Treffpunkte in den beiden anderen Orten abgehalten.

Pilotprojekte

Die Stiftung EVZ sucht nach neuen Projektformaten für eine nachhaltige – über die EVZ-Förderung hinaus andauernde – Unterstützung der Roma Überlebenden. Zurzeit werden zwei Pilotprojekte in der Ukraine und eines in Serbien gefördert.

 

„Act – Because you Care!“ - Koalition für die Rechte älterer Rom*nja in Serbien

In einem einjährigen Pilotprojekt wird das Forum Roma Serbien (Belgrad) eine Koalition aus mehreren Roma-Selbstorganisationen bilden und eine Advocacy-Strategie für die Stärkung der sozialen und Bürgerrechte älterer Rom*nja entwickeln. Hierfür wird ein Statusbericht zur aktuellen Lebenssituation älterer Rom*nja, insbesondere Überlebender des NS-Genozids, erstellt und politische Handlungsempfehlungen gegeben. Mittels mehrerer Stakeholder-Treffen und öffentlicher Veranstaltungen auf lokaler und nationaler Ebene sollen Maßnahmen für die Stärkung der Rechte älterer Rom*nja Eingang finden in fünf lokale und den nationalen Aktionsplan zur Roma-Inklusion.

 

Sicherung eines regelmäßigen Einkommens für Roma-Familien als innovatives Unterstützungsformat

Das Ausbleiben eines regelmäßigen Einkommens ist ein Hauptgrund für die strukturelle Ausgrenzung, Diskriminierung, Armut und andere Probleme der Rom*nja insgesamt und insbesondere der NS-Opfer unter ihnen. Deshalb bietet die ostukrainische NGO „Fonds regionaler Forschungen“ aus Sumy den Rom*nja aus der Region die Vermittlung von Schulungs- und Arbeitsplätzen sowie umfangreiche Beratungen zur Gründung von kleinen agrarwirtschaftlichen Familienunternehmen, die zum Projektende zu einer Kooperative zusammenwachsen sollen. Aus den Erträgen – zunächst in Form von Agrarprodukten und später auch finanziell – werden die Überlebenden des NS-Genozids und andere Bedürftige unterstützt. Rund 60 alte Rom*nja bekommen außerdem Hilfe beim Zugang zu vorhandenen sozialen und medizinischen Leistungen. Das Projekt wird in Kooperation mit zwei Roma-Selbstorganisationen „Roma Nationalvereinigung“ und „Nevo Rom“ sowie diversen staatlichen Strukturen wie z. B. Regional- und Lokalverwaltungen, Jobcenter umgesetzt.

 

Mehr zur Arbeit von "Nevo Rom" auf YouTube (russisch):

Kontakt

Dr. Valentina Valtchuk

Projektkoordination

valtchuk(at)stiftung-evz.de

Tel.:+49 (0)30 25 92 97-47

Fax: +49 (0)30 25 92 97-11

 

Hana Ćopić

Projektkoordination

copic(at)stiftung-evz.de

Tel.:+49 (0)30 25 92 97-46

Fax: +49 (0)30 25 92 97-11

 

Länder- bzw. Regionalzuständigkeiten:
Valentina Valtchuk: Ukraine, Belarus, Moldawien, Russland
Hana Ćopić: Mittel- und Südosteuropa