Odessa: Häusliche Altenpflege und Seniorentreff

In der ukrainischen Hafenstadt Odessa versorgt eine Diakoniestation der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU) mit Unterstützung der Stiftung EVZ Opfer des Nationalsozialismus und andere bedürftige alte Menschen. Gefördert wird das Projekt im Rahmen des Programms "Internationale Partnerschaften der Altenhilfe", das sich für eine nachhaltige Verbesserung der Lebenssituation von älteren Menschen in Mittel- und Osteuropa und Israel einsetzt.

ALTERN IN EINEM DER ÄRMSTEN LÄNDER EUROPAS

"In unserem Land darf man nicht alt und krank werden!" Tamara Kontsevych-Schöneberger wird zornig, wenn sie über die entwürdigende Situation alternder Menschen in ihrer Heimatstadt Odessa berichtet. Als Leiterin der Diakoniestation "Rehabilitationszentrum St. Paul" erlebt die 36-Jährige tagtäglich die Erniedrigungen, das Leid und Elend ihrer Klienten. Zusammen mit zwei Altenpflegerinnen und einer Ärztin betreut sie 71 Menschen. Rund die Hälfte von ihnen sind ehemalige Zwangsarbeiter, die während des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland verschleppt wurden. "Diese Leute haben ihr Leben lang gearbeitet, sie haben Kriege, Konzentrationslager und Hungerkatastrophen durchgemacht, sie haben das Land aufgebaut, doch nun werden sie allein gelassen!", empört sich die resolute Frau.

 

Als ungerecht und menschenverachtend empfindet Kontsevych-Schöneberger das katastrophale Gesundheits- und Sozialsystem ihres Landes. Die Durchschnittsrente liegt bei umgerechnet 60 Euro im Monat. Davon kann niemand leben, erst recht nicht, wenn er auf Medikamente und professionelle Pflege angewiesen ist. Bis auf eine minimale Behindertenrente und wenige Privilegien wie etwa die kostenlose Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel existiert in der Ukraine keine nennenswerte staatliche Unterstützung für alte Menschen.

 

Der Schwarzmeer-Anrainer gehört zu den ärmsten Ländern Europas. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fiel die Ukraine in eine schwere wirtschaftliche Krise. Der zaghafte Aufschwung der letzten Jahre ist der aktuellen Finanzkrise zum Opfer gefallen. Die Mehrheit der Bevölkerung kämpft um das tägliche Überleben. Viele Ukrainer haben zwei bis drei Jobs, um halbwegs über die Runden zu kommen. Offiziell lebt ein Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, besonders hoch ist hier der Anteil der Alten und Pflegebedürftigen.

 

DIE FOLGEN VON ZWANGSARBEIT UND VERFOLGUNG

Erschüternd ist vor allem das schwere Los der heute hochbetagten Opfer des Nationalsozialismus. Dazu zählen nicht zuletzt die ehemaligen Zwangsarbeiter: Während der deutschen Besatzung wurden ab 1942 mehr als zwei Millionen zivile Gefangene aus der Ukraine ins Deutsche Reich deportiert. Nicht viel mehr als die Hälfte von ihnen kehrte nach dem Krieg in die Heimat zurück. Hier waren die sogenannten uzniki erneut Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt. Sie wurden als Vaterlandsverräter diffamiert und erlitten nicht selten ein zweites Mal Verfolgung und Repression. Viele kamen direkt in den Gulag, alle Heimkehrer mussten ihre tragische Vergangenheit jahrzehntelang verschweigen, um sich eine bescheidene Existenz aufzubauen.

 

Inzwischen sind die meisten Opfer der nationalsozialistischen Ausbeutung aus der Zeit verstorben. Die Überlebenden leiden neben altersbedingten Erkrankungen unter den schwerwiegenden Folgen der Zwangsarbeit. Viele können Haus oder Bett nicht mehr verlassen und sind auf professionelle Hilfe angewiesen, die es aber in der Ukraine kaum gibt. Hat jemand keine Angehörigen oder Nachbarn, die ihn pflegen, bleibt er seinem Schicksal und sich selbst überlassen.

 

PFLEGE UND UNTERSTÜTZUNG IM ALLTAG

Diese Lücke versucht das "Rehabilitationszentrum St. Paul" mit seiner häuslichen Altenpflege zu schließen. Eine Ärztin untersucht die Klienten regelmäßig, zwei Altenpflegerinnen, die eine von der Stiftung EVZ geförderte Qualifizierung für Pflegepersonal absolviert haben, machen regelmäßig Hausbesuche. Neben einfachen Gesprächen und der oftmals notwendigen psychologischen Unterstützung helfen sie im Haushalt, erledigen Behördengänge und Einkäufe, waschen und pflegen die Klienten, messen Blutdruck und den Zuckerspiegel.

 

Im Seniorentreff der Diakoniestation sollen Ehrenamtliche für den Besuchsdienst motiviert werden, zudem werden den nicht selten isoliert lebenden alten Menschen Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe eröffnet – ein wichtiges Anliegen der Stiftung EVZ, die das ukrainische Projekt seit September 2007 anteilig finanziert. Bis 2010 sollen die Träger der Diakoniestaton 33.600 Euro erhalten, eine nachhaltige Sicherung ihrer Arbeit, wird jedoch kaum ohne die Beteiligung des Staates zu erreichen sein.

 

"Allein durch die menschliche Zuwendung geht es den alten Menschen besser", weiß Tamara Kontsevych-Schöneberger. Sie ist für die Koordination zuständig, spricht mit Ärzten und Behörden und unterstützt die Pflegerinnen im Alltagsgeschäft. Solange die staatliche Unterstützung ausbleibt, kann das Projekt nur mit finanzieller Unterstützung von deutschen Partnern dem wachsenden Bedarf an häuslicher Pflege entspechen und NS-Opfern wie anderen Bedürftigen endlich ihre Würde im Alter zurückgeben.

 

Constanze Bandowski