"Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals so enden würde"

Klara Rappoport (84), ehemals Professorin an der Universität von Odessa, erzählt von ihrem Dasein zwischen Krankheit und Armut.

Porträt: Klara Rappoport, 84, und Rosa Dolgaja, 89 Jahre

"WIR HABEN UNSER LEBEN UMSONST GELEBT"

Klara Rappoport (84), ehemals Professorin an der Universität von Odessa, erzählt von ihrem Dasein zwischen Krankheit und Armut.

 

Mit einem verschämten Lächeln öffnet Klara Rappoport ihre Wohnungstür. "Wie schön, dass Sie kommen, Natascha", sagt sie leise. Die eintretende Altenpflegerin drückt die zierliche alte Dame an die Brust und tritt ein. Blitzblank ist die kleine Zweiraumwohnung. Es riecht nach Seife und Frühlingsluft. Im Schlafzimmer steht das Fenster offen, eine leichte Brise spielt mit der Gardine. Davor liegt Rosa Dolgaja im Bett. Die ältere Schwester ist seit ihrem zweiten Schlaganfall vor drei Jahren gelähmt. Sie leidet an Parkinson und Altersschwäche. Mit großen Augen blickt die 89-Jährige Natalia Wabel an. Ein zartes Lächeln huscht über das faltige Gesicht, als sie die Altenpflegerin erkennt. Die beugt sich hinunter, drückt die zitternden Hände, streichelt liebevoll die erschlafften Wangen und küsst sie. "Wie geht es dir heute, Rosa?"

 

Die Schwestern Rosa und Klara leben seit mehr als zwanzig Jahren zusammen. Unter Stalin wurden sie zusammen mit ihrer Mutter als Juden nach Kasachstan deportiert. "Angeblich wollten sie uns vor den Deutschen retten", sagt Klara verbittert. Sie war gerade 16 Jahre alt, als sie in einem geheimen Rüstungsbetrieb zum Arbeitsdienst eingesetzt wurde. Vier Jahre später war der Krieg vorbei und sie begann in Odessa ein neues Leben, studierte Ökonomie. Auch Rosa ging an die Uni, verliebte sich und heiratete. Kinder bekam keine von beiden.

 

"Als Rosas Mann 1987 starb, habe ich sie zu mir und meiner Mutter geholt", sagt Klara. "Rosa war schon damals schwer krank." Die fünf Jahre jüngere Schwester kümmerte sich fortan um beide Frauen. Wenige Jahre später bekam sie selbst Krebs, wurde zu stark bestrahlt, die Hüftknochen erweichten. "Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals so enden würde", sagt sie, blickt auf ihr zerschlissenes Nachthemd, fingert an den viel zu kleinen Windeln für Rosa herum und weint. Die Windeln hat die jüdische Hilfsorganisation Heset gespendet, die jeden Morgen eine Pflegehilfe zum Wenden von Rosa vorbeischickt.

 

Am Nachmittag kommt dann Natascha, spricht mit den beiden Frauen, macht ihnen Mut, dreht Rosa für zwanzig Minuten auf den Bauch und massiert ihre Gliedmaßen. Dann behandelt Klara die offene Wunde über Rosas Steißbein. "Natascha ist ein Engel", sagt sie. Die Ärzte hatten die Schwester längst abgeschrieben, aber durch die tägliche Fürsorge der Altenpflegerin ist der wunde Rücken nach einem Jahr halbwegs verheilt und Rosa kann ab und zu wieder lachen.

 

"Was mich am Leben hält, ist meine Schwester", sagt Klara Rappoport. 40 Jahre lang hatte sie als Professorin für Ökonomie an der Universität von Odessa gelehrt, war bei Studenten und Kollegen beliebt und genoss hohes Ansehen. Dann kam die Rente, die Krankheit, der körperliche Verfall, die Armut, das Elend. Medikamente, Windeln und Aufbaupräparate kann sie sich nicht leisten. Traurig blickt sie auf ihre Schwester. Mehr Familie hat sie nicht. "Wir haben unser Leben umsonst gelebt."