"DANKE, DASS IHR MICH NICHT VERGESSEN HABT"

Maria Warfalomewa lässt sich von der Altenpflegerin Natalia Wabel den Blutdruck messen

Porträt: Maria Warfalomewa, 84 Jahre

"ES GAB DAMALS AUCH GUTE DEUTSCHE"

Maria Warfalomewa lässt sich von der Altenpflegerin Natalia Wabel den Blutdruck messen

 

Maria Warfalomewa hat eine schlechte Nacht hinter sich. Schwerfällig lässt sie sich auf einen Holzschemel fallen, greift sich an die Brust und stöhnt: "Danke, dass ihr mich nicht vergessen habt. Gestern bin ich fast gestorben. Mir ging es sehr, sehr schlecht und ich habe kaum Luft bekommen." Der Atem der 84 Jahre alten Frau ist flach. Die Leber schmerzt und drückt auf die Lunge. Die geschwollen Füße stecken in kaputten Hausschuhen, das Nachthemd ist am Rücken gerissen, weil sie sich dort nachts so gekratzt hat.

 

Die Bäume in dem verwilderten Garten hängen voller Kirschen, aber Maria Warfalomewa hat keine Kraft mehr, sie zu ernten. Sie ist müde vom Leben. Ihre Söhne sind alkoholabhängig und arbeitslos wie so viele Männer, die mit dem politischen Umbruch der 90er Jahre nicht klar gekommen sind. "Ich muss sie ernähren", klagt die alte Frau. 775 Griwna Rente bekommt sie im Monat, rund 77 Euro. Allein für Wasser zahlt sie 157 Griwna, Strom kostet 30, der Telefonanschluss 50. Den braucht sie, um Kontakt zu ihrer Schwester in Deutschland zu halten. Die allerdings lebt auch von Sozialhilfe und schickt nur zwei Mal im Jahr etwas Geld.

 

"Ich will, dass mir die Familie, bei der ich als junges Mädchen arbeiten musste, etwas zahlt." Maria Warfalomewa empfindet keinen Hass gegen die Deutschen. Sie hat eine Geldleistung der Stiftung EVZ erhalten, war im Dezember 2008 durch das Max-Kolbe-Werk zwei Wochen lang zur Kur, hat 60 Jahre nach Kriegsende das KZ Ravensbrück besucht und ist dankbar für jedes Gespräch mit der Altenpflegerin des Rehabilitationszentrums St. Paul. Dieses wiederum wird von der Stiftung EVZ finanziell unterstützt.

 

"Es gab damals auch gute Deutsche", sagt die alte Frau. "Auch sie haben gelitten." Aber der Familie in Kassel, zu der sie 1942 als 17-Jährige verschleppt wurde, wird Maria Warfalomewa niemals verzeihen. "Ich war jung, ich war dumm, ich sagte immer, was ich dachte." Das lose Mundwerk sollte dem Hausmädchen zum Verhängnis werden. Als es dem Hausvorstand zu bunt wurde, meldete er sie bei der Gestapo, es folgten Gefängnis und Straflager in Kassel, Leipzig und Braunschweig, bis sie schließlich im Außenlager Neubrandenburg des KZ Ravensbrück landete.

 

"Er wollte mich umbringen", sagt die alte Frau heute. Sie holt aus ihrer verfallenen Hütte einen Brief an die Familie in Deutschland hervor: "Ihr Vater hat mich ins Krematorium nach Ravensbrück geschickt, um mich zu töten", steht dort geschrieben. "Aber es waren ebenfalls Deutsche, die mir geholfen haben zu überleben. Bitte helfen sie mir. Wenn nicht, wird Gott ihnen verzeihen."