Interview Tamara Kontsevych-Schöneberger

"IN UNSEREM LAND DARF MAN NICHT ALT UND KRANK WERDEN"

Im Rahmen ihres Programms "Internationale Partnerschaften der Altenhilfe" fördert die Stiftung EVZ eine Diakoniestation im ukrainischen Odessa. Mit nur wenigen Mitarbeitern betreut die Station gebrechliche alte Menschen in häuslicher Pflege, organisiert einen Besuchsdienst sowie einen Seniorentreff. Im Auftrag der Stiftung EVZ sprach Constanze Bandowski mit der Leiterin der Diakoniestation, Tamara Kontsevych-Schöneberger.

Wie ist dieses Projekt entstanden?

Unser Gemeindepfarrer wusste durch die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche der Ukraine (DELKU) von einem Projekt häuslicher Altenpflege für NS-Opfer in Donezk. Da die Not auch in Odessa groß ist, entstand die Idee, hier eine Sozialstation für alte Menschen aufzubauen. Mit finanzieller Unterstützung der Johanniter-Auslandshilfe konnten sich unsere Mitarbeiterinnen von Dozenten aus Donezk zu Pflegefachkräften qualifizieren lassen. Dieser Beruf existiert in der Ukraine nicht, es gibt dafür noch keine geregelte Ausbildung. Insofern arbeiten bei uns jetzt drei der wenigen Fachpflegekräfte im ganzen Land.

 

Was waren Ihre ersten Schritte?

Wir haben Ende 2007 in Kiew eine Liste mit mehr als 600 Namen von NS-Opfern von der Ukrainischen Stiftung "Verständigung und Aussöhnung" erhalten. Da es keine Telefonnummern gab, schrieben wir Briefe, in denen wir das Projekt vorstellten. Leider mit wenig Resonanz. Wir versuchten, die Telefonnummern herauszubekommen und riefen an. Andere besuchten wir direkt. Die meisten Menschen waren jedoch schon verstorben oder hatten den Wohnsitz gewechselt. Wir hätten niemals gedacht, dass es so schwierig sein würde, die Menschen zu finden! Nach rund zwei Monaten bekamen wir die ersten Klienten.

 

Wie haben die NS-Opfer beim ersten Kontakt reagiert?

Das war sehr unterschiedlich: Einerseits waren die Menschen neugierig, stellten Fragen und freuten sich, dass sich überhaupt jemand für sie interessierte. Diese Menschen sind heute unsere Klienten. Andere reagierten aufgebracht und wollten nie wieder etwas von Deutschland hören. Zu diesen Menschen haben wir keinen Kontakt mehr. Heute betreuen wir 71 Klienten, etwa die Hälfte davon sind ehemalige Zwangsarbeiter.

 

Warum haben Sie das Projekt auch für andere alte Menschen geöffnet?

Ich sehe hier so viel Not und Elend, da kann man gar keinen Unterschied machen! Natürlich müsste man für die NS-Opfer noch viel mehr tun, weil sie extrem gelitten haben, aber das wäre vor allem auch Sache unserer Regierung. Mit den Mitteln der Stiftung EVZ können wir auch nur begrenzt helfen, aber zumindest tun wir überhaupt etwas! In unserem Land darf man nicht alt und krank werden, egal welche Vergangenheit man hat. Die staatliche Rente ist eine Beleidung, die Altenheime eine Zumutung. Deshalb finde ich es wichtig, dass allen geholfen wird.

Wie geht es mit dem Projekt weiter?

Wir brauchen dringend eine gesicherte Finanzierung und suchen Projektpartner in Deutschland. Die Nachfrage ist enorm, aber zur Zeit können wir keine weiteren Klienten aufnehmen. Unsere personellen und materiellen Kapazitäten sind erschöpft. Die von uns betreueten Menschen leben in Not und Elend, viele sind bettlägerig und wir können ihnen im Moment nicht einmal mit Windeln und Medikamenten weiterhelfen. Das ist auch für die Pflegerinnen eine große Belastung. Sie treffen auf eine enorme Erwartungshaltung. Immer wieder bitten die Klienten um Geld für Medikamente, Windeln, Lebensmittel oder Kleidung. Diese Erwartungen müssen unsere Pflegerinnen jedes Mal beschwichtigen.

 

Die Gespräche und Hausbesuche sind extrem wichtig für die alten Menschen. Allein durch diese menschliche Aufmerksamkeit geht es ihnen viel besser. Unsere Pflegerinnen leisten sehr viel und wir würden in Zukunft gerne konkretere Hilfe anbieten und das Projekt ausbauen, aber dafür benötigen wir mehr Geld und Personal.

DAS DOSSIER IM ÜBERBLICK

Zur Person

TAMARA KONTSEVYCH-SCHÖNEBERGER ist Leiterin der Diakoniestation "Rehabilitations­zentrum St. Paul" in Odessa.